Ahnenforschung in Reutlingen: Die Brasilien-Saga führt auch nach Bad Urach

Der dritte Teil der Brasilien-Saga von Noa Moreira führt auch nach Bad Urach, unter anderen ins Mauchental.
Karolin MüllerBereits im vergangenen Jahr erschienen mit „Santa Delfina: Aufbruch“ und „Santa Delfina: Die Nachkommen“ die ersten beiden Teile einer Brasilien-Saga. Jüngst wurde nun „Petropolis: Die Saga geht weiter“ veröffentlicht. Die Autorin Noa Moreira setzt damit den Schlusspunkt hinter die Trilogie, die Generationen und Kontinente verbindet.
Die Geschichte entführt den Leser in ganz unterschiedliche Zeiten und damit hin zu verschiedenen gesellschaftlichen sowie politischen Gegebenheiten. Sie erstreckt sich über gut ein Jahrhundert – vom Brasilien des 19. Jahrhunderts bis ins vom Zweiten Weltkrieg zerrüttete Deutschland. Im dritten Teil geht die Reise unter anderem auch nach Bad Urach. Wer aus der Kurstadt stammt oder sich hier auskennt, dem wird das Mauchental sofort etwas sagen. Auch der Schäferlauf wird mehrfach erwähnt.
Mehr als Fiktion
Tiefgründig beschreibt Moreira beispielsweise, wie unterschiedlich sich für die Schwestern Luzia und Liquinha die Ankunft in Urach, fernab der warmen Heimat, anfühlt. Der Erzählstil und die Geschichte ziehen einen schnell in den Bann, machen neugierig. Vielleicht sogar noch ein wenig mehr, wenn man sich bewusst macht, dass vieles nicht reine Fiktion ist, sondern auf wahren Begebenheiten beruht.
Die von der Reutlingerin Anette Sommer unter dem Pseudonym Noa Moreira geschriebene Brasilien-Saga ist in der Tat nicht nur eine Erzählung, insbesondere nicht für die Autorin selbst: „Für mich ist dieses Werk mehr als ein historischer Roman. Es ist das Ergebnis jahrelanger genealogischer Forschung in meiner Familie und eine immersive Reise zu den eigenen Wurzeln.“
Doch warum ein Pseudonym? „Ich habe meine Geschichten nicht erfunden. Ich habe gelauscht, nachgespürt, mich zur Verfügung gestellt“, so die Reutlingerin. Sie schreibe unter einem anderen Namen, weil das, was durch ihre Texte spreche, größer sei als das, was in ihre Kleider passe. Mit der Brasilien-Saga gebe sie ihren Vorfahren eine Stimme. Auch wenn sie die Autorin der Trilogie ist, sieht sie sich nicht als Erzählerin: „Ich bin diejenige, die zuhört. Die sich öffnet. Die Raum gibt.“ Aus Respekt trete sie auch nicht öffentlich auf.
Konkrete Zukunftspläne
Noa Moreira war aber bereit, dieser Zeitung ein schriftliches Interview zu geben. Als erfahrene Redakteurin treffen bei ihr Wortgewandtheit und Faszination zusammen – seit jungen Jahren ist sie von der Ahnenforschung begeistert: „Schon als Kind stand ich staunend vor den Stammbaumzeichnungen meiner Tante – wie Schatzkarten wirkten sie.“
Die Brasilien-Saga bedeute ihr sehr viel, erklärt Moreira. „Die Ahnenforschung in einen Roman zu verwandeln, war ein sehr entscheidender Prozess.“ An dieser Stelle verrät sie auch, dass sie mit dieser Arbeit den Entschluss gefasst hat, als Romanautorin weiterzuschreiben. „Meine Pläne sind schon sehr konkret: Ich arbeite bereits an der ‚Hohenlohe-Saga‘. Dabei verarbeite ich das genealogische Material aus der väterlichen Linie meiner Familie.“ Und es gebe noch mehr Ideen. Etwa eine Vorgeschichte zur Brasilien-Saga. „Material aus der genealogischen Forschung meines Vetters wäre zumindest vorhanden.“
Von der Forschung zum Roman
Doch wie hat sich die Recherche gestaltet? „Meine Tante hatte den Anfang gemacht, doch hauptsächlich mein Vetter lieferte das Fundament aus Daten und Quellen für die mütterliche Linie der Vorfahren.“ Intensive Ahnenforschung zur väterlichen Linie habe eine Großcousine betrieben. Diese habe auch den Impuls gegeben, die beiden Stammbäume digital zusammenzuführen. „Dabei packte mich dann die Faszination: Welche Schicksale stecken eigentlich hinter den nackten Zahlen?“, berichtet Moreira und ergänzt: „Je intensiver ich mich mit den jeweiligen Epochen, Orten und Themen beschäftigt habe, desto deutlicher wurde für mich, welche erzählerischen Möglichkeiten in diesem Material lagen.“
Aus Namen, Daten und dokumentierten Fragmenten seien Figuren und Konstellationen, die sich literarisch weiterentwickeln ließen, entstanden. „Es ging dabei nicht um eine Rekonstruktion im dokumentarischen Sinn, sondern um die Frage, wie sich aus genealogischem Material eine literarisch stimmige und historisch realistisch eingebettete Geschichte formen lässt.“ Der Ausgangspunkt sei zwar historisch fundiert, das Ergebnis jedoch ein Roman.
Doch wie viel ist wirklich Fiktion? Im Laufe der drei Bände würde sich das stark verändern, so Moreira. „In den ersten beiden Büchern ist der fiktive Anteil naturgemäß größer, weil für die weit zurückliegenden Generationen einfach weniger Quellen existierten.“ Im dritten Band sei das anders: „Hier standen mir überlieferte Erinnerungen, Berichte und familiäre Erzählungen zur Verfügung.“ Unter anderem seien auch Originaldokumente aus dem Nachlass ihrer Großmutter, und historische Zeitungsausschnitte vorhanden gewesen. Dennoch bleibe das Ganze ein Roman, betont die Reutlingerin erneut. „Ich habe auch die Namen teilweise verändert. Das gab mir die literarische Freiheit, biografische Elemente zu ordnen und daraus eine stimmige Romanhandlung zu entwickeln.“
Beim Schreiben Menschen kennengelernt
Wer gerne Bücher liest, der kennt vielleicht das Gefühl, dass einem die Figuren etwas bedeuten, man das Gefühl hat, sie zu kennen. Doch wie ging es der Autorin der Brasilien-Sage? „Im Laufe des Schreibens habe ich zu fast allen Figuren eine enge Beziehung entwickelt.“ Im dritten Teil sei die Arbeit aber noch persönlicher gewesen, weil dort die familiäre Nähe und überlieferte Erinnerungen eine größere Rolle gespielt hätten. „Besonders die Figur meiner Großmutter Luzia habe ich während des Schreibens noch einmal aus einer anderen Perspektive betrachtet. Auch die Auseinandersetzung mit dem Leben meines Großvaters Gotthilf war für mich bedeutsam, zumal ich ihn nie persönlich kennengelernt habe.“ Ihm durch das Schreiben doch noch zu begegnen, sei für Moreira eine besondere Erfahrung gewesen.
Auf die Frage, ob man die ersten beiden Bücher im Vorfeld lesen sollte, antwortet Moreira mit einem klaren „Nein“. Wer mit Band 1 beginne, lese die Geschichte chronologisch vorwärts. Wer mit Band 3 einsteigt, lernt zunächst die spätere Generation kennen und kann danach die Vorgeschichte der Familie entdecken. „Beide Wege haben ihren eigenen Reiz.“
Weitere Einblicke in die Ahnenforschung und die Triologie
Auf ihrer Homepage www.noa-moreira.de gibt Noa Moreira mit einem „Projekttaggebuch“ einen Einblick in die Reise zu ihren Ahninnen und Ahnen. Zudem können in einem „kulinarischen Logbuch“ die Rezepte zu den Gerichten in der Brasilien-Sage entdeckt werden. Und natürlich findet sich auf der Website auch ein kurzer Einblick in den Roman selbst.


