Sorgerecht in Deutschland
: Klagen für die Kinder? Ein Vater verzweifelt am System

Ein Mann aus Metzingen und seine geschiedene Frau teilen sich das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder. Er hätte eigentlich dieselben Rechte wie sie, doch die müsste er einklagen. Er hält still, um des Friedens willen.
Von
Peter Kiedaisch
Metzingen
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Familie: ILLUSTRATION - In Familien geht es nicht immer nur harmonisch zu. Steigt bei Eltern ein aggressiver Impuls auf, sollte man die Streitsituation erst mal verlassen und später wieder das Gespräch suchen.    (zu dpa: «Für Eltern: Erste Hilfe, wenn die Erziehung überfordert») Foto: Peter Kneffel/dpa/dpa-mag - Honorarfrei nur für Bezieher des Dienstes dpa-Magazin +++ dpa-Magazin +++

In Familien geht es nicht immer nur harmonisch zu. Erst recht nicht, wenn die Eltern geschieden sind.

Peter Kneffel/dpa
  • Ein Vater aus Metzingen teilt das Sorgerecht, fühlt sich aber von seiner Ex-Frau benachteiligt.
  • Streit um Besuchszeiten: Klagen will er nicht, um das Verhältnis zu den Kindern nicht zu gefährden.
  • Unterhalt wird allein nach seinem Einkommen berechnet, unabhängig vom Verdienst der Mutter.
  • Ex-Frau erschien nicht zu Jugendamt-Termin; Vater kritisiert fehlende Durchsetzungsmöglichkeiten.
  • Viele Betroffene berichten von ähnlichen Problemen und fühlen sich von Behörden allein gelassen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Kürzlich haben wir über die Sorgen einer Frau berichtet, eine sogenannte Bonusmutter, die mit einem geschiedenen Mann zusammenlebt, ihn gerne heiraten und mit ihm Kinder haben würde. In dem Artikel hieß es sinngemäß, ihr Leben sei überschattet vom Machtmissbrauch der Mutter und der Ungerechtigkeit in Gesellschaft und Politik.

Nicht nur finanziell, denn beide kümmern sich auch an jedem zweiten Wochenende um die Kinder. Das, sagen beide, bereichert ihr Leben. Doch es gäbe ein Problem: Die leibliche Mutter nimmt sich mehr Rechte raus als ihr zustehen. Er könnte zwar klagen, fürchtet aber um das gute Verhältnis zu seinen Kindern.

Der auch online erschienene Text hat etwa 400 Kommentare auf Facebook ausgelöst, einige mussten gelöscht werden, weil sie hasserfüllt waren. Über die Reaktionen haben wir uns mit dem Vater unterhalten, wir nennen ihn Philipp, in Wirklichkeit heißt er anders.

Alte Rollenmuster

Auf Facebook wirft Ihnen eine Kommentatorin vor, die Frau sitzengelassen zu haben und jetzt das eigene Schicksal zu bejammern.

Philipp: Das ist falsch, sie hat die Ehe aufgegeben. Nach dem Auszug mit den Kindern hatte sie schnell einen neuen Partner, ich vermute, dass das schon während der Ehe lief. Ich wollte die Ehe retten und schlug vor, eine professionelle Paartherapie zu besuchen. Das wollte sie nicht. Aber der Kommentar auf Facebook überrascht mich nicht. Er bedient das alte Klischee vom Mann: Männer gehen arbeiten, Männer gehen fremd, Männer verlassen Frau und Kinder. Wer in solchen Rollenmustern gefangen ist, hinterfragt nicht, sondern kommentiert, ohne die Hintergründe zu kennen.

Rechtlich ist es ja ohne Belang, aber vielleicht schildern Sie die Umstände, die zur Trennung geführt haben.

Wir haben uns in unserer Beziehung nicht mehr wohlgefühlt. Man hätte sich Hilfe nehmen können, aber sie wollte ganz einfach nicht mehr. Ich musste ihren Entschluss dann so akzeptieren. Als ich auszog, war sie schon mit dem Neuen zusammen.

Dann begann der Rosenkrieg?

Nein, solange sie jemanden an ihrer Seite hatte, war alles schön. Als sie die aber neue Beziehung beendete, ging der Krieg zwischen uns los. Ich hingegen lernte meine jetzige Verlobte kennen. Vielleicht gönnt sie uns das Glück nicht, jedenfalls empfinden wir sie inzwischen als feindselig. Sie gefällt sich in ihrer Rolle als Supermama ohne Privatleben. Das, also ein Leben nur für die Kinder, erwartet sie nun auch von mir.

Fühlen Sie sich von der Politik alleingelassen?

Manchmal schon. Nehmen wir den Unterhalt, den ich für meine Kinder ja gerne bezahle. Aber dessen Höhe richtet sich laut Düsseldorfer Tabelle allein nach dem Verdienst des Vaters, der der Mutter ist irrelevant. Auch wenn sie wie in diesem Fall zu 100 Prozent arbeitet, und die Kinder nach der Schule allein eine Fünf-Minuten-Terrine essen müssen. Zum Vater dürfen sie zum Mittagessen nicht kommen. Ich habe kaum eine Chance, beruflich aufzusteigen und davon zu profitieren.

Das stimmt, aber wären Sie nach wie vor verheiratet und lebten mit Frau und Kindern in einem Haushalt, würden die alle auch von Ihrem Mehrverdienst profitieren.

Richtig, aber dann wäre es unsere gemeinsame Entscheidung, ob meine Frau arbeitet und dazuverdient oder lieber zu Hause bei den Kindern bleibt. Jetzt, als Alleinerziehende, könnte sie es sich leichter leisten, nicht zu arbeiten. Wenn ich aber mit meiner jetzigen Freundin ein Kind habe, wird diese das Kind finanzieren müssen. Weil ich vollumfänglich für den Unterhalt meiner Kinder aus erster Ehe verantwortlich bleibe.

„Der Papa ist böse“

Kinder sind ja grundsätzlich mit Kosten verbunden, das liegt ja nicht unbedingt an Ihrer Situation, für die die Kinder auch nichts können.

Das ist gar nicht als Vorwurf gemeint, aber meine Ex-Frau wird vom System bevorzugt.

Vom System, also von den Behörden?

Die Behörden, etwa das Jugendamt, meine ich gar nicht. Die versuchen, neutral zu sein. Ich erkläre es mal so: Eigentlich haben wir ein geteiltes Sorgerecht, aber nur auf dem Papier. Meine Ex-Frau aber legt die Zeiten fest, an denen die Kinder zu mir kommen dürfen. Das geht eigentlich nicht, aber um das zu ändern, müsste ich klagen. Das möchte ich nicht, denn meine Ex-Frau würde den Kindern sagen, der Papa ist böse und klagt gegen uns. Ich möchte nicht, dass die Kinder schlecht von mir oder meiner Freundin denken. Deswegen schlucken wir brav jede bittere Pille, die uns meine Ex-Frau aufzwingt.

Könnte das Jugendamt nicht als Vermittler auftreten?

Natürlich, das hat das Jugendamt auch schon versucht und einen gemeinsamen Gesprächstermin anberaumt. Zu diesem ist meine Ex-Frau aber nicht erschienen. Zwingen könnte man sie dazu nur per Gericht. Die Geschichte dreht sich im Kreis. Solange Jugendamtstermine freiwillig sind für meine Ex-Frau, sind sie bedeutungslos. Schade ist auch, dass die Ämter nicht unterscheiden zwischen Vätern, die sich Mühe geben und allen Forderungen ohne Vorbehalte und unverzüglich nachkommen, und solchen, denen alles egal ist, auch das Wohl der eigenen Kinder.

Wie sollten Behörden eine solche Bewertung vornehmen?

Vielleicht, indem sie mal einen Blick auf die Lebensumstände aller beteiligter werfen. Meine Freundin und ich leben in einer großen Wohnung, die nur an vier Tagen im Monat, wenn die Kinder bei uns sind, voll genutzt wird. Dabei bräuchten wir nur eine mit zwei Zimmern. Wir fahren auch einen für unsere Ansprüche zu großen Wagen. Wir haben Kindersitze, Fahrräder und so viele Kleidungsstücke und Schuhe für meine Kinder, dass sie bei uns bestens ausgerüstet sind, egal, was passiert. Das kostet alles Geld und stammt nicht vom Unterhalt. Auch so eine Sache: Kauft ihnen die Mutter Markenkleidung, ist sie für die Kinder die tolle Mama, die wissen ja nicht, dass das Geld von mir stammt. Aber um das alles klarzustellen, bräuchte es das Wohlwollen der Mutter. Soll ich wegen ein paar Jeans vor Gericht ziehen?

Werden Frauen in diesem System bevorteilt?

Frauen nicht, aber der betreuende Elternteil. Das ist aber in der Regel die Mutter.

Was hat Sie an den Kommentaren besonders gestört?

Dass sie von Leuten stammen, die den Kommentaren nach zu urteilen, den Artikel gar nicht gelesen haben können. Aber es gab auch Kommentare, die uns gefreut haben. Es gibt wohl viele, die in der gleichen Situation stecken und auf sich allein gestellt sind. Das schweißt zusammen.

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