Als Elmar Kober vor wenigen Tagen die Zeitung aufschlug, traute er seinen Augen kaum. Dort zu lesen war, wie 33 Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl, sich die Stadt und die Region inzwischen zu einem beliebten Ausflugsziel entwickelt hat. Eben dort wo enorme Mengen Radioaktivität freigesetzt wurden, finden sich jetzt Katastrophentouristen ein. Ausgestattet mit Kameras und Anschlüssen an die sozialen Netzwerke, suchen sie dort das morbide Schaudern, wo Menschen bis heute mit den todbringenden Folgen des GAUs zu kämpfen haben. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wittert derweil eine Marktlücke und will den Boom – angefacht durch die US-amerikanische TV-Serie „Chernobyl“ – für die heimische Wirtschaft nutzen.

Besuche der Katastrophenregion

„Ich habe gekocht, als ich den Artikel gelesen habe“, sagt der 63-Jährige, der lange in Bad Urach lebte, bevor er vor einigen Jahren hinauf auf die Alb nach Gächingen zog. Zwischen 1990 und 1996 besuchte er die Katastrophenregion zusammen mit Mitstreitern des inzwischen aufgelösten Bad Uracher Vereins „Freundeskreis Kinder von Tschernobyl“ gleich mehrmals. Finanziert durch Spenden, die Kober unter anderem nach Auftritten als Weihnachtsmann einsammelte, holte er ukrainische Kinder zur Erholung nach Deutschland und brachte, in Zusammenarbeit mit dem bayrischen Roten Kreuz, Nahrungsmittel sowie medizinische Hilfsmittel zur notleidenden Bevölkerung.

Cäsium 137 hat Gebiet verstrahlt

Im südukrainischen Jaremtsche, etwa 500 Kilometer Luftlinie vom Ort der Katastrophe entfernt, nahm ihn der Landrat bei einer solchen Gelegenheit an die Hand: „Komm, ich zeige Dir das wirkliche Tschernobyl“.  In einer ansonsten reizvoll wirkenden Landschaft betrat Kober die Häuser der Leute und traf dort unter anderem auf abgedunkelte Hinterzimmer, in denen behindert zur Welt gekommene oder todkranke Kinder still dahinvegetieren. Abgeregnetes Cäsium 137 hat das Gebiet nachhaltig verstrahlt.

Vergiftetes Obst und Gemüse auf dem Tisch

Und die Menschen können aus ihrem Dilemma nicht entrinnen. „Wenn ich von hier weggehe, dann sterbe ich ja auch. Also bleibe ich lieber hier“, hörte Kober immer wieder von den dortigen Menschen. Sie bauen wie gewohnt ihr Obst und Gemüse an und essen es, obwohl sie genau wissen, dass es ihnen den Tod bringt. Die Fischsuppe jedenfalls, die man Kober anbot, lehnte er dankend ab.

Auch wenn nun 33 Jahre seit der Katastrophe vergangen sind, weiß Kober: „Die Leute brauchen auch heute noch dringend Unterstützung.“ Verkrüppelte Gliedmaßen, Krebsleiden und Blutkrankheiten gehören zum Alltag. Bis heute kommen rund 20 Prozent der Kinder mit Mutationen zur Welt. „1000 Meter hinter der Glitzerfassade der großen Städte wie Kiew beginnt das Elend“, weiß Kober.

Pietätlose Sensationsgier

Dass ausgerechnet dort Touristen aus den Bussen steigen, um in der 30 Kilometer umfassenden Sperrzone zu knipsen und ihre Sensationslust zu stillen, tue ihm weh. Übrig hat er dafür nur Kopfschütteln und ein Wort: „Pietätlos.“ Auch die Regierung kritisiert Kober: „Statt die Event-Kultur zu begünstigen“, fordert er, „muss man den Leuten vor Ort helfen“. Die Gewinne, die durch derlei Touren erwirtschaftet werden, flössen zudem nur einigen Wenigen zu, statt der breiten Masse, unterstreicht der gläubige Christ. Bis heute sind Hilfsorganisationen im Land tätig. Und die Hilfe wird nach wie vor gebraucht. Bis heute erreichen Kober Dankesschreiben, aber auch Bittbriefe verzweifelter Menschen.

Latente Mutationsgefahr

Angst, auf seinen Reisen selbst zu viel Strahlung abzubekommen, hatte Kober nicht. „Ich habe Gottvertrauen – und ich hatte Glück.“ Persönliche Konsequenzen für ihn, aber auch seine Frau Ute, hatten die Reisen dennoch: Die Familienplanung geriet ins Stocken. Wegen latenter Mutationsgefahr herrschte, zurück in Deutschland, jeweils ein halbjähriges Zeugungsverbot.

Das könnte Dich auch interessieren:
Sammlerin findet Riesen-Steinpilz bei Metzingen Spitzenfund mit 24 Zentimetern Durchmesser

Metzingen

Stadtgespräch über Umgangsformen im Internet Von Hass-Kommentaren und mangelndem Anstand

Reutlingen