Wie es sich im Horber Lotzer-Haus lebte: Abenteuer Lotzer-Haus: Wenn das Abwasser im Duschabfluss „Hallo“ sagt

Im zweiten Obergeschoss rechts lag seinerzeit das Zimmer des Volontärs – Pizza-Dauerberäucherung und Straßenlärm inklusive.
Dagmar StepperAuf manche Termine bereitet einen die Redaktion nicht vor. Als neuer Volontär sucht man primär ein schnelles Dach über dem Kopf, nicht das Epizentrum eines Grabenkriegs. Doch genau dort landete ich vor gut 17 Jahren: im berühmt-berüchtigten Lotzer-Haus in der Horber Innenstadt. Der bürokratische Slalom begann vor dem Einzug. Während Mietverträge oft das Volumen eines Lexikons umfassen, wurde meine Kaution ganz pragmatisch auf einem Bierdeckel festgehalten. Das Geld floss später anstandslos zurück. Damit endete die Leichtigkeit, und das Abenteuer als Bewohner einer fortlaufenden Baurechtsakte begann.
Das Leben im Lotzer-Haus erforderte sensorische Abhärtung. Das erste existenzielle Problem zeigte: Es gab schlicht keine Mülltonnen. Ich schmuggelte meinen privaten Hausmüll daher klammheimlich Tag für Tag in die Redaktion und entsorgte ihn in den dortigen Behältern.
Komplex gestaltete sich auch die kulinarische Kulisse im Zimmer. Direkt im Erdgeschoss betrieb damals ein Pizzabäcker sein Geschäft, dessen Abrauchrohr exakt unter meinem Zimmer endete. Man lebte in einer permanenten Wolke aus verbranntem Käse. Öffnete man das Fenster, drang stattdessen der Sound der Horber Ortsdurchfahrt herein. Mein Zimmer ging zur Straße raus: Dauerverkehr im Sekundentakt, untermalt vom dumpfen Grollen schwerer Lastwagen. In jenen schlaflosen Nächten wurde mir die verkehrspolitische Bedeutung der Horber Hochbrücke nicht nur intellektuell klar – ich betete regelrecht für deren schnelles Kommen.
Täglicher Kampf gegen die Elemente
Auch die sanitäre Infrastruktur blieb ein Abenteuer. Das Rohrleitungssystem schien einer zirkulären Logik zu folgen. Wer nach verrichteter Notdurft die Toilettenspülung betätigte, durfte kurz darauf fasziniert miterleben, wie das gerade Verabschiedete im Duschabfluss fröhlich wieder emporstieg. Wenn dann noch Wasser durch die Decken drang, verstand man plötzlich ganz praktisch, warum das Rathaus so intensiv über Brandschutz philosophierte.
Trotz des täglichen Kampfes gegen die Elemente hatte das Leben eine charmante Kehrseite. Das Haus war voller Leben, getragen von netten WG-Kollegen, die an der Horber Hochschule studierten. Wenn sie da waren, trafen wir uns in einer geräumigen Küche. Dort wurde gemeinsam gekocht, geplaudert und der Wahnsinn weggelacht.
Am Ende bin ich ausgezogen, lange bevor das große Polizeiaufgebot zur Zwangsräumung anrückte. Die Erkenntnis bleibt: Die besten Geschichten recherchiert man nicht am Schreibtisch, man erlebt sie im eigenen Badezimmer.
