Kreis Freudenstadt · Berufswelt: Gespräche beim Gang ums Haus

Norbert Weiser, Annette Hanfstein, Martina Lehmann, Udo Strobel, Ortwin Arnold, Sabrina Hornung und Dr. Reinhard Maier stellten die neuen Angebote für junge Ausbildungssuchende vor.
Sabine StadlerD ie herausfordernde Situation am Arbeitsmarkt, bedingt durch das Coronavirus, wirkt sich auf junge Menschen auf ihrem Weg in die Berufswelt aus. Die Agentur für Arbeit, das Jobcenter, die Jugendhilfe im Kreis Calw und die beruflichen Schulen gehen neue, vor allem digitale Wege: Mit einer Internetplattform der Jugendberufsberatung, dem Erkundungstool Check-U zur Berufsorientierung sowie einem digitalen Sommercamp und Ausbildungsprämien für Betriebe.
Bei einem Pressegespräch in der Agentur für Arbeit Nagold-Pforzheim stellten die Agenturchefin sowie Vertreter des Jobcenters, der Jugendhilfe und der berufsbildenden Schulen die aktuelle Situation auf dem Ausbildungsmarkt sowie die im digitalen Bereich verankerten Angebote vor.
Agenturchefin Martina Lehmann thematisierte die gravierenden Veränderungen am Arbeitsmarkt und die tiefen Kerben aufgrund der Corona-Pandemie. Die Anträge auf Kurzarbeitergeld nahmen um 30000 Prozent zu. Jeder dritte Betrieb in der Region und fast die Hälfte aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten seien betroffen. „Allein bei den Jugendlichen und jungen Erwachsen bis 25 Jahre stieg die Arbeitslosigkeit um 100 Prozent.“ Positiv wirke sich trotz allem der stabile Ausbildungsmarkt in der Region aus, sagte sie. Mit 800 Ausbildungsbetrieben hat die Teamleiterin U 25 der Arbeitsagentur, Sabrina Hornung, telefoniert und erfahren, dass nahezu alle Betriebe an den Ausbildungsstellen festhalten werden.
Kurzarbeit sei ein starkes Signal, sagte Lehmann, es zeige, dass die Betriebe mit ihren eingearbeiteten Mannschaften über die Runden kommen und auch nach der Krise weitermachen wollen.
Sozialdezernent Norbert Weiser vom Landkreis Calw sagte: Kein junger Mensch dürfe verlorengehen. Er dankte Jobcenter und Arbeitsagentur dafür, dass sie mit neuen Angeboten die Situation der Jugendlichen und jungen Menschen verbessern wollen. Alle Maßnahmen seien von ungeheurer Bedeutung, vor allem auch für Jugendliche, die früher durchs Raster gefallen waren.
Da man sich zu Spitzenzeiten nicht ausgeruht habe, sei von einem guten Niveau auszugehen, sagte Lehmann, bei dem auch den schwächsten und chancenarmen Jugendlichen Perspektiven aufgezeigt werden. „Die Digitalisierung hat uns gerettet.“ Die Arbeitsagentur ermöglicht über ihre Internetseite, alle Leistungen im Online-Verfahren zu beantragen.
Die Geschäftsführerin „Operativ“ der Arbeitsagentur, Annette Hanfstein, berichtete über den Ausbau der Beratungsangebote in den Schulen. Diese mussten wegen der Kontaktbeschränkung umgestellt werden. Eingerichtet wurde eine Hotline, die ohne Warteschleife arbeitet.
Das in den Ferien geplante „Sommercamp“ findet dieses Jahr ortsunabhängig und digital statt, berichtete Sabrina Hornung. Es startet am 13. August. Mit jeweils zwei Live-Chats und Reportagen sollen Berufe sowie Förder- und Überbrückungsmöglichkeiten vorgestellt und damit die Grundversorgung gesichert werden.
Hanfstein betonte, wie wichtig es sei, digitale Kompetenzen zu erwerben und stellte eine mit den Bildungsträgern konzipierte Lernform zur stufenweisen Ausbildung für die vor, die nach der Schule zunächst keinen Ausbildungsplatz haben.
Das Jobcenter im Landkreis Calw, so Geschäftsführer Ortwin Arnold, hat aufgrund der dreimonatigen Pause bei den persönlichen Kontakten zu Jugendlichen ein „Walk and Talk“ eingeführt. Die Gespräche fanden bei Spaziergängen ums Haus statt. Sie sollen künftig in dieser Form fortgeführt werden.
Im Herbst soll ein „Theaterprojekt“ für über 25-Jährige starten mit dem Ziel, durch sinnvolle Aufgaben Erfolge zu erleben. Arnold berichtete von der Jugendberufsagentur, die auf digitalem Weg gemeinsam mit der Berufsschule als einfach zugängliche und anonyme Anlaufstelle eingerichtet wurde. Diesen September startet das Projekt „Orientierung und Aktivierung“ mit einem dreitägigen Workshop und Praktika-Möglichkeiten. Es soll in Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer (IHK), der Handwerkskammer und der Berufsschule Jugendliche an die Ausbildung heranführen. Die Internetseite der Jugendberufsagentur kann unter www.jba-kreis-calw.de aufgerufen werden. Eine Werbeaktion mit Postkarten und Plakaten soll chancenarmen Jugendlichen den Zugang zu dem Angebot erleichtern. Sie können mit dem Aufruf „Finde deinen Weg“ über ein Formular schnell Kontakt aufnehmen.
Lehmann geht davon aus, dass es Kündigungen von Ausbildungsverträgen geben wird und dass im Jahr 2021 weniger Ausbildungsplätze angeboten werden. Ausbildungen werden, auch für die Zeit nach der Corona-Pandemie, als äußerst wichtig angesehen. Deshalb soll kleinen und mittleren Ausbildungsbetrieben ab nächstem Monat eine Ausbildungsprämie angeboten werden, um das Ausbildungsniveau aufrechtzuerhalten oder die Anzahl der Ausbildungsplätze gar zu erhöhen.
Reinhard Maier, Schulleiter der Rolf-Benz-Schule Nagold und geschäftsführender Schulleiter der beruflichen Schulen im Landkreis, lobte die gute Zusammenarbeit aller Beteiligten. Da rund 80 Prozent der Betriebe geeignete Bewerber ausbilden wollen, rechnen die berufsbildenden Schulen mit einem größeren Ansturm, auch für solche Schüler, die übergangsweise aufgenommen werden, weil sie keine Ausbildungsstelle finden. Hierfür wurden drei Stellen mit Jugendberufshelfern besetzt.
Im Bereich der Ausbildungsberufe wird es Veränderungen geben. So zeichne sich ein Wachstumspotenzial im E-Commerce ab. Auch die Ausbildungsinhalte werden sich verstärkt in Richtung Digitalisierung verändern.