Dettinger Ziegelhütten
: Dachziegel sollen Stroh ersetzen

Unweit des geplanten Baugebiets „Hinter der Ziegelhütte“, angrenzend an die „Chaussee nach Urach“, befanden sich einst Ziegeleien mit bewegter Geschichte.
Von
Albrecht Arnold
Dettingen
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Der Holzschnitt „Der Ziegler“ stammt aus dem Ständebuch des Jost Amman, Frankfurt 1568.

Der Holzschnitt „Der Ziegler“ stammt aus dem Ständebuch des Jost Amman, Frankfurt 1568.

Archiv
  • 1472 ordnete Graf Eberhard im Bart an, Häuser in Urach mit Ziegeln statt Stroh zu decken.
  • 1752 führte Herzog Carl Eugen eine Feuerordnung ein, um Strohdächer durch Ziegel zu ersetzen.
  • Dettingens Ziegeleien hatten eine bewegte Geschichte – Brände zerstörten sie 1808 und 1896.
  • Feierabendziegel waren kunstvoll gestaltete Dachziegel mit Ornamenten und Bibelversen.
  • Ziegelherstellung war harte Handarbeit – ein Arbeiter fertigte ca. 700 Ziegel pro Tag.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Nicht mit Stroh, sondern ziegelgedeckt sollten die Häuser sein, verordnet 1472 in Urach Graf Eberhard im Bart (1445 bis 1492). Entfernt von der Kleinstadt wegen möglicher Feuergefahr lässt er im Nottental eine Ziegelhütte errichten, die 14 Jahre später verlegt wird. Doch mit Dachplatten einzudecken, sehen unsere Vorfahren skeptisch. Hat man doch „immer schon“ sein Haus mit Stroh, Schilf oder Schindeln gedeckt. 1752 erlässt Herzog Carl Eugen (1728 bis 1793) die „Hoch-Fürstlich-Württembergische Land-Feuer-Ordnung“. Darin die Vorschrift „… haben unsere Beamte dahin zu sehen, daß keine Dächer mehr mit Stroh und Schindeln, sondern mit Ziegeln eingedeckt“. Ein zweiter Anlauf erfolgt 1785 durch den Erlass eines General-Rescripts.

Wiederum sollen die Untertanen motiviert werden, ihre Hausdächer mit gebrannten Dachplatten einzudecken. Sollten die Hausbesitzer ihre Wohnhäuser nicht innerhalb von zwei Jahren umdecken lassen, würde im Brandfall ein Sechstel des geschätzten Schadens nicht ersetzt werden.

Einen ersten Hinweis auf eine Ziegelhütte bei Dettingen liefert eine Tat gegen ein obrigkeitliches Verbot. 1558 findet der Dettinger Matthäus Haim „bey der Ziegelhuten“ ein totes Wild, zieht diesem die Haut ab, verkauft sie und wird erwischt. 1617 der nächste Hinweis: Als Ziegler wird der Uracher Sebastian Bock erwähnt. Der Dreißigjährige Krieg erwischt auch die „Ziegelhuten“.

Aus dem Göppinger Raum

1661 verkauft die Gemeinde die „Hofstatt, worauf die Ziegelhütte gestanden“ um 55 Gulden an Christoph Gseller aus Münsingen, der neu baut. 1665 ist Johannes Gseller bei einem Grundstücksverkauf aktenkundig. 1685 veräußert er den halben Betrieb an einen Vetter. Dieser in Unterhausen geborene Johann Balthasar Knauer (1660 bis 1728) ehelicht im Kaufjahr die Dettinger Ratstochter Barbara Rebmann (1660 bis 1704). Im frühen 18. Jahrhundert sind Ziegler namens Knau(e)r, Eberle, Stanger und andere im Betrieb an der Chausseé nach Urach tätig. Familienmitglieder Böttle(n) betreiben das Geschäft ab Mitte des 18. Jahrhunderts.

Anfang des 19. Jahrhundert ziehen Ziegler, meist aus dem Göppinger Raum, nach Dettingen. So ein Johann Georg Dirr aus Reichenbach (1796 bis 1862), der 1829 das Bürgerrecht erhält und dessen Betrieb ab 1828 im Gewerbekataster geführt wird. Dessen Sohn Johann Georg (1825 bis 1910, auch Dürr geschrieben) führt die Firma weiter. Ihm folgt zu unbestimmter Zeit Sohn Carl Eugen (1873 bis 1960).

1808 vernichtet ein Feuer die Ziegelhütte. Zur Feuerwache „3 nacht hinder einander mit den 2 feuer spritzen“ werden der junge Schreiner Johannes Keinath (1790 bis 1863) und Nagelschmied Johannes Schempp (1742 bis 1817) beordert, entlohnt mit 2 Gulden und 24 Kreuzer. Wieder wird die Firma aufgebaut und die Produktion aufgenommen. Ein weiterer Großbrand am 12. Mai 1896 ruiniert die Ziegelei. Ein geplanter Neubau an gleicher Stelle scheitert wegen unzureichendem Grenzabstand zur Staatsstraße. Dirr plant 1904 einen (nicht realisierten) Neubau. Bald darauf bittet der Geschädigte wiederholt darum, eine Sommerwirtschaft betreiben zu dürfen, da „ich durch den Brandschaden kein Gewerbe mehr ausüben kann“ und einen „erheblichen Vermögensschaden erleiden mußte“. 1905 findet sich der Eintrag, dass der umtriebige Dirr „nun auch Handel mit Flaschenbier, Käse und Wurstwaren“ betreibt. Ein 1906 gestellter Antrag zu einem Neubau im Gewann Brühl wird vom Gemeinderat zwar „warm“ befürwortet, aber abgelehnt. Carl Dirr zieht 1909 nach Backnang und betreibt dort die Wirtschaft „Linde“.

In Johann Georg Knauer (1686 bis 1757) als Chef gibt es gegenüber der Dirr’schen Ziegelei einen weiteren Ziegeleibetrieb. Knauers Tochter Maria Agnes (geboren 1711) heiratet 1768 den Pfarrerssohn Georg Jacob Groß aus Täferrot, der von Beruf Müller ist. Dessen Zieglertätigkeit endet 1790 durch einen „obrigkeitlich aufgestellten curator“ (Vormund/Verwalter). Der Ziegler Johann Adam Hiller (1730 bis 1804) erwirbt dessen „Häußer und Gebäu“ samt einer „einstöckigten Ziegelhütten“. Ab 1790 folgen etliche Wechsel. Ab seiner Verheiratung 1840 mit der 20-jährigen Maria Agnes Hiller besitzt der aus Grötzingen stammende Ziegler Gottfried Hauer (1815 bis 1902) bis 1849 diesen Betrieb. Als Aufrührer in den 1848/49er-Unruhen wird er 1851 zu 15 Monaten „gesiebter Luft“ verdonnert und entflieht ein Jahr darauf mitsamt Frau und Kindern in die Neue Welt. Danach ist Johann Christof Rath (1851 bis 1927) Chef bis zur Veräußerung 1899 an Carl Dirr. 1889 ein tragisches Geschehen im Rath’schen Geschäft: Einem neuen Kalkofen entströmt nächtens das äußerst giftige und geruchlose Kohlenmonoxid und beendet das Leben von zwei Arbeitern in der benachbarten Knechtkammer.

Zieglerarbeit in vorindustrieller Zeit hieß Schwerarbeit. Pro Arbeitstag fertigte ein Mann, der das „Handwerk wohl und redlich gelernet hat“, etwa 700 Plattziegel. Diese mussten nach einer württembergischen Vorschrift von 1810 etwa 32 Mal 22 Zentimeter groß und etwa zwei Zentimeter stark sein. Eine um 1755 veröffentlichte Ziegler-Ordnung schreibt vor, „es solle kein Meister keinen Lehr-Jungen an nehmen, er seie dann von ehrlichen Eltern erzeuget und geboren“. Und der Lehrberuf erfordere „starcke Jungen … die das sechzehende Jahr“ erreicht haben.

Der besondere Ziegel

Ein Schmuck- oder Feierabendziegel ist ein vom Ziegler künstlerisch gestalteter Dachziegel, der neben kunstvollen Ornamenten, wie Linie, Kreis, Welle, Spirale, Blume, Sonne, Kreuz und Sterne, Sinnsprüchen, auch Bibelverse, meist Namen und eine Jahreszahl aufweist. Feierabendziegel deshalb, weil er meist außerhalb der Normalproduktion gestaltet wurde, oft auch als Schlussziegel eines Brandes. Die Ausschmückung dieses Schlussziegels könnte bedeuten: 1891 stellte der Ziegler Christian Epple (1849 bis 1906) aus Erkenbrechtsweiler, der vermutlich mit dem Pferd zur Arbeit ritt, in der Ziegelei von Carl Dirr diese Dachplatte als letzten Ziegel eines Brandes für A. Wagner in Dettingen her.

Bis ein Haus „gut bedacht“ werden konnte, musste kräftig in die Hände gespuckt werden und fachliches Wissen der wenig geachteten Handwerker war notwendig. Ziegel- und Hafnererde stand nahe des heutigen Wasserschlössle zur Verfügung. In der Werkstätte galt es, das zähe Material mit Füßen und Händen durchzukneten. Fremdkörper mussten raus. „Gesommert“ und „gemaukt“ hießen weitere Schritte, also trocknen und anschließend mit Wasser einsumpfen. In einer Grube überwinterte der Rohstoff, fror aus, wurde so feinkrümelig, und erst wenn die Masse homogen war, konnte meist zur Wonnemonatzeit die eigentliche Ziegelherstellung beginnen. In einem sandbestreuten Holz- oder Eisenmodel wurde der Plattziegel von Hand „gestrichen“ und eine „Nase“ angeheftet.

Aber auch Hohlziegel, Modell Mönch/Nonne und Backsteine galt’s zu fertigen. Dann durften die nassen Ziegel in den warmen Sommermonaten in offenen Schuppen möglichst gleichmäßig trocknen. Ein verregneter Sommer mit hoher Luftfeuchtigkeit brachte die Ziegler auf 180. Der Brand selbst, zu dem Unmengen Holz benötigt wurden, dauerte mehrere Wochen. „Ziegelöfen sind holzfressende Schlünde!“ ist von 1767 überliefert. Der eigentliche Brennvorgang mit etwa 600 bis 900 Grad Celsius dauerte drei Tage. War 1722 der Brennofen noch etwa fünf Mal pro Jahr im Einsatz, verringert sich dies um 1820 auf etwa drei Brände im Arbeitsjahr, das im Oktober endete. Und dann musste das Gebrannte noch zum Besteller transportiert werden. 1767: „Das Schütteln auf den Stein- oder Pflasterstraßen zermalmt deren eine große Menge, und bei dem Abladen und Niederwerffen gehet der andere Theil vollends zu Grund“.

Der Preis für Ziegel wurde amtlicherseits niedrig bemessen. Nach einer württembergischen Chronik von 1782 kosteten 100 Dachplatten 77 Kreuzer – doch oft zahlten knausrige Gemeinden nur etwa zwei Drittel für diese Menge. Der jährliche „Hüttenzinß“ an den Flecken war „in natura zu liefern: 175 Dachplatten“.