Talk-Gast in Empfingen: Guido Buchwald erklärt, was der VfB richtig und Nagelsmann falsch gemacht hat

Guido Buchwald ist heute noch für den VfB Stuttgart als Markenbotschafter aktiv.
Sebastian Gollnow/dpa100 Jahre SG Empfingen – und zum großen Jubiläum kommt einer, der deutsche Fußballgeschichte geschrieben hat: Guido Buchwald. Der Weltmeister von 1990 ist am Sonntag, 20. September, beim JAKO-Fußballtalk in der Empfinger Täleseehalle zu Gast. Von 11 bis 12.30 Uhr diskutiert die VfB-Legende dort gemeinsam mit weiteren prominenten Gästen über den Fußball.
Vor seinem Auftritt in Empfingen spricht Buchwald mit unserer Redaktion über die Bedeutung der Amateurvereine, die Entwicklung seines VfB Stuttgart und darüber, was ihm bei der Nationalmannschaft zuletzt gefehlt hat. Der 65-Jährige blickt aber auch zurück: auf den besonderen Zusammenhalt der Weltmeister von 1990, seine Vereinstreue und ein verlockendes Interesse von Real Madrid.
Kannten Sie Empfingen schon vor der Einladung zum Jubiläum der SG?
Ja, zumindest die Gegend. Ich wohne im Großraum Reutlingen, und wenn man beispielsweise in den Schwarzwald fährt, kommt man immer wieder in diese Richtung. Mein Bruder hat früher in der Schwarzwald-Bodensee-Liga gespielt. In Ergenzingen war ich auch öfter.
Die SG Empfingen feiert ihren 100. Geburtstag. Was bedeuten solche Vereine gerade in kleineren Orten für den Fußball?
Sie sind unglaublich wichtig für unsere Fußballkultur. Sie bilden die Breite und die Basis. Dort geht es um den Spaß am Sport, aber natürlich werden dort auch Talente entdeckt. Dazu kommt das Vereinsleben. Gerade im ländlichen Raum sind Sport- und Fußballvereine ein Stück Kultur. Da sind sehr viele Menschen ehrenamtlich tätig, es gibt Jugendabteilungen, Kinder und Jugendliche werden entwickelt und lernen Gemeinschaft. Deshalb müssen wir diese Vereine unterstützen.
Sie selbst haben beim SV Wannweil angefangen. Was haben Sie dort gelernt?
Wir hatten Ehrgeiz, wollten uns untereinander stärken und gemeinsam Erfolge haben. Man lernt aber genauso, zusammen zu feiern und gemeinsam eine Niederlage zu verarbeiten. Dieses Vereinsleben ist unheimlich wichtig.
Welche Bedeutung haben solche kleinen Vereine heute noch für die Talentförderung? Ist es im ländlichen Raum schwieriger, auf sich aufmerksam zu machen?
Ein großes Talent wird nicht durch das Raster fallen, da bin ich mir sicher. Deshalb sind die Vereine mit ihren Trainern, Jugendleitern und den Strukturen in den Bezirken auch so wichtig. Wichtig ist aber auch: Wenn ein Spieler Talent hat, sollte ein Trainer nicht denken: Den schicke ich nicht weiter, sonst wird er uns abgeworben. Es darf durchaus ein Stolz für einen kleinen Verein sein, wenn einer seiner Spieler den Weg nach oben schafft.

Legendäres Duell: Guido Buchwald hatte im WM-Finale 1990 gegen Argentinien den Auftrag, Diego Armando Maradona zu "bewachen". Das gelang ihm mit Bravour.
Frank Leonhardt/dpaDie Kommerzialisierung des Fußballs nimmt immer mehr zu. Ist das noch der Sport, den sie lieben?
Ich liebe den Fußball weiterhin. Die Zuschauer, die Stimmung im Stadion – das gefällt mir natürlich. Auf Randalierer kann ich verzichten, die braucht niemand. Aber Fußball bewegt sich immer weiter und wird nie stillstehen. Es gibt weiterhin viele tolle Spiele und tolle Tore.
Auf dem Transfermarkt werden enorme Summen bezahlt und Kader verändern sich bis kurz vor Schluss. Fremdeln Sie mit dem modernen Profifußball?
Fremdeln nicht. Die europäischen Ligen wachsen immer stärker zusammen, alles wird internationaler. Ich bin aber froh, wenn Vereine weiterhin viele eigene und deutsche Spieler haben. Das schafft eine gewisse DNA. Gleichzeitig ist es auch schön, dass man neue Spieler aus anderen Ländern in unseren Ligen sieht.
Sie sind eine der großen Identifikationsfiguren und Botschafter des VfB Stuttgart. Wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung?
Beim VfB ist wieder Konstanz eingekehrt. Es wird wieder schwäbisch gearbeitet: ruhig und sachlich, mit Fachwissen, ohne sich selbst ständig in den Vordergrund zu stellen. Der VfB ist ein spezieller Verein, der durch seine besonderen Fans unheimlich viel Power hat. Ich unterstütze ihn sehr gerne. Der Pokalsieg und die Entwicklung der vergangenen Jahre sind Resultate dieser Arbeit.
Wo sollte sich der VfB dauerhaft einordnen?
An den Top Sechs sollten wir uns immer orientieren. Jetzt geht es darum, sich nach guten Jahren dort zu etablieren. Wir sind wieder in der Champions League. Natürlich gibt es die ganz, ganz großen Vereine, aber der VfB sollte den Anspruch haben, sich oben festzusetzen.
Sie selbst waren elf Jahre beim VfB. Ist eine solche Vereinstreue heute noch realistisch?
Der Fußball hat sich verändert. Ich bin damals nicht wegen 5000 Euro mehr im Monat zu einem anderen Verein gewechselt. Für mich stand mein Verein im Vordergrund. Aber natürlich gab es auch damals Angebote.
Wären Sie heute vielleicht eher versucht, eines dieser lukrativen Angebote anzunehmen?
Schwer zu sagen. Ich hatte auch einige Angebote. Nach elf Jahren beim VfB bin ich nach Japan gegangen, weil ich wirklich einmal etwas anderes sehen wollte. Finanziell war das natürlich ebenfalls gut.
Gab es ein Angebot, über dass sie damals länger nachgedacht haben?
Ja, von Real Madrid gab es einmal eine Anfrage. Das war natürlich sehr verlockend. Dass es nicht geklappt hat, lag aber nicht nur an mir, sondern auch daran, wie es damals gerade bei Madrid lief. Auch Parma hatte mir ein Angebot gemacht.
Wie haben Sie Nationalmannschaft bei der WM gesehen? Was hat Ihnen gefehlt?
Ich habe die ganze WM angeschaut und auch viele andere Spiele gesehen. Da waren viele gute Partien dabei. Bei unserer Mannschaft habe ich den absoluten Willen vermisst, ebenso den Teamgeist. Für mich wirkte das teilweise eher wie eine Zweckgemeinschaft.

Die deutsche Mannschaft stellt sich 1990 nach der Siegerehrung bei der Fußball-Weltmeisterschaft im Olympiastadion von Rom zum Gruppenbild auf. Guido Buchwald ist in der hinteren Reihe als Vierter von links zu sehen.
Frank Kleefeldt/dpaWar das bei Ihrer Weltmeistermannschaft 1990 anders?
Absolut. Wir haben das gelebt. Das war nicht aufgesetzt, sondern wirklich so. Deshalb treffen wir uns auch nach über 35 Jahren noch gerne.
Was muss nun geschehen?
Entscheidend ist, dass eine Mannschaft wieder zusammenfindet und diesen Stolz entwickelt. Wir haben große Talente. Aber man muss sie zusammenbekommen und daraus wieder eine Einheit formen.
Trauen Sie Jürgen Klopp genau das zu?
Ja. Mit Klopp wird es aufwärtsgehen. Er ist eine Respektsperson und hat unheimlich viel Erfahrung. Er kennt den Sport und mit England auch die beste Liga. Ich bin unheimlich froh, dass er es jetzt macht. Er bringt ein anderes Gen mit. Man muss ihm allerdings auch ein bisschen Zeit lassen. Zur absoluten Weltspitze zurückzukommen, braucht Zeit. Aber wir haben große Talente, und ich glaube, dass er es schafft, daraus wieder eine stolze Nationalmannschaft zu formen. Er hat ja jetzt schon mehr Spiele live im Stadion verfolgt als sein Vorgänger.
Was hat Ihnen bei Julian Nagelsmann noch nicht gefallen?
Es gab so viele Sprüche. Es war zu viel Hin und Her und er hat Versprechungen gemacht, die er dann nicht eingehalten hat.
Rund um die WM wurde auch über die FIFA und die zunehmende Kommerzialisierung diskutiert. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Natürlich war es auch schön, so viele Spiele sehen zu können, auch mehr exotische Mannschaften. Aber muss man vor allem an die Spieler denken. Es gibt praktisch keine Pausen mehr.

Noch immer eng mit dem VfB Stuttgart verbunden: Guido Buchwald (rechts) hier 2018 bei einem Legendenspiel mit Jürgen Klinsmann.
Marijan Murat/dpaWie kritisch betrachten sie das Verhalten von FIFA-Präsident Gianni Infantino?
Ich bin froh, dass die europäischen und auch andere Verbände seine Ziele gestoppt haben. Es muss jetzt mal Schluss sein, dass immer weiter kommerzialisiert und jedem Cent hinterhergerannt wird.
Infantino will 2027 wieder kandidieren. Meinen Sie, er hat die Unruhe überstanden?
Das würde ich so nach nicht sagen. Man weiß nicht, ob sich eine andere, starke Persönlichkeit auch damit befasst, FIFA-Präsident zu werden. Vielleicht wird es auch einen Kampf von zwei Kandidaten geben.
Und nun noch mal zu Ihnen persönlich: Was sind ihre aktuellen Projekte?
Ich bin unter anderem Botschafter beim VfB, engagiere mich im Jugendbereich und bin bei Jugendtrainings und Vereinen unterwegs. Außerdem halte ich ab und zu Vorträge.

