Wer beim Betreten der Konzernzentrale der Hugo Boss AG nicht kurz innehält, um die visuellen Eindrücke erst aufzusaugen und dann auf sich wirken zu lassen, ist entweder recht grobmaschig gestrickt oder vom Luxus des Lebens verwöhnt. Die Rezeption könnte auch zu einem Grand-Hotel modernen Zuschnitts gehören. Eine Mauer aus beleuchteten LED-Elementen mit der Aufschrift „BOSS“ verrät wenig subtil, wer hier das Sagen hat. Der konzerneigene Fitnessraum ist nicht in einem dunklen Kellerverlies versteckt, sondern vom Eingangsbereich direkt zu erreichen, wenn man nur einige Stufen absteigt. Wer aufsteigen möchte, etwa in die Chefetage, kann den zentral gelegenen Aufzug nehmen. Am Dienstag ging es für die Teilnehmer der Metzinger Unternehmergespräche geradeaus. In eine Aula, die an ein überdachtes Atrium erinnert. Ringsum Glasfassaden, die den Blick freigeben auf zur abendlichen Stunde nur noch spärlich besetzte Büros.
Die Hugo Boss AG war Gastgeber und gewährte Einblicke in einen Konzern, der den Luxusgedanken nicht nur in die Welt trägt, sondern geradezu herausschreit, analog zu den selbstauferlegten Unternehmenszielen, etwa denen, bis zum Jahr 2025 den Umsatz des Konzerns auf vier Milliarden Euro verdoppelt und Hugo Boss zu den wichtigsten 100 Marken dieser Welt geformt zu haben. Carmen Haberstroh, Metzingens Oberbürgermeisterin, berichtete, als sie das Unternehmergespräch eröffnete, von ihrer ersten Begegnung mit dem neuen Boss-Vorstandsvorsitzenden (CEO), Daniel Grieder. Beide relativ neu in ihren Ämtern trafen sich zum Spatenstich beim Boss-Kindergarten. Da habe Grieder zu ihr gesagt, „seien sie gespannt, wir werden uns in der Vermarktung neu positionieren.“ Er habe nicht zu viel versprochen, so Carmen Haberstroh.

Die Kickbox

Daniel Grieder selbst war an diesem Abend nur virtuell dabei. Als ein Boss-Mitarbeiter über Ziele und Strategien sprach und dazu auch kurze Video-Clips präsentierte, die viel darüber verraten, wie Motivation funktionieren kann in einem Unternehmen voller kreativer Menschen, war Grieder in der Rolle des mächtigen Patrons zu sehen, dem Mitarbeiter eigene Ideen vortragen, meist in Form digitaler Präsentationen. Und immer auf Englisch. Grieder sagt dann kurz seine Meinung, gibt sein Urteil ab, klatscht Beifall, lobt, die Mitarbeiter zollen mit einem kurzen „Thank you very much“ und einer angedeuteten Verbeugung ihren Respekt vor dem Chef. Die Bossianer nennen diese Art der Ideen-Schmiede „Kickbox“, sie habe etwas von „Die Höhle des Löwen.“
Statt Grieder fütterte Vorstandsmitglied Yves Müller (CFO, COO und Arbeitsdirektor) die Besucher mit Zahlen, Daten und Fakten. Müller, der dem Vorstand seit mehr als fünf Jahren angehört und zuvor das Finanz- und Rechnungswesen bei Tchibo unter sich hatte, erwies sich als humorvoller Redner, der die Dinge schnell auf den Punkt zu bringen vermag: „Jo, Moin, komme aus Norddeutschland“, sagte er zur Begrüßung. Er kommt aus Hamburg, wo man sich nicht lange mit komplizierten Erklärungen aufhalte. Nur kurz überflog er die Firmengeschichte.

Die Heuschreckenzeit

Er erinnerte zwar an die Jahre, da der Investor Permira einer Heuschrecke gleich zunächst bei Boss einstieg, aber ziemlich schnell eine halbe Million Euro aus dem Unternehmen nahm, um eigene Aktionäre zu bedienen: „Das ging zulasten der Nachhaltigkeit“, referierte Müller, der weniger für die Vergangenheit als vielmehr für Gegenwart und Zukunft verantwortlich ist. In zwei Jahren feiert Hugo Boss 100-jähriges Bestehen, doch schon jetzt wolle Boss in eine neue Ära des Wachstums eintreten. „Seit einem Jahr geht bei Hugo Boss die Post ab.“ Alle drei Monate spreche er mit etwa 150 Investoren, um die Marke gut zu verkaufen. Einflussreiche Influencer werben für Boss, doch noch wichtiger: Boss ist zu keinen Kompromissen bei der Qualität bereit. Das haben der Leiter der Produktion, Tobias Mittenberger, und Kollegen während der Rundgänge verdeutlicht. So ein Anzug geht nur dann in den Handel, wenn jeder einzelne die Qualitätskontrolle durchlaufen hat. Ein Sakko besteht aus etwa 200 Einzelteilen, die zusammengesetzt ein Ganzes ergeben, „das dem Mann einen erhabenen Oberkörper verleihen soll, denn kein Mensch ist perfekt“, so Tobias Mittenberger. In den Anzügen, deren Teile auch verklebt werden, stecken 120 Minuten Arbeit. Full-Canvas-Anzüge aber sind exklusiver, sie werden genäht. Eine Naht ist elastischer, sie ermöglicht mehr Tragekomfort. Daran arbeiten die Edel-Schneider 250 Minuten.

Handarbeit und Maßanzug

Darin unterscheidet sich Boss beispielsweise von Tommy Hilfiger, Ralph Lauren oder Burberry: „Die haben alle keine eigene Produktion, wir aber wollen unsere komplette Wertschöpfungskette kontrollieren“, sagt Yves Müller.
Der Maßanzug, bei Boss heißt er „Made to Measure“, kostet ab 2500 Euro aufwärts und ist für diejenigen riskant, die unter Gewichts- und Figurschwankungen leiden. Nach 650 Arbeitsminuten ist der Anzug fertig, doch alles, angefangen beim Innenfutter über die Knöpfe bis zum Einstecktuch: Alles kann man sich selbst aussuchen.
Gut für Hugo Boss ist eine Mentalität, die Yves Müller den Betuchten unter den Chinesen zuschreibt: Die kaufen nach dem Motto je teurer, desto besser. 60 Prozent aller Anzüge, die Boss in China verkauft, sind demzufolge Maßanzüge. Bevor freilich die Gäste wieder nach Hause gingen, kam in Yves Müller doch wieder der Hamburger durch. „Nicht viel schnacken, das Büfett ist eröffnet.“