Horb · Pandemie: Die Angst vor dem Ergebnis

.
Nicht gesetztUm halb neun laufe ich die Neckarbrücke Richtung Markthalle entlang. Eigentlich beginnt die Aktion erst um neun, aber bereits jetzt schlängelt sich dort, wo sonst der Wochenmarkt stattfindet, eine große Schar an Menschen. Trotz des nassen Wetters scheinen sich heute einige Leute testen lassen zu wollen, inklusive mir. Zugegebenermaßen bin ich ziemlich nervös, denn schließlich entscheidet sich mit dem Test, ob ich Weihnachten dieses Jahr gemeinsam mit meiner Oma verbringen kann oder vielleicht doch in Quarantäne verbringen muss. Mir graut vor einem einsamen Weihnachten, sollte der Test positiv ausfallen. Genau das möchte die Aktion „Stille Nacht, einsame Nacht? Muss nicht sein!“ des Sozialministeriums Baden-Württemberg verhindern und richtet sich in erster Linie an Angehörige von Risikogruppen wie zum Beispiel Großeltern und Personen mit Vorerkrankungen, die den Heiligabend sonst alleine verbringen müssten.
Das Projekt wird am 23. und 24. Dezember an rund 150 Standorten in Baden-Württemberg durchgeführt. Die Antigen-Schnelltests werden aus der Notreserve des Landes Baden-Württemberg gestellt. Den Rest übernehmen ehrenamtlich Helfer, in Horb ist es die Johanniter-Unfall-Hilfe.
Die Vorbereitungen dafür sind seit letzter Woche in vollem Gange. Schwierigkeiten habe die Materialbestellungen bereitet, darunter Schutzausrüstung, aber auch Büromaterial wie rote Klemmbretter oder Stifte. „Unter den derzeitigen Liefersituationen ist das ein Problem.“, erzählt mir Gerold Imhof, der Ortsbeauftragte des Johanniter-Ortsverbands Horb-Nagold im Gespräch vor meinem Test. Auch personell sei der Aufwand laut Imhof enorm: „Wir brauchten 16 Helfende für 2 Stunden Arbeit.“ Letztlich haben sich aber genug Ehrenamtliche gefunden, die zusätzlich von Hauptamtlichen unterstützt werden. Imhof selbst hat eigentlich seit zwei Tagen Urlaub: „Aber war jetzt mehr als in Vollzeit beschäftigt.“, erklärt er mir.
Wer lässt sich testen?
Wer lässt sich testen? Ich frage in der Schlange nach: Eine ältere Dame wünscht sich zu Weihnachten einen negativen Test als Weihnachtsgeschenk. „Man muss sich auch mal was gönnen“, sagt sie mir. „Und zur Beruhigung“, fügt sie hinzu. Eine junge Frau möchte Weihnachten mit Ihrer Oma verbringen, die seit dem Tod des Opas letztes Jahr sonst ganz alleine wäre. Ein Helfer kommt mir entgegen, fragt mich nach meinem Namen und hakt ihn auf seiner Liste ab. Ich habe mich, wie 119 weitere, per Telefon angemeldet. „Wir haben uns für Voranmeldungen entschieden, weil wir Bedenken hatten, dass nachher zu viele Leute dastehen und wir wollten das Ordnungsamt und die Polizei nicht überstrapazieren“, sagt Imhof. Insgesamt eineinhalb Tage war die Anmeldung offen, bis die Liste voll war.
Ich werde als einer der ersten getestet. Am Einlass gebe ich meine persönlichen Daten an, die würden, im Falle einer Positivtestung direkt an das Gesundheitsamt weitergeleitet werden, wie ich mit meiner Unterschrift bestätige. Mit dem Zettel auf dem roten Klemmbrett werde ich zu einer der drei Teststellen in der Markthalle geleitet und setze mich einem mit Schutzkittel, Maske, Schutzvisier, Haube und Einmalhandschuh ausgestatteten Helfer gegenüber. Ich bekomme ein kleines Plastikgefäß in die Hand gedrückt, das eine Lösung enthält und die Anweisung, meine Maske bis unter die Nase zu ziehen. Dann kommt das Stäbchen. Ich erinnere mich an die Worte von Imhof: „Wir machen den Abstrich ganz hinten an der empfindlichsten Stelle.“ Und so ungefähr fühlt es sich auch an. Meine Augen tränen.
Das Stäbchen wird anschließend in das Plastikgefäß gegeben, dort soll mithilfe der Lösung das Material auf dem Stäbchen angelöst werden. Den Behälter darf ich selbst mit einem Sticker mit der Aufschrift „Johanniter 002“ bekleben. Ich bin ab jetzt die Nummer zwei. Die Lösung mit dem gelösten Material wird später in einem der zwei Testfahrzeugen auf ein Testtableau getröpfelt, erklärt mir Imhof. Nach 15 bis 20 Minuten zeigt das Tableau dann entweder keinen, einen oder zwei Striche an. Falls kein Strich auftaucht, lief etwas mit dem Test schief und dieser ist ungültig. Zeigt sich ein Strich, dann ist das Ergebnis negativ. Bei zwei Strichen ist das Ergebnis positiv.
Warten auf das Ergebnis
Mein Test ist damit vorbei. Ich werde aus der Markthalle Richtung Parkplatz herausgeführt. Dort steht auch ein Auto, gekennzeichnet als „Ergebnisausgabe“. Helferinnen laufen von der Teststelle mit dem Klemmbrett und der Probe zu einem der Testfahrzeuge und bringen das Testergebnis später zur Ergebnisausgabe. Der Regen hat mittlerweile zugenommen. Ich stelle mich unters Vordach der Halle und warte gemeinsam mit weiteren getesteten Personen auf das Testergebnis.
„Das wäre wirklich schlecht, wenn wir jetzt positiv getestet würden“, sagt mir ein älteres Ehepaar. „Dann könnten wir Weihnachten vergessen“. Sie verraten mir, dass ihre Enkel zu Besuch kommen wollen. „Ich wäre wirklich enttäuscht“, gesteht mir eine Mutter mit ihrem erwachsenen Sohn. Auch hier möchten die Großeltern zu Besuch kommen, fast die gesamte Familie hat sich deshalb in Selbstquarantäne begeben. Nur ihr Sohn musste zur Arbeit und ist daher eine mögliche Infektionsgefahr.
Nach einigen Minuten Wartezeit ruft jemand aus dem Auto: „Nummer zwei?!“Das bin dann wohl ich. Gleich entscheidet sich, ob ich Weihnachten in Quarantäne verbringen muss oder ob ich die seltene Gelegenheit bekomme meine Oma mal wieder zu sehen. Mir gehen viele Fragen und Szenarien durch den Kopf.
Das erste Szenario: ein negatives Testergebnis. Was würde das denn eigentlich bedeuten? Dürfte ich meine Oma dann in den Arm nehmen? „Ganz so easy ist es leider nicht.“ So relativiert Imhof meine Hoffnungen. Aber selbst ein negatives Testergebnis ist nicht zu hundert Prozent sicher. Deshalb sollte man auch mit Negativtest vorsichtig sein, erklärt er mir. Heißt also: „Am besten mit Maske.“
Einsames Weihnachtsfest?
Vor dem zweiten Szenario graut mir dennoch mehr: ein positives Testergebnis. Was wäre dann zu tun? „Dann muss man sofort in Quarantäne.“, so Imhof. Die Daten würden direkt ans Gesundheitsamt weitergeleitet werden und man sollte in den darauffolgenden Tagen einen PCR-Test beim Arzt machen, der sicherer ist als der Antigen-Schnelltest. Mein Weihnachtsfest wäre also einsam. Vor allem dieses Szenario geht mir durch den Kopf, als ich zur Ergebnisausgabe laufe.
„Sie sind negativ.“, sagt mir die etwas gestresste Helferin beiläufig und drückt mir den Zettel vom Klemmbrett und einen Flyer der Johanniter in die Hand. Ich freue mich, denn was für andere ein kurzer Kommentar ist, stellt für mich wohl mein größtes Weihnachtsgeschenk dar.
Um elf ist die Testaktion vorbei. Imhof zieht eine positive Resonanz: „Es hat geflutscht.“ Damit meint er, dass die Helfenden gut dabei waren und sie sogar mehr testen konnten, als ursprünglich geplant. 50 zusätzliche „Laufkundschaft“ haben die Johanniter getestet, also insgesamt 170 Personen.
Und die Coronazahlen? Positiv! Also für die meisten ein negatives Testergebnis. Nur eine der in Horb getesteten Personen, wird Weihnachten wohl in Quarantäne verbringen müssen. Die anderen können sich auf ein Weihnachtsfest freuen. Zumindest im kleinen Familienkreis und mit etwas mehr Sicherheit als zuvor.