Selbsthilfegruppe: Glück ist, keinen Krebs zu kriegen

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Nicht gesetztGlück ist, keinen Krebs zu kriegen“ – dieser Satz stand einst in einer E-Mail an den Sänger der Hamburger Band Kettcar. Daraufhin schrieb Marcus Wiebusch das Stück „Nach Süden“. Es handelt von einem Patienten, der nach eineinhalb Jahren Kampf gegen die Krankheit nach Hause kommt. Doch das Leben mit Krebs hört nicht nach der Therapie auf. Krebs ist ein Schweinehund, der Patienten über Jahre hinweg begleitet, eine zynische Lotterie aus Bangen und Hoffen, die einen Menschen allzu oft bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit führt. Allein muss dieser Kampf nicht ausgetragen werden. „Auffangen, informieren, begleiten“, die drei Worte stehen für die Arbeit des Vereins Frauenselbsthilfe nach Krebs.
„Die Diagnose haut einen um, es zieht Dir den Boden unter den Füßen weg“, sagt eine der Frauen am Tisch. Heute sind sie zu acht. Bedingt durch die Pfingstferien kamen an diesem Montagabend weniger. Die Runde trifft sich im separaten Zimmer des Steiglehofs auf dem Hohenberg. Mehrmals im Monat kommen sie hier zusammen, um über das zu reden, was sie verbindet. Das Leben nach dem Krebs. Hier werden Freundschaften geschlossen, Leiden geteilt, Unterstützung gegeben.
Mit am Tisch sitzt an diesem Montag auch Peter Rosenberger. Er ist gekommen, um Unterstützung anzubieten. Der Oberbürgermeister weiß aus erster Hand, was ein Leben mit Krebs bedeutet. Auch für ihn war die Diagnose Hautkrebs ein Schock. Er hat es überstanden. „Doch die Ungewissheit bei den vierteljährlichen Untersuchungen bleibt“, sagt er in die Runde. Die Frauen nicken. Unter ihnen sitzt auch Sidonia Volk – die Leiterin der Horber Gruppe. Sie stellt ihre Arbeit vor: Die Frauenselbsthilfegruppe nach Krebs gibt es in Horb bereits seit 1989. Im Jahr 2014 durfte sie ihr 25-jähriges Bestehen feiern. Zwölf bis 14 Frauen treffen sich hier regelmäßig, zwei Drittel von ihnen litten an Brustkrebs, die häufigste Krebsart bei Frauen. Etwa 71640 Neuerkrankungen zählte das Robert-Koch-Institut für das Jahr 2013 in Deutschland. 25 Prozent von ihnen starben. Die Zahl der Erkrankungsfälle hat sich seit 1970 fast verdoppelt.
Auf dem Tisch im Steiglehof liegt ein Buch. Darin sind Namen festgeschrieben, Nachrichten von Freunden. Zwischen den Seiten sind Todesanzeigen eingeklebt. Die Gruppe hat jedoch nichts mit einem Trauerverein zu tun. Die Frauen lachen oft und herzlich. Ernährungsberater wie der Rexinger Sven Bach waren hier schon zu Gast, Experten wie Dr. Beatrix Oberle aus Eutingen. Sie ist die betreuende Ärztin. Die Frauen organisieren Stände, wie jüngst auf dem Horber Gesundheitsmarkt Anfang April. Sie gehen zu Schulungen und helfen, wo Hilfe gebraucht wird.
An Ernsthaftigkeit fehlt es nicht im Steiglehof. „Niemand, der nicht auch durch diesen Tunnel hindurch ist, kann da nicht genau mitreden“, sagt Rosenberger. Die Frauen geben Einblicke, was passiert, nachdem ein Arzt die Krankheit festgestellt hat: Diagnose, monatelange Therapie, Ungewissheit, immer präsent, Glücksmomente, wissen wer wahre Freunde sind. Nach der Chemo kommt die Bestrahlung, nach der Bestrahlung die Reha, nach der Reha will man wieder arbeiten. Langsame Eingliederung, Kollegen, die Verständnis haben, oder auch nicht. „Doch ganz wie früher wird es nie wieder“, sagt eine Frau Mitte 50. Die Untersuchungen bleiben, zuerst alle drei Monate, dann jedes halbe Jahr. Es dauert fünf Jahre, bis man sagen könne, dass man gesund ist. Bis dahin fragen Menschen zehnmal am Tag „Wie gehts?“. „Doch oft spürt man, dass sie einfach nur hören wollen, dass es einem gut geht“, sagt eine andere Frau am Tisch. „Viele Leute meinen nach der Therapie einfach: ,Jetzt biste ja wieder gesund‘“, erklärt eine andere.
Ein kollektives Nicken zieht sich durch die Runde. Die Reaktion auf eine zynisch anmutende Frage: „Gibts es auch etwas Positives, das man aus der Krankheit ziehen kann?“ „Hier sind schon einige Freundschaften entstanden“, erklärt eine Frau Mitte 40. „Man lernt ,Nein‘ zu bestimmten Dingen zu sagen“, meint eine andere. „Bei mir wurde durch die Krankheit erst wirklich klar, wer zu mir steht“, erklärt eine Dritte.
E s ist der alte Kollege, ein entfernter Verwandter, die Schwester, der Bruder, der Vater von Freunden – der Krebs ist oft fern, doch jeden tangiert diese Krankheit irgendwann. „Man interessiert sich erst dafür, wenn man selbst betroffen ist“, sagt Sidona Volk. Damit Betroffene nicht allein sind, sollte der Ernstfall eintreten, werden sie und ihr Team die Arbeit in der Selbsthilfegruppe noch so lange es geht fortsetzen.
Abschied
Die Band Kettcar hörte auch Joachim Frommherz gerne. Joachim war ein früherer Kollege beim Schwarzwälder Boten in Horb, der vielen in der Horber SÜDWEST PRESSE-Redaktion noch in guter Erinnerung ist. Vorgestern starb er an Krebs. Zwei Jahre Kampf gegen die Krankheit gingen für ihn zu Ende.
