Club Thing in Metzingen kämpft um corona-konformes Open-Air: Für Sicherheit und Jugendkultur
Es gab einmal eine Zeit, da war jeder von uns abhängig. Sei es von den Eltern, von anderen Verwandten, von einem Vormund, vom Jugendamt. Solange wir die vielzitierten Beine unter dem Tisch der Erziehungsberechtigten ausstreckten, sprich finanziell die Hand aufhielten, hatten Vater, Mutter und andere Autoritätspersonen auch das Sagen darüber, wofür die „Knete“ – so hieß Geld einst im Jugendjargon – ausgegeben wurde.
So ähnlich scheint sich der Club Thing gerade zu fühlen. Zwar ist der selbstverwaltete Metzinger Jugendkulturverein dem klassischen Akne-Alter längst entwachsen, mit 46 Jahren dürfte er im übertragenen Sinn vielmehr schon auf die Midlife-Crisis zusteuern, doch gerade in Zeiten des coronabedingten Veranstaltungsverbots tritt die finanzielle Abhängigkeit von Autoritäten wieder klarer hervor, als es den Machern lieb ist.
Vom Tatendrang zum Stillstand
Von einem Straucheln des Club Thing möchte Jonas Hillmann zwar nicht sprechen: „Anfang des Jahres standen wir wahnsinnig gut da“, berichtet er im Namen des Vereinsvorstands. Der Kalender war voll mit Veranstaltungen aller Art, die Kasse in Ordnung, der Tatendrang groß – auch auf bauliche und organisatorische Veränderungen. Doch dann kam die weltweite Corona-Pandemie: „Das hieß für uns: Umsätze von heute auf morgen auf Null.“
Nach Monaten des verordneten Stillstands sind wie bei anderen Kulturveranstaltern auch bei dem anerkannten Jugendhilfeträger die Reserven nahezu aufgebraucht. Die Stadt zeigte sich großzügig, indem sie mehrere Monatsmieten für das Vereinsdomizil im ehemaligen Umspannwerk in Richtung Riederich übernahm. „Vielen Dank dafür!“, sagte Hillmann am Donnerstagabend, als er zu Beginn der Gemeinderatssitzung in der Stadthalle im Rahmen der Bürgerfragestunde ans Mikro trat.
„Doch wir wollen nicht mehr Bittsteller sein, sind wir doch seit jeher stolz darauf, auf eigenen Füßen zu stehen.“ Zur Selbstständigkeit wollen die Ehrenamtlichen zumindest ansatzweise zurückkehren, indem sie seit dem Shutdown im März demnächst erstmals wieder ein kleines Festival veranstalten – „selbstverständlich corona-konform“.
Deshalb sollen die beiden lokalen Cover-Bands auf dem Club-Gelände im Freien auftreten. Auch wenn es dann schon recht kühl sein dürfte, hat nach Ernest & The Hemingways am 2., 3. oder 4. auch Cat down the River für den 10. Oktober schon fest zugesagt. „Der Club kommt inzwischen auf dem Zahnfleisch daher, deshalb wollen wir ihn auf jeden Fall unterstützen“, sagt Sängerin Sina Müller. „Bei uns ist das Musikmachen Hobby, aber andere müssen ja davon leben.“ Ihnen zu helfen sei wichtig.
Zudem haben die Club-Mitglieder eigenen Angaben zufolge entsprechend der geltenden Corona-Verordnung ein strenges Hygienekonzept ausgearbeitet. „Zuletzt versuchten wir, das in Bezug auf die Erfahrungen in Dettingen nochmal anzupassen“, erklärte Jonas Hillmann im Gemeinderat. Es sehe etwa vor, dass der Mund-Nase-Schutz erst abgenommen werden darf, wenn der Besucher an seinem Biertisch sitzt. „Ich bitte, da zu differenzieren, denn bei privaten Feiern gelten keine Hygieneauflagen, bei einer öffentlichen Kultur-Veranstaltung hingegen schon“, betonte der 30-Jährige an die Stadtverwaltung gewandt.
Denn die „zuständigen Beamten“ haben dem Club bislang dennoch keine Genehmigung fürs Open-Air erteilt. Da sie einen Paragrafen der Corona-Verordnung anders auslegen als der Verein. Dass die Auffassung der Club-Thing-Macher offenbar sowohl das Kultusministerium in Stuttgart als auch das Regierungspräsidium Tübingen teilen, hilft diesem letztlich nicht. Denn die Stadt hat als Eigentümer des Geländes das so genannte Hausrecht. Und damit – wie bei Jugendlichen die Eltern und Erziehungsberechtigten – letztlich das Sagen. Hillmann findet dieses „Totschlagargument“ politisch nachvollziehbar, plädiert moralisch aber für „ein gesundes Gleichgewicht aus Corona-Sicherheit und Kultur-Freiheit“. Deshalb wandte er sich nun öffentlich auch an die Stadträte.
Oberbürgermeister Ulrich Fiedler nannte die Frage zu komplex, um sie ad hoc beantworten zu können. Da Kommune und Verein jedoch „über lange Zeit so ein gutes Verhältnis hatten“ und er hoffe, dass das so bleibt, biete er den Dialog an: „Ich verspreche, wir werden uns schon morgen Vormittag damit befassen.“
46
Jahre alt ist der Club Thing, dessen Name auf den germanischen Begriff für „Volksversammlung“ zurückgeht. Nach den landläufig „Teestube“ genannten Räumen in der Stephansmühle zog der Verein übers Bahnwärterhäusle und die Heerstraße 2004 ins ehemalige Umspannwerk Im Wasser 1.

