Horb/Düsseldorf · Einzelhandel: 277 Real-Märkte sind so gut wie verkauft

Die 140 Mitarbeiter der Horber Real-Filiale auf dem Hohenberg stehen vor einer ungewissen Zukunft.
Benjamin BreitmaierDie in Luxemburg ansässige SCP Group übernimmt laut einer Vereinbarung mit der Metro AG deren Supermarkt-Kette Real einschließlich des Digitalgeschäfts, 80 Immobilien und zugehöriger Gesellschaften. Dies teilte Metro am Dienstagabend mit. Das Gebäude, in dem der Horber Real-Markt mit 130 Beschäftigten auf dem Hohenberg angesiedelt ist, gehört nicht zur Verkaufsmasse; es ist lediglich angemietet.
SCP arbeitet mit dem deutschen Investor X+Bricks zusammen, der auf Immobilien für den Lebensmitteleinzelhandel spezialisiert i st. Folgt man der Metro-Pressemitteilung, soll ein Großteil der Real-Standorte erhalten werden, allerdings nicht zwingend unter der bisherigen Marke. Das „Handelsblatt“ nennt Kaufland, Edeka und Rewe als mögliche Weiterbetreiber.
Das kann grundsätzlich als eine gute Nachricht gelten. Speziell für Horb steht jedoch mit Fragezeichen dahinter: Kaufland und - in kleinerem Rahmen - Rewe sind bereits am Horber Bahnhof in zweieinhalb Kilometer Distanz vom jetzigen Real-Markt aktiv. Edeka möchte im Herbst eine Vollsortiment-Filiale im nahen Eutingen eröffnen. Dass ein weiterer Markt in so geringer Entfernung für einen der Genannten eine realistische Option darstellt, ist keineswegs selbstverständlich.
Darüber hinaus plant der Investor, Märkte für neue Nutzungen in kleinere Flächen aufzuteilen. Etwa 50 der 276 Real-Märkte sollen für mindestens 24 Monate ihren Namen behalten. Etwa 30 Märkte werden wohl geschlossen, „wenn weder ein Weiterbetrieb noch eine Fortführung durch ein anderes Einzelhandelsunternehmen eine wirtschaftliche Perspektive eröffnen“.
Patrick Kaudewitz soll als Vorsitzender des SCP-Verwaltungsrats bei der Entwicklung individueller Konzepte für die
Real-Standorte mitwirken und als Bindeglied zwischen SCP, X+Bricks und dem Real-Management fungieren. Zuvor war Kaudewitz als Vorstandsvorsitzender von Kaufland verantwortlich für 1270 Filialen und rund 140000 Mitarbeiter in sieben Ländern.
Welcher Real-Filiale welche Zukunft bevorsteht, wird wohl erst zur Jahresmitte bekannt gegeben: Die Zustimmung des Europäischen Kartellamts zum Verkauf steht noch aus; erst danach kann die eigentliche Transaktion abgeschlossen werden.
Sicherheit mit Vorbehalt
Was der Verkauf für die insgesamt rund 34000 Mitarbeiter jeweils bedeutet, lässt die Pressemitteilung offen. Sie werden laut Metro mit ihren gültigen Verträgen zu den bisherigen Konditionen übernommen. Wörtlich heißt es weiter: „Sofern Märkte in separaten Transaktionen an dritte Händler übergeben werden, wird die Übernahme der entsprechenden Mitarbeiter durch die übernehmenden Händler angestrebt“ - nach einer Arbeitsplatzgarantie klingt das nicht.
Sollte ein neuer Marktbetreiber bestimmte Warengruppen aus dem Real-Sortiment selbst nicht führen, können Arbeitsverhältnisse aus betrieblichen Gründen gekündigt werden. Die betroffenen Mitarbeiter sollen eine Abfindung erhalten, deren Höhe bereits zwischen der Real GmbH und dem Real-Gesamtbetriebsrat vereinbart wurde: je nach Alter und Betriebszugehörigkeit bis zu 14 Monatsgehälter. Bei einer Filialschließung greift diese Vereinbarung jedoch nicht; dann muss ein Sozialplan ausgehandelt werden.
Manfred Bock, Betriebsrat einer Real-Filiale in Nordrhein-Westfalen, äußert sich enttäuscht: „Man lässt uns weiter im Regen stehen. Niemand weiß, was aus uns wird, welche Märkte wohin verkauft werden und welche schließen.“ Er selbst glaubt auch nicht an einen dauerhaften Fortbestand der 50 Märkte, die zunächst für zwei Jahre als Real weitergeführt werden sollen.
Gleichwohl beschwichtigt der Metro-Vorstandsvorsitzende Olaf Koch die Kritiker: „Viele der erfahrenen und qualifizierten Real-Mitarbeiter haben eine gute Chance auf Weiterbeschäftigung.“ Das Käufer-Konsortium, das er als „unsere Partner“ bezeichnet, bringe „die Erfahrung und das Netzwerk mit, um im Sinne der Mitarbeiter eine wirtschaftlich tragfähige Weitervermarktung der Real-Standorte sicherzustellen“.
SCP fordert konstruktiven Dialog
Auch Marjorie Brabet-Friel, CEO der SCP Group, bemüht sich, die Wogen zu glätten: „Wir sind zuversichtlich, für die meisten Standorte individuelle Lösungen zu finden, die von den örtlichen Gegebenheiten abhängen werden.“ Die Zukunft der Real-Mitarbeiter sei SCP sehr wichtig, beteuert sie. Man werde versuchen, Schließungen und Entlassungen so weit wie möglich zu vermeiden. „Unser weiteres Vorgehen hängt jedoch auch von dem gemeinsamen Engagement aller Parteien ab.“ Dieses erfordere konstruktiven Dialog mit den Beschäftigten, der kommunalen Politik sowie den Eigentümern der Einzelhandelsimmobilien - und natürlich mit Betriebsräten und Gewerkschaften. „Konstruktiver Dialog mit Arbeitnehmervertretern“ klingt deutlich besser als „Einschnitte“, meint aber erfahrungsgemäß Ähnliches.