Kolumne: Das „Malm“-Massaker: Wenn der Gehweg zur Kampfzone wird

Müllberge stapeln sich in der Dammstraße in Horb.
Pascal Kopf (Archiv)Hach, wie spricht er mir aus der Seele, unser treuer Leser Jörg Eisenbrückner aus Eutingen. Ganz zu Recht warf er in einem Leserbrief die Frage auf, ob die Sperrmüllabfuhr im Landkreis Freudenstadt noch zeitgemäß ist. Denn wenn der Sperrmüll kommt, entpuppt sich die Abfuhr mit sämtlichem Drumherum zu einem Happening, gegen das jedes Heavy-Metal-Festival wie ein Kaffeekränzchen wirkt.
Eigentlich besagt das eherne Gesetz der Abfallwirtschaft, dass der Unrat erst am Vorabend final zu betten sei. Aber von wegen: Schon Tage vorher wandert die erste, verdächtig gelb gefleckte Matratze an die frische Luft, flankiert von einem Schrank namens „Malm“, der seine besten Jahre – und drei Umzüge – sichtlich hinter sich hat.
Und kaum steht das erste Exponat, beginnt das große „Sprinter-Ballett“. Man könnte meinen, in den Seitenstraßen fände ein geheimes Formel-1-Rennen für weiße Transporter mit osteuropäischen Kennzeichen statt. Männer springen heraus, wühlen im Haufen und führen die rituellen „Sprinterduelle“ auf: Wer zuerst die Hand am wackeligen Couchtisch hat, gewinnt. Es wird gefeilscht, gezerrt und geflucht. Dass dabei die mühsam gestapelte Ordnung des Vorabends in eine Trümmerlandschaft verwandelt wird, gehört zum guten Ton. Der Gehweg? Wird zur Slalomstrecke für Kinderwagen und Rentner.
Zurück bleibt ein „Sperrmüll-Skelett“
Und dann kommt er: der große Tag der Abrechnung. Die Müllabholer rücken an. Mit stoischer Gelassenheit füttern sie das Presswerk des Lasters. Doch die Ernüchterung folgt auf dem Fuße – oder besser gesagt: auf dem Asphalt. Denn was nicht der Definition von Sperrmüll entspricht, bleibt liegen. Der zerfledderte blaue Sack mit Altkleidern? Bleibt liegen. Die Autobatterie? Bleibt liegen. Der Haufen aus Plastikschnipseln und zerbrochenem Glas, den die Sprinter-Truppe beim Wühlen hinterlassen hat? Bleibt liegen. Was zurückbleibt, ist das „Sperrmüll-Skelett“. Der Anmelder des Mülls ist zu diesem Zeitpunkt meist schon über alle Berge.
Vielleicht sollten wir den Sperrmülltag einfach umbenennen: in „Tag des urbanen Kahlschlags“. Oder wir akzeptieren, dass der Gehweg zweimal im Jahr zur Kampfzone zwischen Entsorgungslogik und Sammlerwahn wird. Eines ist sicher: Der nächste „Malm“-Schrank steht schon bereit. Und der nächste Sprinter lauert bereits an der Ecke.