Personalmangel
: Seniorenheim Pasodi in Empfingen schließt zum 31. Oktober

Die Einrichtung bleibt nur noch bis Ende Oktober in der Schanzgasse. Die Unternehmensgruppe erklärt die Ursachen. Für die Gemeinde ist es Tiefschlag.
Von
Mira Bültel
Empfingen

Das Seniorenheim Pasodi in der Schanzgasse schließt Ende Oktober.

Karl-Heinz Kuball

Das Seniorenheim Pasodi in Empfingen schließt zum 31. Oktober - „Tiefschlag für die Gemeinde!“, mit diesen Worten teilt Bürgermeister Ferdinand Truffner die Nachricht am Donnerstagmorgen über die Sozialen Medien mit. „Diese Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen, doch das schwierige Marktumfeld, die stetig wachsenden Anforderungen und Auflagen in der Pflegebranche aber insbesondere der bundesweit und regional spürbare Arbeitskräftemangel zwingen uns zu diesem Schritt“, teilt Frank Ulrich, Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Paritätische Sozialdienste (Pasodi) mit Sitz in Stuttgart, in einer Pressemitteilung mit.

Ulrich erklärt weiter: „Obwohl unsere Häuser in der Regel langfristig betrieben werden und gut ausgelastet sind, ist es uns ab dem 31. Oktober 2024 nicht mehr möglich, die Einrichtung in Empfingen weiterzuführen. Besonders das hervorragende und langjährige Team hat dazu beigetragen, dass das Heim mit seinen 24 Bewohnern wie ein Familienbetrieb geführt wurde und immer sehr gut ausgelastet und beliebt war.“

Keine Verbesserung in den kommenden Jahren

Gegenüber der NECKAR-CHRONIK sagt Ulrich: „Die Situation ist bundesweit schlecht und in Empfingen für unseren Träger eher eine besondere Ausnahme. Wir stellen den Betrieb in Empfingen lediglich ein, um die Versorgung unserer Bewohner in den kommenden Monaten nicht zu gefährden und unsere Mitarbeitenden vor einer drohenden Überlastung zu schützen. Die Situation in Empfingen ist eine Besondere und nicht einfach übertragbar, andere Standort sind hiervon nicht betroffen.“

Denn trotz der „stabilen Personalstruktur“ in den vergangenen Jahren musste die Unternehmensgruppe laut Mitteilung feststellen, dass die aktuelle Situation es nicht ermöglicht, den Betrieb in der bisherigen Form fortzuführen. „Einige unserer langjährigen Mitarbeiter treten in den wohlverdienten Ruhestand, internationale Mitarbeitende kehren in ihre Heimatländer zurück, und andere steigen ganz aus dem Pflegeberuf aus“, erklärt der Geschäftsführer. Die dadurch entstandenen und noch entstehenden offenen Stellen können seit Monaten „aufgrund des angespannten Arbeitsmarktes in der Region nicht adäquat nachbesetzt werden“. Eine Standortanalyse zeige außerdem, dass sich diese Situation in den kommenden Jahren nicht verbessern werde.

Ulrich betont, dass derzeit keine prekäre Lage im Pasodi herrsche, da nahezu alle Stellen besetzt sind. „Wir werden aber zum Wohle unserer Bewohner und Mitarbeitenden nicht sehenden Auges gegen eine Wand fahren und erst dann reagieren, wenn es zu spät ist. Dieser Zeitpunkt wäre im November erreicht, daher nun diese Entscheidung. Der aktuelle Zeitpunkt ist somit sehr verantwortungsbewusst gewählt worden“, sagt Ulrich auf Nachfrage.

„Wir sind uns der Tragweite dieser Entscheidung für unsere Bewohnerinnen und Bewohner und Mitarbeitenden sehr bewusst. Aus diesem Grund bieten wir allen 24 Bewohnerinnen und Bewohnern sofortige Alternativen in unseren umliegenden Einrichtungen an“, sagt Ulrich. Dabei sollen die Bewohner aus Empfingen prioritär behandelt werden, um ihnen eine „nahtlose und vertraute Betreuung“ zu gewährleisten.

Beschäftigung in naheliegende Einrichtungen

„Unsere Einrichtungen befinden sich in Vöhringen, Dornhan, Aistaig und Lauterbach, darüber hinaus wären weitere Einrichtungen unseres Trägers in Stuttgart“, berichtet Ulrich der NECKAR-CHRONIK. „Um unseren Bewohnern aber innerhalb Empfingens eine Möglichkeit zu bieten, stehen wir in Kontakt mit der Mayer-Gruppe, welche Plätze bereithält. Zum Angehörigenabend am 5. August wird hierzu auch eine Vertreterin der Mayer-Gruppe anwesend sein.“

Für die 24 Bewohner gebe es genügend Plätze in den umliegenden Einrichtungen, sagt Ulrich unserer Zeitung. „Und wir haben noch drei Monate Zeit. Das ist alles eine Frage der Planung und kollegialen Unterstützung unter allen Trägern.“ Andere Heim-Bewerber müssten zugunsten der Pasodi-Bewohner nicht auf eventuell freiwerdende Plätze verzichten. „In Empfingen gab es drei Pflegeeinrichtungen und mit der neuen Einrichtung der Mayer-Gruppe ist die Versorgung in Empfingen sichergestellt“, teilt Ulrich auf Rückfrage mit.

Von den Mitarbeitenden erhalte jeder ein Angebot für eine Beschäftigung innerhalb der nahegelegenen Einrichtungen. Erste Angebote wurden laut Unternehmensgruppe bereits ausgesprochen, „und wir bemühen uns, den Übergang für alle Beteiligten so reibungslos wie möglich zu gestalten“, teilt der Geschäftsführer mit. „Wir danken allen unseren Mitarbeitenden herzlich für ihren unermüdlichen Einsatz und ihr Engagement, welches unser Haus in Empfingen über viele Jahre geprägt hat.“

Die Entscheidung zur Schließung und möglichen Umnutzung der Einrichtung sei ein notwendiger Schritt, um auf die veränderten Rahmenbedingungen in der Sozialwirtschaft zu reagieren. „Zur weiteren Nutzung der Immobilie können wir noch keine Angaben machen, da es zum derzeitigen Zeitpunkt noch zu früh ist, darüber zu spekulieren“, sagt Ulrich. „Die Versorgung unserer Bewohnerinnen und Bewohner und die Begleitung unserer Mitarbeitenden in den kommenden Monaten haben für uns Priorität.“

Keine Gespräche mit Gemeindeverwaltung

Bürgermeister Truffner bekam laut eigener Aussage am Mittwochvormittag die Info von Frank Ulrich und Beate Hellstern von der Heimleitung persönlich übermittelt. „Ich kann es immer noch nicht glauben“, so Truffner in seinem Statement. Die Verwaltung habe von der Problematik der Personalgewinnung gerade im Pflegeheim Schanzgasse keine Informationen gehabt, obwohl man stets in engem Austausch stehe, so Truffner. „Ich finde es sehr schade, wenn man so vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Ein Gespräch zur Problematik hat leider nie stattgefunden.“

Auf die Rückfrage der NECKAR-CHRONIK, warum die Problematik nicht vorher angesprochen wurde, meint Ulrich: „Der Bürgermeister hat es als erste Person erfahren, danach unsere Mitarbeitenden und dann unsere Bewohner und Angehörigen.“

Nach Aussage von Ulrich und Hellstern habe die Situation im Pflegeheim Schanzgasse nichts direkt mit dem Neubau am Tälesee zu tun, berichtet Truffner. „Wir hatten bei der Diskussion um die Ansiedlung des neuen Pflegeheims durchaus die Sorge der Kannibalisierung von Mitarbeitenden.“ Dies sei aber nicht eingetroffen, zumal bisher keine Mitarbeitenden in der Schanzgasse gekündigt und zum Haus am Tälesee gewechselt hätten. Truffner: „Wir benötigen die Pflegeplätze in unserer Gemeinde weiterhin. Der Bedarf an Pflegeplätzen steigt weiter, jedoch die Anzahl der Fachkräfte leider nicht.“ Alle Einrichtungen suchen händeringend nach Personal.

Sondersitzung des Gemeinderats geplant

Ein Neubau ziehe natürlich Personal an und wenn mehrere Neubauten, unter anderem auch das Angelika-Wössner-Stift in Sulz, realisiert werden, kann es zu einer Verschiebung der Fachkräfte kommen, sagt Truffner. „Ich persönlich kann nicht einschätzen, ob bei Pasodi ein Fehler in der Personalplanung vorliegt. Wir werden die Thematik aber so nicht leicht abstreifen, sondern uns für das Pflegeheim beziehungsweise die Pflegeplätze einsetzen.“

Deshalb hat der Bürgermeister eine nichtöffentliche Sondersitzung des Gemeinderats am 8. Donnerstag, August, unter Anwesenheit von Ulrich und Hellstern, anberaumt. „Hierbei soll es auch um die Thematik der Weiterbeschäftigung der Mitarbeitenden und auch der Unterbringung der Seniorinnen und Senioren gehen.“ Was mit dem Gebäude passiert, müsse man ebenfalls diskutieren.

Mit den 60 Plätzen im Haus am Tälesee habe man einen großen Platzpuffer geschaffen, doch sei die Gemeinde davon ausgegangen, dass mit den beiden bestehenden Pflegeeinrichtungen der Mix an Plätzen passe. Der Unmut bei Truffner geht laut seinem Statement noch weiter: „Das Haus am Tälesee hätte ursprünglich 90 Plätze geplant, musste ja bekanntlich auf 60 Plätze reduziert werden. Da muss ich ja nicht mehr viel anmerken!“

Rund 500 Betreuungsplätze an 13 Standorten

Die Unternehmensgruppe „Paritätische Sozialdienste“ (Pasodi) ist Teil des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Landesverband Baden-Württemberg und trägt sich laut eigener Aussage in freigemeinnütziger Trägerschaft selbst. Pasodi wurde 1993 gegründet. Zu dem Unternehmen gehören laut eigenen Informationen Einrichtungen mit rund 500 Betreuungsplätzen und mehr als 700 Beschäftigten an 13 Standorten sowie weitere Versorgungsangebote.