Weitingen · Zweiter Weltkrieg: Hunger war stärker als die Angst

Vor 75 Jahren rückten in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs die Franzosen in Weitingen ein. Das Dorf entging damals nur knapp einer Katastrophe. Repro Postkarte: Hermann Nesch
Nicht gesetztVor 75 Jahren, am 18. April 1945, rückten in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs die Franzosen in Weitingen ein. Das Dorf entging damals nur knapp einer Katastrophe (die SÜDWEST PRESSE berichtete am Jahrestag). Danach bestimmten die Sieger das Geschehen im Ort, das der ehemalige Weitinger Karl Fischer in seinem Buch „Die Trikolore im Ländle“ als Erinnerung an „eine böse Zeit“und zur Mahnung niedergeschrieben hat.
In „heiteren und weniger heiteren Geschichten“ schildert Karl Fischer „nicht ganz vollzählige Ereignisse“, die sich in den ersten Nachkriegsjahren in der französisch besetzten Zone abgespielt haben. Die SÜDWEST PRESSE berichtet auszugsweise aus den Erzählungen des heute 95-Jährigen, der in Wiesloch lebt.
Beim Einmarsch am 18. April 1945 konnte nur durch das beherzte Eingreifen des damaligen Pfarrers, Dekan Karl Wagner, und des vor der Verfolgung der Nazis untergetauchten Karl dorr, später Prälat am Stephansdom in Wien, das Schlimmste, nämlich die Beschießung und Bombardierung, verhindert werden.
Karl Fischer hat den Einmarsch der Franzosen nicht selbst miterlebt. Er war als Funker bereits im Februar 1945 im holländischen Scheveningen in kanadische Kriegsgefangenschaft geraten und von dort aus im offenen Boot „bei einer Seefahrt, die ich gar nicht lustig fand“, über die stürmische Nordsee nach Wilhelmshaven verschifft worden.
Nachdem er zunächst auf einem ostfriesischen Bauernhof festgesetzt war, wurde er im September 1945 in die amerikanische Besatzungszone nach Heilbronn und später nach Sindelfingen entlassen, von wo aus er in einem 40 Kilometer langen Nachtmarsch über Bahngleise, Wiesen, Äcker und Gräben den Heimweg nach Weitingen antrat. Allerdings musste er zuvor noch bei Bondorf, dem letzten Ort vor der französischen Zonengrenze, die Grenze illegal überwinden.
Monatelang ohne Nachricht
Nachdem er dies im Morgengrauen an einem Sonntag geschafft hatte, ohne von einem Nachbarn oder einem anderen Bewohner des Dorfes gesehen worden zu sein, erreichte er endlich sein Elternhaus. Er hatte – wie viele andere Soldaten – seit der Gefangennahme nichts mehr von Eltern und Geschwistern gehört und wusste auch nicht, wie sie den Einmarsch der Franzosen überstanden hatten. Auch sie ahnten nicht, ob oder wie er die letzten Kriegsmonate und die Monate danach überlebt hatte.
In dieser Zwischenzeit hatte sich auch in Weitingen vieles ereignet. „Eigentlich“, so der damalige Kriegsheimkehrer, „hätte ich es doch verdient gehabt, mich in aller Ruhe zu Hause wieder einzuleben nach den strapaziösen Erlebnissen der letzten Tage und Wochen.“
Doch es sollte anders kommen, Die schlechte Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, die nur auf Lebensmittelkarten zu bekommen waren, zwang ihn zu einem riskanten Schritt: Auf das Rathaus zu gehen und sich offiziell zurückzumelden, um ebenfalls an die unverzichtbaren Karten zu kommen.
Wegen der Gefahr, von der Gendarmerie festgenommen und Kriegsgefangener in die französischen Bergwerke gesteckt oder in der Landwirtschaft eingesetzt zu werden, hatte er vor, erst einmal im Untergrund zu bleiben. Galten doch die Franzosen als „scharfe Hunde“. Außerdem kamen in der französischen Besatzungszone auf 1000 Einwohner 18 Besatzer, in der benachbarten US-Zone hinter Ergenzingen dagegen nur drei.
Nicht von ungefähr sprach der Politologe Theodor Eschenburg auch von einer „Ausbeutungskolonie“. Auch Weitinger Bewohner(innen) konnten und können ein Lied davon singen. Körperliche und seelische Drangsalierungen waren keine Seltenheit, „und die Hungersnot war in der französischen Zone besonders schlimm“. Außerdem nahmen die Besatzer vielerlei mit, „was sie brauchen konnten“.
Vor dem Einmarsch hatten sich viele in den Kellern versteckt. So auch Fischers Familie neben dem Schafstall. Die Haustür hatten sie nicht abgesperrt, um Schäden durch ein gewaltsames Öffnen zu vermeiden. Als die Familie nach dem Durchmarsch der Franzosen in das Haus zurückgekehrt war, fand sie die Schränke und Schubladen durchwühlt und stellte fest, dass die Wertgegenstände fehlten.
Nach einigen Tagen getraute sich Karl Fischer letztlich doch aufs Rathaus, obwohl er noch keine Aufenthaltserlaubnis hatte. Der Hunger war stärker als die Angst. Und wie sich herausstellen sollte, war der neue Schultes Julius Mayer – obwohl von den Franzosen eingesetzt – auch nicht der befürchtete verlängerte Arm der Besatzer. Fischer wurde von ihm freundlich empfangen. Ihm wurde aber auch beschieden, dass es ohne den Nachweis einer Beschäftigung keine Lebensmittelkarten gebe. Also solle er sich erst einmal Arbeit suchen: „Das dürfte nicht schwer sein. Für den Brückenbau suchen sie immer noch welche.“
Er als gelernter Konditor auf dem Bau? Das konnte sich Fischer nicht vorstellen, und einen Konditor brauchte man in den Nachkriegstagen auch nicht, galt doch die Sorge zuerst dem täglichen Brot. Außerdem gab es mit den Bäckereien Kalbacher und Bernhard schon zwei Bäcker am Ort, und die Stellen in der Mannschaftsküche und im Offizierskasino bei der Militärverwaltung in der Horber Kaserne, wo es sich die Franzosen gut gehen ließen, waren alle besetzt.
Der Schultes hatte Recht: Auf dem Bau gab es genug zu tun. Aber was da alles auf die Hungerleider als Bauarbeiter zukam, vor allem auf dem Eutinger Flugplatz und beim Brückenbau in Eyach, ist eine andere Geschichte. Auch auf der strategisch wichtigen Bahnstrecke Tübingen–Rottweil waren noch kurz vor Kriegsende etliche Brücken von den zurückweichenden deutschen Truppen zerstört worden. Diese mussten schnellstens erneuert oder repariert werden.