Kolumne: Mehr als Eigenverantwortung und Selbstkontrolle nötig

Schwäbisches Tagblatt
.Die EU-Kommission hat die Diskussion angestoßen, Seniorinnen und Senioren ab dem 70.Lebensjahr alle fünf Jahre auf ihre Fahrtauglichkeit zu überprüfen. Das Ziel: Die Verkehrssicherheit auf europäischen Straßen zu erhöhen und die Zahl der Unfalltoten und -verletzten zu senken.
Protest regt sich nicht nur bei Betroffenen. Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) hält nicht viel von dem Vorschlag, setzt auf Eigenverantwortung und Selbstkontrolle. In Baden-Württemberg können sich weder die Regierungsparteien Grüne und CDU noch die Oppositionsparteien SPD, FDP und AfD mit der Idee anfreunden. Zu dieser deutlichen Positionierung könnte auch das Alter etlicher Wahlberechtigter beigetragen haben.
Aber auch der Deutsche Verkehrssicherheitsrat und sogar der ADAC sprechen sich gegen eine regelmäßige Überprüfung der 70plus-Generation aus.
Die häufigsten Gegenargumente sind: Der eigene Führerschein bedeute gerade für ältere Menschen noch lange eigenständig mobil zu sein. Und: Die größten Risiken gingen von Fahrern zwischen 18 und 25 Jahren aus. Hier hat der Gesetzgeber reagiert und bereits 1986 eine zweijährige Probezeit für Fahranfänger eingeführt. Wer sich in dieser Zeit schwere Verfehlungen im Straßenverkehr leistet, muss ein Aufbauseminar besuchen, sich einer verkehrspsychologischen Beratung unterziehen oder verliert gar seine Fahrerlaubnis.
Ältere Menschen waren im Jahr 2021, gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung, zwar seltener an Verkehrsunfällen beteiligt als jüngere. Sie waren aber auch seltener unterwegs. „Bezogen auf die Fahrleistung ist Senioren eine ähnliche Unfallhäufigkeit zuzurechnen wie der Hochrisikogruppe der 18- bis 25-Jährigen“, sagte Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer, dem SWR. In 68,2 Prozent der Unfälle mit Senioren hinter dem Steuer trugen sie die Hauptschuld.
Bei den mindestens 75-Jährigen wurde sogar drei von vier unfallbeteiligten Autofahrerinnen und -fahrern die Hauptschuld am Unfall zugewiesen. Diese Zahlen sind von 2021. Die Unfallursachen unterscheiden sich dabei von denen in jüngeren Altersgruppen: Ältere Autofahrer missachten häufiger die Vorfahrt und machen häufiger Fehler beim Abbiegen, Wenden und Rückwärtsfahren. Jeder dritte Verkehrstote war 2021 über 65 Jahre alt.
In Freudenstadt übersah am Dienstag ein 92-jähriger Mercedesfahrer an einer Kreuzung ein vorfahrtberechtigtes Auto, dessen Fahrer zum Glück nur leicht verletzt wurde. Hätte der 37-Jährige auf einem Motorrad gesessen, wären die Folgen wohl schwerwiegender gewesen. Der Sachschaden belief sich auf 25000 Euro. Der Mercedes, in dem der 92-Jährige saß, dürfte demnach einiges mehr Wert gewesen sein.
Diese Summe könnte auf eine andere Weise in die eigene Mobilität investiert werden - unabhängig von öffentlichen Verkehrsmitteln, Familienangehörigen und Nachbarn. Denn wie viele Taxifahrten sind mit dem Gegenwert eines Mercedes möglich! Die laufenden Kosten kommen noch hinzu. Da fallen selbst weitere Strecken mit dem Taxi kaum ins Gewicht. Und ein Stückchen mehr Sicherheit ist auch dabei.
Beeindruckt hat mich eine Mitte-60-Jährige, die mir morgens beim Walken häufig entgegenkommt. Mit zunehmenden Begegnungen blieben wir stehen und wechselten ein paar Worte. Sie habe ihren Führerschein abgegeben, berichtete mir eines Morgens die rüstige Frau, die ich auch schon mal auf dem Rad vom Dorf in die Stadt radeln sehe. Anreiz war ein kostenloses Jahresticket für den Verkehrsverbund, der ihr Dorf an die benachbarten Städte, wo ihre Enkel wohnen, anbindet. Hinzu kamen die Kosten, die ein eigenes Auto verursacht. Und auch der Umweltschutz spielte für sie eine Rolle. Und dann fügte sie noch an: „Man wird ja auch nicht jünger.“ Mutig, vorausschauend und weise, finde ich.
