Interview zum Abschied: Verlegerin Elisabeth Frate: „Wir haben eine Supertruppe“

Elisabeth Frate.
Carolin Albers- Elisabeth und Alexander Frate blicken auf ihre Verlegertätigkeit beim SCHWÄBISCHEN TAGBLATT zurück.
- Elisabeth wollte ursprünglich Medizin studieren, übernahm aber den Verlag ihres Vaters.
- Alexander begann als Ferienarbeiter und wurde später Geschäftsführer.
- Beide betonen die Wichtigkeit von Empathie und Ehrlichkeit in ihrer Arbeit.
- Der digitale Umbruch und wirtschaftliche Herausforderungen prägten ihre Zeit.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Frau Frate, Sie wollten eigentlich Medizin studieren. Aber dann mussten Sie in den Verlag Ihres Vaters. Haben Sie es in den 53 Jahren seither jemals bereut?
Elisabeth Frate: Nein (sehr entschieden im Ton). In den ersten Tagen war ich noch etwas verunsichert. Aber je länger ich drin war, desto mehr hat es mir richtig Spaß gemacht.
Was für eine Ärztin wären Sie denn gern geworden?
Elisabeth Frate: Allgemeinmedizinerin. Weil man da den ganzen Menschen erfasst, also nicht nur das Knie oder die Schulter. Ich hatte ein großes Vorbild. Das war der Kinderarzt unserer Kinder.
Der Medizin sind Sie später bei zahlreichen Aktionen des TAGBLATTS treu geblieben. Verlegerin kann man nicht studieren. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Elisabeth Frate: Ich habe auf Lehramt studiert: Deutsch und Englisch. Meine Mutter wollte erst, dass ich Jura mache. Aber das war mir zu trocken. Nach dem Staatsexamen habe ich zu meiner Mutter gesagt: „So, damit habe ich bewiesen, dir und mir, dass ich meinen Lebensunterhalt selbst verdienen kann, ohne Erbe.“
Als Verlegerin sind Sie 1970 im Alter von 25 Jahren ins kalte Wasser gesprungen oder gestoßen worden?
Elisabeth Frate: Das war ein Schicksalsschlag (lacht). Ich war das einzige Kind und deshalb die Erbin. Das habe ich mir nicht ausgesucht. Ich bin als Dreijährige einmal an der Hand meiner Mutter hier (das Büro von Alexander Frate, in dem das Interview geführt wird) reingekommen. Mein Vater hatte den Schreibtisch auch schon. Er hat mich hochgenommen, mich auf seinen Stuhl gesetzt und mir gesagt: „Da wirst du später einmal sitzen.“ Und da bin ich dann auch später gesessen, bis er (zeigt auf ihren Mann) gekommen ist. Als er Geschäftsführer geworden ist, habe ich ihm dieses große Zimmer überlassen. Mir genügte ein kleines nebenan.
Herr Frate, wann und wie sind eigentlich Sie - noch dazu als Österreicher - in den TAGBLATT-Verlag gekommen?
Alexander Frate: Erstmals als Schüler 1974. Wir hatten in Österreich acht Wochen Ferien und ich habe einen Ferienjob gesucht. Ich war seit 1963 regelmäßig meine Schwester in Tübingen besuchen. Sie und meine spätere Frau waren Nachbarinnen und Freundinnen. Das Schicksal ergab, dass ich im SCHWÄBISCHEN TAGBLATT genau auf dieser Etage ausgeholfen habe. Bis 1978 habe ich hier vier Jahre lang jeden Sommer sechs Wochen hier gearbeitet.

Alexander Frate.
Carolin AlbersAlso kannten sie den Verlag schon vor dem ersten offiziellen Tag?
Alexander Frate: Die Geheimnisse des Verlags kannte ich schon, ja (lächelt). Nach der Schule in Österreich bin ich im Oktober 1979 nach Balingen zum Zollern-Alb-Kurier gegangen und habe eine Ausbildung als Verlagskaufmann gemacht. Es folgten weitere Stationen, unter anderem in Göppingen und Ulm. In den Verlag SCHWÄBISCHES TAGBLATT bin ich am 1. April 1984 als Angestellter eingetreten. Zum Geschäftsführer bin ich am 1. Januar 1986 ernannt worden. Und am 2. Januar 1986 war ich schon wieder entlassen - von Herrn Müller (Mitverleger und Redaktionsleiter Christoph Müller), weil ich Herrn Ströbel (der spätere Redaktionsleiter Eckhard Ströbel) gesagt habe, wie BTX - also Bildschirmtext - zu funktionieren hat. Einem Redakteur eine Anweisung zu geben, war damals ja Gotteslästerung.
Aber da mussten Sie, Frau Frate, doch auch unterschreiben, oder?
Alexander Frate: Das war einem Herrn Müller immer wurscht. Aber weil ein Gesellschaftsbeschluss gefehlt hat, habe ich mich von der Kündigung nicht angesprochen gefühlt.
Sie waren zunächst bis Mitte 1985 bei der TAGBLATT-Tochter NECKAR-CHRONIK in Horb. Wie hat Sie diese Zeit geprägt?
Alexander Frate: Das war die schönste Zeit, denn wir waren da eine junge Spitzentruppe. In Horb haben die Abteilungen zusammengearbeitet. Hier in Tübingen gab es eine Trennung zwischen Verlag und Redaktion. Die haben sich nicht gekannt, die haben nicht zusammengearbeitet, die haben sich nicht abgesprochen. Mein Bestreben als Geschäftsführer war, die Abteilungen zusammenzubringen. Deshalb habe ich zum Beispiel Verlagsbesprechungen eingeführt mit Vertretern aller Abteilungen.
Dann kamen Sie in die Universitätsstadt Tübingen, wo die Stadtgesellschaft ganz anders tickt als die Horber. Wie haben Sie das erlebt?
Alexander Frate: Die Tübinger Stadtgesellschaft kannte ich ja schon teilweise, weil meine Schwester und mein Schwager von 1963 bis 1974 den Hölderlinturm bewirtschaftet haben, was früher ein sehr angesehenes schwäbisches Gasthaus war. Und da habe ich schon die Mentalität der Schwaben und vor allem die Tübinger honorigen Händler kennengelernt, weil sie da Gäste waren. Also mich hat man hier nicht einführen müssen.
Was waren als Geschäftsführer in Tübingen Ihre Hauptaufgaben?
Alexander Frate: Leider auch auf die wirtschaftliche Vernunft achten. Ich musste meine Frau manchmal überzeugen. Es war ein sehr großzügiges Haus. Es hat für alles eine Prämie gegeben. Wenn zum Beispiel die Tochter ein Kind gekriegt hat, dann hat die Oma von uns 150 Mark gekriegt als Prämie. Es gab ein ganzes Monatsgehalt als Weihnachtsgeld für Rentner. Von 1977 bis 1987 hatten sich die Ausgaben für Prämien verdoppelt. Dann ist der Betrieb gewachsen auf 220 Beschäftigte, fast 100 mehr als heute. So viel könnten wir gar nicht arbeiten, um alles zu bezahlen. Geld ist aus dem Verlag nicht für uns rausgezogen worden, sondern für die Belegschaft.
Wie erinnern Sie sich an die Zusammenarbeit mit Ihrem Mitverleger Christoph Müller?
Elisabeth Frate: Menschlich habe ich ihn immer gemocht. Und was er geschrieben hat, fand ich hervorragend, vor allem seine Theaterkritiken. Aber er war sehr sprunghaft. Er wollte der Redaktion ja auch immer seine Anteile vererben. Aber er hat dann 2004 verkauft und lebt ja Gott sei dank immer noch.
Alexander Frate: Er war kein Geschäftsmann.
Müller verkaufte 49 Prozent an die Südwest Presse und 1 Prozent an Sie. Bei Ihnen blieben 51 Prozent. War die Arbeit danach anders?
Elisabeth Frate: Es ist einfacher geworden, weil nicht immer einer quergeschossen hat. Und ich habe häufiger die Seite der Redaktion vertreten.
Gab es da Auseinandersetzungen zwischen Ihnen beiden?
Elisabeth Frate: Unterschiedliche Meinungen sind ja nicht schlimm.
Alexander Frate: Und wir haben immer einen pragmatischen Kompromiss gefunden. Dafür sind die Österreicher bekannt, für den österreichischen Kompromiss.
Was sind denn die wichtigsten Charaktereigenschaften, die Verleger und Geschäftsführer haben sollten?
Elisabeth Frate: Empathie. Mir war immer der Mensch das Wichtigste. Und das konnte ich hier in diesem Beruf ganz umsetzen. Viele Mitarbeiter sind auch mal gekommen und haben mit mir irgendwas ganz privat besprochen.
Alexander Frate: Mir war immer die Ehrlichkeit wichtig. Auch wenn es unangenehm ist, muss man sagen, was man denkt, was los ist, was Sache ist. Nur ist die Verlagsbranche eine, wo ziemlich viel geflunkert wird.
In welcher Hinsicht?
Alexander Frate: In jeder Hinsicht. Wir haben das bei vielen Kooperationen erlebt, wo andere Verlage erst so, dann so sagten. Aus vielen Ideen wurde nichts. Ich habe zum Beispiel gesehen: Alle 20 Kilometer steht ein Druckhaus, das für 24 Stunden Drucken ausgerichtet ist und nur zwei bis fünf Stunden druckt. Da habe ich gedacht: Verleger müssen reiche Leute sein. Dann sind wir an die Partner ran. Es hat lange gedauert und gab erst Absagen, ehe es dann doch noch geklappt hat. (Im März 2003 wurde in Betzingen das Druckzentrum Neckar-Alb als gemeinsames Projekt von sechs Zeitungsverlagen eröffnet)
Was waren für Sie die schwierigsten Momente in Ihrer Zeit als Geschäftsführer?
Alexander Frate: Die schwierigsten Momente waren immer die der Einsparungen. Unsere Schwäche war ja, dass wir ein bisschen zu soft waren.
Und was waren die schönsten Momente?
Alexander Frate: Das war für mich, als wir die Geschäftsstellen in Rottenburg und Mössingen aufbauen und hier in Tübingen das Gebäude umbauen konnten. Und das alles, ohne Schulden aufzunehmen. Und das zweite, was mich immer stolz machte, waren fremde Leute, die bei einem Besuch die tolle Atmosphäre bei uns gelobt haben.
Sie haben auf Kongressen und im Alltag mitbekommen, wie sich die Verlagswelt in den vergangenen 30 Jahren verändert hat. Was war für Sie am einschneidendsten?
Alexander Frate: Der digitale Umbruch. Und der hat ja schon in den 90er-Jahren angefangen.
Es gab also viele schwierige Momente. Warum verkaufen Sie gerade jetzt?
Elisabeth Frate: Ich habe immer gesagt, ich verlasse das Haus nur dann, wenn man mich mit beiden Füßen nach vorne vom Schreibtisch wegträgt. Doch ich merke seit zwei Jahren, dass ich müde werde. Die Kraft lässt nach. Und ich möchte auch noch etwas vom Leben haben, länger Urlaub machen, Kunstausstellungen anschauen, lesen und so weiter.
Die Kinder wollten nicht. Meine Tochter Andrea ist in der IT-Branche und lebt in Italien. Unser Sohn Oliver hat einen künstlerischer Beruf als Grafikdesigner (beim TAGBLATT).
Alexander Frate: Ich werde 65 Jahre alt und habe schon lange gesagt, ich möchte am Ende des Jahres die Geschäftsführung abgeben.
Was war Ihnen dieses Jahr bei den Verkaufsverhandlungen besonders wichtig?
Elisabeth Frate: Dass keiner entlassen wird. Ein Unternehmen ist immer so gut wie seine Mitarbeiter. Wir haben eine Supertruppe. Wir sind mit Andreas Simmet (Vorsitzender der Geschäftsführung der Neuen Pressegesellschaft in Ulm) und Tim Hager (Geschäftsführer der SWP-Zeitungen in der Region) zusammengesessen und sind alle Mitarbeiter durchgegangen: Wie alt sie sind, wie lange sie da sind, was ihre Stärken sind. Und sie haben gesehen, dass der Verlag nicht üppig besetzt ist.
Alexander Frate: Sie haben große Augen bekommen, wie gut der Verlag dasteht. Wir haben die letzten 18 Monate schon gut und eng mit den Ulmern zusammengeschafft. Wir haben Vertrauen. Veränderungen gibt es immer. Aber sie wollen den Verlag im Großen und Ganzen wie bisher weiterführen.
Sie bleiben in Tübingen?
Elisabeth Frate: Wir bleiben hier wohnen in unserem 700 Jahre alten Haus beim Hölderlinturm. Aber ein bisschen mehr Österreich wird es trotzdem geben.
Alexander Frate: Das machen wir auch vom Wetter abhängig. Ich habe immer gesagt, Österreich ist im Sommer am schönsten.
Frau Frate, Herr Hager hat Ihnen bei der Weihnachtsfeier zum Abschied einen Chip geschenkt, der Ihnen lebenslangen Zugang zum Verlagsgebäude gewährt. Werden Sie ihn nutzen?
Elisabeth Frate: Das hat mich sehr berührt. Und ich werde meine Weihnachtsspendenaktionen noch weiterführen.
Alexander Frate: Ich bin da ein bisschen anders als meine Frau. Ich mache hier Schluss und werde nicht wieder hereinkommen.
Daten zur Geschichte
Will Hanns Hebsacker erhielt mit zwei anderen im September 1945 von den Franzosen eine Lizenz für die Herausgabe einer Zeitung. Bald kam sein Studienfreund Ernst Müller hinzu. Bereits 1954 starb Hebsacker. Zum 1. Januar 1970 übernahmen die Kinder Elisabeth (spätere Frate) und Christoph Müller die Anteile. Die spätere Verlegerin wurde nur zwei Monate vor der Zeitungsgründung geboren. Alexander Frate kam 1959 in Villach in Österreich zur Welt.