Wirtschaft im Nordschwarzwald
: "Besorgniserregend": IHK veröffentlicht Konjunkturbericht

Die prozentualen Zufriedenheitswerte, die sich aus Firmen-Befragungen ergeben, stellen laut IHK-Hauptgeschäftsführerin Tanja Traub den Übergang zu einer Rezession dar.
Von
NC
Pforzheim/Freudenstadt
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Findet deutliche Worte: IHK-Präsidentin Claudia Gläser.

Findet deutliche Worte: IHK-Präsidentin Claudia Gläser.

Karl-Heinz Kuball (Archiv)
  • Deutsche Wirtschaft schwächelt seit zwei Jahren, Rezession droht laut IHK.
  • Nur 18% der Firmen im Nordschwarzwald bewerten die Lage als gut.
  • Anstieg der Arbeitskosten (76%) und schwache Inlandsnachfrage (74%) als größte Risiken.
  • Energiepreise und Fachkräftemangel verschärfen die Lage.
  • Exporterwartungen sinken; Druck auf Regierung und EU wird gefordert.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Seit fast zwei Jahren zeigt die deutsche Wirtschaft Schwächen, und Anzeichen für einen Aufschwung zum Jahreswechsel bleiben aus. Im Gegenteil: Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute gehen in ihrer Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2024 davon aus, dass die deutsche Gesamtwirtschaft mit ihrem Bruttoinlandsprodukt (BIP) in 2024 sogar um 0,1 Prozent schrumpft. Auch die konkreten Rückmeldungen der regionalen Wirtschaft im Nordschwarzwald sind negativ. Darüber informiert die IHK Nordschwarzwald in ihrem am Freitag veröffentlichten Konjunkturbericht.

Für die Erhebung wurden im September laut einer Mitteilung rund 300 regionale Unternehmen befragt. Die Ergebnisse basieren dabei nicht auf komplizierten Methodiken und mehrschichtigen Berechnungsmodellen, sondern auf einem repräsentativen Branchenmix, der die Wirtschaftsstruktur der Region widerspiegelt. „Wir erhalten vor Ort also ein unverfälschtes Bild von der Geschäftslage und zu den Aussichten für die kommenden zwölf Monate – und dieses Bild ist besorgniserregend“, werden IHK-Präsidentin Claudia Gläser und IHK-Hauptgeschäftsführerin Tanja Traub unisono zitiert. „Das veranlasst uns, als Sprachrohr der regionalen Wirtschaft, noch deutlichere Signale in Richtung Bundespolitik zu senden.“

Nur 18 Prozent der Unternehmen im Nordschwarzwald bewerten nach IHK-Angaben ihre Geschäftslage als gut, während 29 Prozent sie als schlecht und 53 Prozent als befriedigend einstufen. „Diese Werte sind vor dem Hintergrund einer über zwei Jahre anhaltenden Stagnation im Übergang zu einer Rezession einzuordnen“, sagt Traub.

"Brauchen Signale der Ampel-Koalition"

Der Anteil der Unternehmen mit schlechter Geschäftslage war bereits von 20 Prozent im Herbst 2023 auf 23 Prozent im Frühjahr 2024 gestiegen. Der Abwärtstrend setzt sich also fort. Besonders kritisch zeigt sich die Ertragslage: Lediglich jedes neunte Unternehmen bewertet sie als gut, während 47 Prozent von einer befriedigenden und 42 Prozent von einer schlechten Ertragslage berichten. Im Frühjahr 2024 lag dieser Wert bei 37, vor einem Jahr nur bei 26 Prozent.

Gläser dazu: „Die wachsende Zahl an Unternehmen in Schwierigkeiten zeigt sich bundesweit mit einer steigenden Zahl an Insolvenzen und vor Ort außerdem mit dem steigenden Beratungsbedarf von Unternehmen in problematischen Situationen. Die Bundesregierung hatte noch vor wenigen Wochen ihre Wachstumserwartungen angehoben und das mit möglichen Positiv-Effekten durch die im Juli beschlossene sogenannte Wachstumsinitiative begründet. Wir müssen feststellen: Das kommt in der Wirtschaft nicht an und das spiegelt sich auch nicht in den Rückmeldungen unserer Unternehmen wider. Auch wenn Robert Habeck seine Erwartungen vor wenigen Tagen an die der Wirtschaftsforschungsinstitute angepasst hat, habe ich Zweifel, dass die Bundesregierung den Ernst der Lage richtig einordnet, die Sorgen und Nöte der Wirtschaft versteht und entsprechend handlungsbereit ist. Unsere Geduld ist am Ende. Die Wirtschaftsaussichten trüben sich zunehmend ein. Wir brauchen jetzt dringend klare Signale der Ampel-Koalition."

Welche Risiken Unternehmen sehen

„Die Unzufriedenheit ist hoch – dies zeigt sich besonders in der Einschätzung der Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung der eigenen Unternehmen“, fügt Traub hinzu. Mit 76 Prozent steht der Anstieg der Arbeitskosten auf Platz eins. Noch im Frühjahr lag dieser Wert bei 61 Prozent, im Vorjahr bei 59 Prozent. „Hier entfaltet die Lohn-Preis-Spirale ihre Wirkung und das nimmt einen noch intensiveren Einfluss auf unsere Wettbewerbsfähigkeit“, so Traub weiter. An zweiter Stelle folgt die schwache Inlandsnachfrage, die mit rund 74 Prozent auf einem vorderen Platz bleibt.

Tanja Traub, Hauptgeschäftsführerin der IHK Nordschwarzwald.

Tanja Traub, Hauptgeschäftsführerin der IHK Nordschwarzwald.

IHK Nordschwarzwald

„Auch hier fehlen wichtige Impulse seitens der Politik. Die Wachstumsinitiative der Bundesregierung – mit zarten Ansätzen zur Bürokratieentlastung und schüchternen Versuchen zu besseren Abschreibungsbedingungen – reichen nicht aus und sind ein schwaches Signal. Wir brauchen grundlegende Reformen, die den Staat bei den nicht-investiven Ausgaben entlasten und der Wirtschaft Planungssicherheit für Investitionen geben“, kritisiert die IHK-Hauptgeschäftsführerin. Die Energie- und Rohstoffpreise (Platz 3) sowie der strukturelle Fachkräftemangel (Platz 4) runden die Liste der Top-Risiken ab.

Präsidentin vermisst Druck auf EU

Die Exportnation Deutschland sieht sich durch geopolitische Spannungen zunehmend gefährdet. Das belegen die schwachen Zahlen zu den Exporterwartungen: Nur 26 Prozent erwarten steigende Exporte (Frühjahr 2024: 38 Prozent), 36 Prozent erwarten gleichbleibende Exporte (Frühjahr 2024: 35) und knapp 38 Prozent rechnen mit fallenden Exporten (Frühjahr 2024: 27). „Immerhin: Mit der neuen EU-Kommission ist wieder ein gewisses Maß an Handlungsfähigkeit erreicht. Doch anstatt sich international dafür einzusetzen, dass unser Binnenmarkt noch weiter vertieft wird und neue internationale Handelsabkommen – wie beispielsweise Mercosur – vorangetrieben werden, damit unsere Unternehmen neue Märkte erschließen können, erleben wir bei der Bundesregierung innenpolitische Selbstbeschäftigung. Der Druck der Ampel auf die EU bleibt aus", sagt Gläser. Und verweist auf die bevorstehenden US-Wahlen, "die möglicherweise neuen Protektionismus mit sich bringen. Deutschland und die EU müssen vor diesem Hintergrund eine aktivere Rolle einnehmen, doch stattdessen sehen wir ein zunehmendes Schwächeln".

Die Einschätzung der Unternehmen zur Geschäftslage.

Die Einschätzung der Unternehmen zur Geschäftslage.

IHK Nordschwarzwald / highcharts.com

Auch die Frühindikatoren deuten laut IHK auf eine anhaltend schwierige Lage hin. Weniger als neun Prozent der Unternehmen verzeichnen noch steigende Auftragseingänge, 52 Prozent geben ein gleichbleibendes Volumen an, während 39 Prozent von einem Rückgang berichten. „Das anhaltend niedrige und sinkende Niveau der Auftragseingänge seit über einem Jahr bereitet große Sorgen“, sagt Traub. Auf die Frage nach der Geschäftsentwicklung in den kommenden zwölf Monaten geben lediglich 19 Prozent eine Verbesserung an. 51 Prozent gehen von gleichbleibenden Geschäften aus und 30 Prozent erwarten eine weitere Verschlechterung.

Lage in Wirtschaftszweigen

Verarbeitendes Gewerbe: Bei der genaueren Auswertung der einzelnen Wirtschaftszweige hinterlassen die Zahlen zum verarbeitenden Gewerbe die größte Sorge. Nur neun Prozent beurteilen die Geschäftslage als gut, etwas über 46 Prozent als befriedigend und ganze 44 Prozent als schlecht. Das sind 11 Prozentpunkte mehr als vor einem Jahr.

Tourismus: Im Tourismusgewerbe der Region herrscht noch eine recht stabile Lage: 50 Prozent bewerten die Geschäftslage als positiv (Vorjahreszeitraum: 33 Prozent), 42 Prozent sehen sie als befriedigend (55 Prozent); nunmehr 8 Prozent sprechen von einer schlechten Geschäftslage (11 Prozent).

Handel und Dienstleistungen: Die Unternehmen aus dem Bereich zeichnen ein etwas besseres Bild von der wirtschaftlichen Lage als das produzierende Gewerbe: Immerhin 27 Prozent geben an, die Geschäftslage sei „gut“ (16,5 Prozent), 61 bezeichnen sie als „befriedigend“ (77 Prozent) und zwölf Prozent als schlecht.