Kreis Freudenstadt · Forst
: Kinder auf den Waldboden bringen

Forst BW und Landratsamt bieten für Schul- und Kindergartenkinder Waldpädagogik an und wollen so junge Menschen für die Natur begeistern.
Von
Dunja Bernhard
Kreis Freudenstadt

Julian Renz, Reiner Brechenmacher und Stefan Krämer (von links) wollen Kindern Wald und Natur näherbringen. Mit dem Waldboxanhänger stehen ihnen zahlreiche Hilfsmittel zusätzlich zu den natürlichen zur Verfügung.

Dunja Bernhard

Eigentlich wollten die Förster und Waldpädagogen im Landkreis Freudenstadt mit ihrem Angebot schon im vergangenen Herbst beginnen, doch dann kam ihnen der zweite Lockdown dazwischen. Nun hoffen Reiner Brechenmacher und Julian Renz von ForstBW sowie Stefan Krämer vom Kreisforstamt Freudenstadt in diesem Herbst durchstarten zu können.

Noch vor den Sommerferien haben sie alle in Frage kommenden Schulen im Forstbezirk angeschrieben und den Bedarf abgefragt. „Förster wollen Wissen vermitteln“, sagt Brechenmacher. Das Interesse sei da, die Bevölkerung in den Wald zu bekommen. Auch wenn es während der Lockdowns dort mitunter recht voll war. „Die Leute sollen Vertrauen knüpfen mit dem Förster vor Ort“, ein Verständnis entwickeln für Nutzung und Nachhaltigkeit.

Drei Hauptthemen

Renz benennt als drei Hauptthemen des Forsts Ökologie, Ökonomie und den Sozialfaktor, also die Freizeitnutzung. „Die Jagd gehört auch dazu“, ergänzt Brechenmacher. Sie solle nicht verheimlicht werden. Der Naturpark hat ein Projekt aufgelegt, das Wildschweinfleisch nicht nur als hochwertiges Lebensmittel schmackhaft machen will, sondern den Menschen auch Wissenswertes über das schlaue Tier vermitteln möchte, berichtet Krämer. „Wilde Sau“ heißt das Programm, in dem spezielle Waldführungen für Erwachsene und Kinder enthalten sind. Auch das ist eine Form der Waldpädagogik.

Das jetzt angekurbelte Programm (siehe Infokasten) richtet sich im Landkreis vor allen an Schüler. „Dritte und vierte Klassen sind perfekt“, sagt Renz. „Die Schüler können schon ein Stück laufen und handwerklich mitspielen.“ Das Angebot ist für Schulen, aber auch für Kindergärten kostenfrei. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat einen Aktionsplan zur Bildung für nachhaltige Entwicklung aufgelegt. Darunter fällt auch die Waldpädagogik. Im Bildungsplan für die allgemeinbildenden Schulen in Baden-Württemberg ist eine der sechs Leitperspektiven die Bildung für nachhaltige Entwicklung. Das quantitative Ziel ist, dass künftig ein Drittel der Schüler im Land die Möglichkeit erhält, während der Schulzeit zweimal an einer waldpädagogischen Veranstaltung und einem mehrtägigen Projekt teilnehmen zu

können, was rund 11000 Veranstaltungstagen entspricht. Kinder und Jugendliche sind heutzutage sehr viel in den Medien unterwegs und sitzen viel mehr drinnen als frühere Generationen. „Das Verhältnis zur Natur fehlt“, sagt Brechenmacher.

Die Waldpädagogik knüpft an den Sachkundeunterricht der Grundschulen an. „Die Lehrer sind aufgefordert, mit Leuten außerhalb der Schule zusammenzuarbeiten“, berichtet Krämer.

Die SÜDWEST PRESSE traf die drei Förster bei der Schleifweghütte nahe Kälberbronn. Bei schlechtem Wetter können die Kinder dort unterschlüpfen. Doch eigentlich ist das Ziel ein anderes: „Wir wollen die Kinder auf den Waldboden bringen.“ Sie sollen selbständig mit dem Finger die Ameise berühren. Damit das Ganze einen spielerischen und Forscherinstinkt weckenden Charakter hat, werden die Schüler mit Lupe und Becherglas ausgerüstet. So lassen sich Lauf- und Rüsselkäfer genauer beobachten. Ganz einfach gehe es auch darum, mal

zu hören und zu sehen, was es

im Wald zu entdecken gibt. „Es wird viel gespielt und viel gedreckelt“, sagt Renz. Manche Kinder hätten zunächst Angst vor dem Wald, erzählt Brechenmacher. „Vor dem Fuchs, vor Tollwut oder vor Zecken.“

Mathematik im Wald

Brechenmacher versucht Jugendlichen der siebten bis zehnten Klassen im Wald neben der Natur Mathematik und Physik nahezubringen. So ließen sich mit Ästen und Bäumen gut Hebelgesetze erklären. Für die Waldpädagogik im Einsatz sind zudem Revierleiter und junge Forstwirtschaftsassistenten. Für das Landratsamt sind auch Honorarkräfte tätig. Der Wald ist einerseits durch die Berichte über Sturm-, Käfer- und Dürreschäden mehr ins Bewusstsein der Menschen gerückt. Es sei aber auch die Erkenntnis gereift, dass es wichtig für Kinder ist rauszukommen.

Das Land stattet alle Landkreise mit drei Waldboxen aus. Darin enthalten sind über 100 auf die Bildungspläne abgestimmte Ideen für den Unterricht von der Grundschule bis zur Oberstufe, für Kitas und für alle interessierten Gruppen. Das alles passt in einen attraktiv gestalteten Anhänger.

Zum neuen Trend „Waldbaden“ sagt Brechenmacher: Bäume umarmen, sich auf Moos setzen, das hätten Förster schon immer vermittelt. „Es ist ein alter Hut, dass sich Menschen im Wald regenerieren.“

Waldpädagogik orientiert sich am Bildungsplan

Im Herbst 2019 legte das Land Baden-Württemberg seine „Bildungsoffensive Wald“ vor. Durch die Förderung der Waldpädagogik sollen Schülerinnen und Schüler den Wald als „außerordentlich vielseitigen und praxisnahen außerschulischen Lernort“ kennenlernen. So steht es unter Forstwirtschaft auf der Seite von baden-wuerttemberg.de.

Die waldpädagogischen Angebote orientieren sich an den Bildungsplänen der jeweiligen Klassenstufen.

Das neue Konzept wurde zeitgleich mit der Umstrukturierung des Forstes ins Leben gerufen. Die unteren Forstbehörden der Stadt- und Landkreise sowie Forst BW erhalten für diese Aufgabe vom Land die notwendigen Personal- und Sachmittel.