Der Metzinger Künstler Andreas Hetfeld
: Vom Neugreuth in die Niederlande

„Das Gesicht von Nijmegen“ hat Wurzeln in der Region: Der Künstler Andreas Hetfeld erregt derzeit mit einer sechs Meter hohen Maske in seiner Wahlheimat international Aufsehen.
Von
Claudia Reicherter
Metzingen/Nijmegen
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  • Andreas Hetfeld, der heute in Nijmegen lebt, ist im Neugreuth aufgewachsen.⇥

    Andreas Hetfeld, der heute in Nijmegen lebt, ist im Neugreuth aufgewachsen.⇥

    Paul Breuker
  • Arbeit von Andreas Hetfeld im öffentlichen Raum: Das im April 2020 auf einer Insel in der Waal errichtete „Gesicht von Nijmegen“.⇥

    Arbeit von Andreas Hetfeld im öffentlichen Raum: Das im April 2020 auf einer Insel in der Waal errichtete „Gesicht von Nijmegen“.⇥

    Fotos: Privat
  • Kunst im öffentlichen Raum von Andreas Hetfeld, einem aus Metzingen stammenden Künstler, der heute in Nijmegen lebt: Die Installation „Verschiedenartigkeiten“ von 2015 steht in seiner Wahlheimatstadt.

    Kunst im öffentlichen Raum von Andreas Hetfeld, einem aus Metzingen stammenden Künstler, der heute in Nijmegen lebt: Die Installation „Verschiedenartigkeiten“ von 2015 steht in seiner Wahlheimatstadt.

    Privat
  • Andreas Hetfelds „Humans nest“ aus dem Jahr 2011 in Antwerpen.

    Andreas Hetfelds „Humans nest“ aus dem Jahr 2011 in Antwerpen.

    Privat
  • Eine Zeichnung mit Collage von Andreas Hetfeld: „The nature of human being“ von 2009.⇥

    Eine Zeichnung mit Collage von Andreas Hetfeld: „The nature of human being“ von 2009.⇥

    Privat
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Beeldend Kunstenaar“ steht am Beginn eines Video-Clips, in dem der Mann, um den es geht, mit wehendem lockigem Haar aus dem Auge einer Riesenplastik in die Filmkamera winkt. Von dem, was er gleich darauf sagt, kommt vor allem der Ortsname „Nijmegen“ und „Panorama von der Stadt“ beim durchschnittlich sprachgebildeten deutschen Zuschauer an. Dazu: „Objekt“, „Pandemie“, „meine Frau“, „Corona-Krise“, „Stillstand“ und „beinahe kaputtgearbeitet“. Klingt spannend. Da es sich bei dem Mann um Andreas Hetfeld handelt, der im Neugreuth aufgewachsen ist, bis zur 10. Klasse das Metzinger Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium besucht und es für die Leichtathletik-Abteilung des TSV Riederich einst im Speerwerfen nach dem baden-württembergischen Juniorenmeister- und mehreren Kreismeister-Titeln bis in den B-Landeskader geschafft hat, erzählt er uns seine Geschichte auch auf Deutsch – oder wahlweise auf „Urschwäbisch“.

Dialekt wurde zwar im Elternhaus des heute 55-Jährigen nicht gesprochen, aber mit Freunden seiner Handballgruppe umso mehr. Nur ab und zu fehle ihm ein Wort, sagt der international erfolgreiche Bildende Künstler – das ist nun die Übersetzung seiner eingangs zitierten Berufsbezeichnung. Denn seit 1989 lebt Hetfeld im niederländischen Nijmegen, wo er auch studiert hat, und spricht deshalb vor allem Niederländisch.

Zu den Worten, die ihm auf Deutsch nicht gleich einfallen, gehört etwa „Verweigerungsschreiben“. Denn da der begeisterte Sportler aufgrund einer Verletzung nicht in die Sportfördergruppe der Bundeswehr aufgenommen wurde, und sein Vater von Erlebnissen als jugendlicher Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg schwer traumatisiert war, beschloss Hetfeld, dass er „so etwas anderen nicht antun will“ – was das zuständige Bundesamt ohne Gewissensprüfung und Gerichtsverhandlung anerkannte. „Mit bebenden Händen“ habe er den Brief seinem Vater gezeigt, der wie damals üblich der Meinung war, der „Bund“ tue jungen Menschen gut, schon wegen der Disziplin. Der habe aber gesagt, „schick das ab“.

Ansonsten erinnert sich der Künstler in Bezug auf die Region, die er mit 21 Jahren verließ, vor allem an „phantastische Naturerlebnisse“ – er sei dauernd im Wald gewesen. Menschen, die ihm in Erinnerung blieben, sind etwa der damalige Musiklehrer Wilfried Klaffke, der „stets versucht hat, den Schülern Musik auf poetische und lebendige Art, mit Leib und Seele beizubringen, und beim Radfahren in der Stadt immerzu vor sich hingepfiffen hat“. Das hat ihn angerührt.

Und sein Trainer Gerhard Mauz, den er „so cool“ fand, und der ihn sogar darin unterstützte, zu Salamander Kornwestheim zu wechseln – um dort als Speerwerfer weiter zu wachsen.

„Mein Leben war erfüllt von Sport und Schule“, erzählt Andreas Hetfeld. Dabei konnte er sich schon von der 5. Klasse an eigentlich als Beruf nur den des Künstlers vorstellen. Ständig sei er am Kritzeln, Zeichnen und Malen gewesen. „So Phantasiesachen und Comicstrips.“ Sein Vater, selbst Malermeister, musste damals oft mahnen, „das sind Schulhefte, keine Zeichenblöcke!“.

„Ich tat mir schwer mit Lernen, dazu hatte ich einfach keine Motivation“, sagt er. Aber als ihm nach dem Zivi klar war, dass er studieren wollte, da hat er die Fachhochschulreife schnurstracks in einem Jahr durchgezogen. Der weitere Weg führte dann über Kreative Therapie in psychiatrische Einrichtungen und in den Knast, wo er feststellte, „der Wahnsinn draußen ist nur ein anderer als drinnen“. Vor knapp 25 Jahren entschied sich der Vater seines heute fast 31-jährigen Sohnes Thilo zum Leben als „beeldend Kunstenaar“, als freischaffender Künstler.

Die ersten zehn Jahre war es „extrem schwierig, finanziell zu überleben“. In den vergangenen 15 Jahren laufe es „eigentlich ganz gut“, sagt der Mann, der genauso gern Max Richter oder Philipp Glass hört wie Rammstein und Metallica. Aber es gebe keine Garantie, dass das so bleibt. Und in den Niederlanden gibt es keine Künstlersozialkasse. Alters- und Krankheitsvorsorge obliegt ihm wie allen anderen Selbstständigen selbst. Und 40-Stunden-Woche klinge nach Witz. „Aber es ist meine große Leidenschaft und deshalb erfüllend.“

Als 2017, nur ein Jahr nach der Hochzeit, seine Künstlerkollegin Suus Balthussen, mit der er seit 2003 zusammen war, an Krebs starb, wurde ihm die Kunst zudem Rettung und Trost.

Seine sechs Meter hohe, begehbare Polyester-Stahl-Skulptur „Das Gesicht von Nijmegen“ enthält nicht nur eine versteckte Hommage an seine verstorbene Frau, die auch in seiner neuen Partnerschaft stets bei ihnen sei, sondern wurde darüber hinaus den Bewohnern seiner Wahlheimat zum „Hoffnungsträger“. Denn die für eine Insel in der Waal, einem großen schiffbaren Rheinzufluss, konzipierte Maske wurde „ausgerechnet zum Beginn der Pandemie und des Lockdowns im April aufgestellt“, berichtet Andreas Hetfeld. 2017 von der Stadt Nijmegen als modernes Wahrzeichen in einem Wettbewerb mit Beteiligung der Bevölkerung ausgewählt, erfülle die künstlerische Auseinandersetzung mit einem römischen Fund aus dem Schlamm des Flusses nun einen ganz anderen Zweck, als er ursprünglich dachte. „Einst bot die Gefechtsmaske den Römern Schutz vor einem sichtbaren Gegner“, erklärt der Künstler. „Jetzt wurde sie zum Mutmacher in einer Zeit der Bedrohung durch einen unsichtbaren Feind. Es ist toll, wenn eine Arbeit, die du gemacht hast, solch einen Effekt erzielt.“

Die Naturerlebnisse und schließlich auch die Lehre bei einem Präzisionswerkzeugmacher in Bad Urach bilden bis heute „die Basis für viele meiner Kunstwerke“, sagt der Bewunderer von Oskar Schlemmers Triadischem Ballett und Käthe Kollwitz’ „zerschmetternden Zeichnungen“, der zudem Rebecca Horns raumgreifende Installationen und Arbeiten der Japanerin Chiharu Shiota „umwerfend“ findet.

Dass seine Bewerbung um das Metzinger Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus bei der Jury durchfiel, findet er schade. Zumal er seinen Entwurf mit zwei betenden Händen, die zu Waffenprojektilen werden, eher zur Auseinandersetzung geeignet fand als die Siegerarbeit. „Ich würde mich freuen, in naher Zukunft etwas Bedeutungsvolles für Metzingen zu entwerfen“, sagt der vielfach ausgezeichnete, international anerkannte Künstler.

Infos zu Andreas Hetfeld: https://www.hetfeld.nl/; Video zum „Gesicht von Nijmegen“: https://vimeo.com/431756185

Lebensstationen und Ausbildungsweg

1965 in Reutlingen geboren, aufgewachsen im Metzinger Stadtteil Neugreuth
bis 1984 Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium Metzingen
1984-87 Ausbildung zum Feinmechaniker bei Plansee-Greiner in Bad Urach
1988-89 Fachoberschule Stuttgart
1990-94 Studium Kreative Therapie in Nijmegen/Niederlande
1995/96 Studium Moderne Kunst an der Kunstakademie Arnhem/NL
seither freischaffender Künstler in Nijmegen: Schwerpunkt Zeichnung, Objekt, Installation und Land-Art