Spektakel: Im Farbenrausch

Vor der Bühne gab es regelrechte Farbexplosion, wenn die Jugendlichen schwungvoll ihre Farbbeutel entleerten. Bilder: Kuball
Nicht gesetztWie eine Welle schwappen die Besucher, die Sekunden zuvor noch überall auf der Horber Turnierwiese verteilt gewesen waren, in Richtung Bühne. Sie drängen sich an die vier Bauzäune, die die kleine Bühne direkt neben dem Neckar von den bunten Gesellen trennen. Rebecca Tillery, ihres Zeichens Pressesprecherin des Jugendgemeinderats (JGR) Horb, hatte die schon reichlich bunt eingefärbten Besucher gerufen – zum ersten „Drop“ des zweiten „Holi Days“ in Horb. Die überwiegend unter 18-jährigen Gäste gehen in die Hocke, bereit zum Sprung.
Aufbau schon am Freitag
Langsam zählt Tillery von zehn herunter, begleitet von der stetig intensiver werdenden Musik, die aus den Boxen dröhnt. Bei null angekommen, setzt der Beat mit spürbarer Kraft ein, vor der Bühne gibt es eine regelrechte Farbexplosion. Knapp 700 Jugendliche entleeren schwungvolle ihre Farbbeutel und geben sich der Musik hin. Blau, rot, lila, grün – über der Turnierwiese bauscht sich eine Wolke aus Farben auf, die einen leicht salzigen Geschmack auf den Lippen hinterlässt. Der zunehmend stärkere Wind treibt den Nebel über die Wiese, langsam wird die Sicht wieder klarer. Passend dazu erklingen kurz sanfte Klaviertöne, bis der prägnante Beat wieder einsetzt.
Die Stimmung auf der Turnierwiese ist schon vor dem Beginn des „Holi Day“ um 16 Uhr ausgelassen – und das, obwohl es am frühen Mittag eine Unwetterwarnung des Deutschen Wetterdienstes für Horb gegeben hatte. Darüber informiert auch Jugendgemeinderätin Irina Suchonos die Besucher bei der Begrüßung: „Wir haben gespannt auf diesen Tag gewartet, aber eure Sicherheit ist uns wichtig. Wir wollen, dass ihr darauf vorbereitet seid.“
Die Stimmung erhält dadurch keinen Dämpfer – schon gar nicht, als Suchonos kurz darauf mit dem JGR-Vorsitzenden Paul Kreidler einige Gratis-Farbbeutel in die wartende Menge wirft. „Sollte es zu einem Gewitter kommen, müssen wir den Platz natürlich räumen. Das können wir sonst nicht verantworten“, erzählt Kreidler der SÜDWEST PRESSE, „aber es sieht gut aus bis jetzt.“ Cornelia Schäfer, Mitarbeiterin der Stadt Horb, ist ebenfalls vorbereitet: „Wir beobachten das Wetter genau und haben einen Notfallplan. Die Helfer sind eingewiesen, sollten wir das Gelände evakuieren müssen.“
Die Aufbauarbeiten begannen schon am Freitag, was die Organisation sehr viel „entspannter“ gemacht habe, berichtet Irina Suchonos. Viel Zeit hat sie nicht – ebenso wie Paul Kreidler hastet sie während des Festivals fast durchgehend von einem Platz zum anderen – von der Beachbar zum Lieferanteneingang, von der Bühne zum Ticketstand. Auch die anderen – professionell verkabelten – Jugendgemeinderäte kommen während der Veranstaltung kaum zur Ruhe und helfen allesamt kräftig mit, unter anderem unterstützt von Stadtsprecher Christian Volk und Markus Guse vom Horber Jugendreferat.
Gesichtsmaske und Schutzbrille
Eine halbe Stunde nach Beginn ist kaum ein T-Shirt, Top oder Real-Madrid-Trikot noch weiß – und auch das erste verlorene Handy wird ausgerufen. „Holt es ab – sonst verkaufen wir‘s einfach“, ruft „DJ Dnice“, der bis 18 Uhr für den passenden Beat sorgt. Auf der Turnierwiese kommt es auch abseits der Bühne immer wieder zu kleinen Farbexplosionen oder Überfällen, wenn arglose Besucher plötzlich von ihren Freunden mit Farbe überschüttet werden. Wer keine Lust hat, das – komplett ungefährliche – Pulver in sämtliche Atemwege zu bekommen, taucht auf dem „Holi Day“ schon auch mal mit Gesichtsmaske und Schutzbrille auf.
Hinter den Absperrungen und auf dem Flößersteg tummeln sich Schaulustige, getanzt wird hier ebenfalls. Auch zwei Polizisten blicken neugierig auf die bunten Tänzer. Die ersten Erschöpften sitzen bereits auf den grasbewachsenen Stufen.
Erschöpft, aber glücklich
Jugendgemeinderätin Carolina Schiller steht am oberen Ende und blickt auf Geschehen hinunter. „Es sind auf jeden Fall mehr Leute als 2015. Wir sind alle echt stolz“, sagt sie zufrieden. 585 von den insgesamt 1000 verfügbaren Tickets hat der Jugendgemeinderat im Vorverkauf abgesetzt, und auch an der Tageskasse herrscht am Samstag reger Betrieb.
Die Sorgen wegen des Wetters sind derweil unbegründet, das Festival kann wie geplant ablaufen. Um 18 Uhr wechselt der DJ, „Kosinus²“ übernimmt und bringt die – doch etwas geschrumpfte – Menge nochmal zum Toben. Obwohl sich der Himmel immer wieder kurz verfinstert und der Wind zunimmt, bleibt es trocken. Als die Veranstaltung um 20 Uhr endet, ziehen die bunten Massen sichtlich erschöpft, aber glücklich davon. Eine letzte grüne Farbwolke zieht über die Turnierwiese, der Wind treibt sie Richtung Neckar. Dort löst sie sich auf und lässt nichts zurück.
Pfand für die Umwelt
Wer sich beim zweiten Horber „Holi Day“ am Samstag ein erfrischendes Getränk an der Beachbar genehmigen wollte, stutze oftmals kurz bei dem genannten Preis. 4,50 Euro für ein kleines Bier? Ganz schön happig. Doch beim Nachfragen wurde schnell klar: Der Jugendgemeinderat wollte seine Gäste nicht etwa abzocken. Obwohl die Getränke in dünnen, billigen Plastikbechern ausgeschenkt wurden, verlangten die Jugendlichen zwei Euro Pfand dafür. „Sonst liegen die nachher überall hier rum“, klärte Stadtsprecher Christian Volk auf. Verständlich, denn das Thema Müll hat sich der Horber JGR schließlich auf die Fahne geschrieben.