Horb · Kriegsende vor 75 Jahren: Viele Horber halfen, die Verwundeten aus Schnee und Trümmern zu befreien

Der Bahnhof nach dem Angriff.
Nicht gesetztDer Angriff kommt völlig unerwartet. Kein Fliegeralarm warnt die Horber vor den ersten Bomben des Zweiten Weltkriegs, die das Stadtgebiet treffen. Es ist Montag, der 29. Januar 1945, etwa 16.35 Uhr. Soeben ist ein Zug aus Richtung Rottweil mit Arbeitern der Oberndorfer Waffenfabrik Mauser in den Horber Bahnhof eingefahren. Plötzlich sind Schüsse einer Bordwaffensalve zu hören, dann Explosionen. Zwei Bomben treffen das Bahnhofsgebäude, eine explodiert beim Postamt, zwei weitere in der Nähe des Bahnhofs. Rauch liegt über den Trümmern und dem blutgetränkten Schnee. Insgesamt kommen 23 Menschen ums Leben. Nun ist klar: Der Krieg, mit dem Nazi-Deutschland Europa überzogen hat, ist in der kleinen Stadt am Neckar angekommen.
Manche Horber erinnern sich noch an jenen Tag. Bitterkalt sei es gewesen. Einige Leute fuhren Ski auf der Hornau hinter dem Bahnhof. Marga Kramer war damals noch nicht ganz sechs Jahre alt. Sie fuhr mit dem Schlitten an einem Hang bei der Panoramastraße als sie die Bomben vom Himmel fallen sah, erzählt die 80-Jährige im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE. Kurz nach dem Abwurf der ersten Bomben ertönte der Fliegeralarm. Mit dem Schlitten an der Hand rannte Marga Kramer zur Wohnung der Großeltern in der Bußgasse 1. „Dort bin ich direkt in den Keller gelaufen.“
Auch Hans-Jürgen Löffler erinnert sich noch gut an das Ereignis. „Den Angriff hab ich zunächst auf dem Klo erlebt“, berichtet er. Die elterliche Wohnung des heute 84-Jährigen befand sich in der Dammstraße 3, die damals Hindenburgstraße hieß. Sein Vater war Kreisbeamter und arbeitete im selben Haus, in dem mehrere Behörden untergebracht waren. Der Vater war jedoch als Soldat im Krieg, weshalb der neunjährige Hans-Jürgen Löffler und seine sechs Jahre ältere Schwester nach der Schule stets zu den Großeltern gingen, die in der Altheimer Straße 3 wohnten.
Dort war er auch am Nachmittag des 29. Januar 1945 – und saß eben gerade auf dem Klo. „Ich hörte Flugzeuglärm, die Motoren, und dann eine Explosion“, erinnert er sich. „So schnell hab ich nie die Hos’ hochgebracht wie damals.“ Die Mutter, die sich ebenfalls bei den Großeltern aufhielt, habe geschrien. Das Haus hatte keinen Keller, „also sind wir runtergesaust in die Waschküche“. Nun ertönte auch die Rathaus-Sirene. Durchs Fenster beobachtete der Neunjährige die von Nordstetten kommenden US-Flieger. Ein Mann habe auf der Straße gestanden und immer, wenn ein Flugzeug eine Bombe ausklinkte, „Jetzet“ gerufen, berichtet Löffler. Es wurden wohl acht Bomben über Horb abgeworfen. Nicht alle explodierten.
„Nach schätzungsweise zehn Minuten war der ganze Spuk vorbei“, so Löffler. Er lief nach draußen, „und da kamen schon die Schlitten vorbeigefahren“. Vom Spitalhof waren Leute zum Bahnhof geeilt, um die Verwundeten, in Decken gehüllt, ins Krankenhaus zu transportieren – der Spitalverwalter Josef Vogel hatte blitzschnell reagiert. Die Helfer nutzten dafür große, normalerweise landwirtschaftlich genutzte Schlitten, die von Pferden gezogen wurden.
Der Horber Bahnhof war damals ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt für die Nord-Süd-Verbindung und deshalb Ziel der Alliierten. In dem eingefahrenen Zug saßen Löffler zufolge außer ein paar Horbern einige russische und französische Zwangsarbeiter. Unter ihnen waren die meisten Todesopfer. Zwei weitere Opfer waren Ansgar und Elmar Bock. Die beiden Jungen wohnten mit ihrer Schwester und den Eltern in dem Bahnhofsgebäude, wo es mehrere Wohnungen gab. Löffler war mit den Jungen befreundet. Ein anderer Freund habe Ansgar zum Skifahren abholen wollen. Doch weil dieser noch nicht mit den Hausaufgaben fertig war, habe er nicht mitgehen dürfen. Die Schwester der Jungen war in der Kirche, denn es war Tag der Ewigen Anbetung – das rettete nicht nur ihr, sondern auch einigen Horbern das Leben.
Als 14-Jährige erlebte Maria Eder den Bombenangriff auf Horb. Sie wohnte schon damals in dem Haus am Marktplatz 11, wo sie heute noch lebt. „Ich weiß es noch wie vorgestern“, sagt die 89-Jährige. Sie war gerade auf dem Rückweg vom Einkaufen, stand auf dem Marktplatz und hielt eine Flasche Maggi-Würzsoße in der Hand. Da kamen die Flugzeuge von Nordstetten her geflogen und begannen mit dem Angriff.
Im Haus der Eders befand sich damals ein öffentlicher Luftschutzkeller. „Mann an Mann“ habe da gesessen, erinnert sich die 89-Jährige, insgesamt 15 bis 20 Leute. Doch bis nach Hause schaffte sie es nicht: „I bin ins Rathaus nei g’sprunga.“ Dort gab es ebenfalls einen Keller, in dem sich Leute versteckten. Das weitere Geschehen beobachtete Maria Eder dann vom Fenster ihres Wohnhauses aus, von dem man eine gute Sicht auf die Unterstadt und das Bahnhofsareal hat. Ob sie große Angst hatte, um ihr Leben fürchtete? „Ja, natürlich“, sagt Eder. Die Flugzeuge kamen aus südlicher Richtung – hätten sie die Bomben Sekundenbruchteile später ausgeklinkt, hätten sie beim Marktplatz einschlagen können, womöglich ins Haus der Familie Eder. Ihre Mutter war während des Angriffs in der Liebfrauenkirche bei der Ewigen Anbetung, wo sich auch die Schwester der Bock-Jungen aufhielt. Rasch versammelten sich alle unter dem Kirchturm. Maria Eders Vater war zu dieser Zeit als Soldat in Hamburg stationiert.
Nicht nur Magda Kramer, Hans-Jürgen Löffler und Maria Eder erinnern sich an den Tod von Ansgar und Elmar Bock. Auch Elisabeth und Peter Steimle ist dieses schmerzliche Ereignis in Erinnerung geblieben. Über viele Jahre habe es stets am 29. Januar einen Gottesdienst im Gedenken an die beiden Jungen gegeben, sagt Elisabeth Steimle. Sie wohnte damals in der Neckarstraße 12. Heute befindet sich dort das Juweliergeschäft „Schmuck am Aischbach“, das ihre Tochter Lucia Steimle betreibt. Vor 75 Jahren arbeitete Elisabeth Steimles Vater dort. Sie stand gerade bei ihm an der Werkbank. „Und dann hat’s ‚Bätsch‘ gemacht, und das Schaufenster war kaputt“, erzählt die 86-Jährige. Eine jüngere Schwester war zu dieser Zeit auf der Straße unterwegs. Ein Passant habe sie in einen Hauseingang gezogen und sich schützend über sie gebeugt. Danach brachte er sie ins Gasthaus Goldener Adler.
Ein Bild hat Elisabeth Steimle noch genau vor Augen: Wie Pfarrer Heinzmann aus Grünmettstetten völlig durchnässt bei ihnen daheim ankam. Er hatte sich in den Schnee geworfen, als der Fliegerangriff begann. Regelmäßig montags traf sich der Pfarrer mit Elisabeth Steimles Vater und anderen Männern zum Debattieren.
Peter Steimle wohnte seinerzeit dort, wo sich heute das Gebäude der Kreissparkasse befindet, also in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof. Als die Bomben fielen, war er zu Hause. Sein Vater war als Soldat im Elsass. Als Peter Steimle die Explosionen hörte, hatte er sofort Angst um seinen jüngeren Bruder, der zu diesem Zeitpunkt nicht daheim war. Niemand wusste, wo er war. Also rannte Peter Steimle hinaus zum Bahnhof und begann, nach seinem Bruder zu suchen. In der Eile hatte er nicht einmal Schuhe angezogen: „Ich hab die Krise gekriegt: Ich dachte, der liegt unterm Schutt“, berichtet der 89-Jährige. Übergroß war schließlich die Erleicherung, als klar wurde, dass sein Bruder zum Skifahren an der Hornau gewesen war. Peter Steimle half indes beim Freischaufeln der Verwundeten – und tatsächlich entdeckte er einen Verletzten im Schnee. Bei Temperaturen von ungefähr minus 10 Grad Celsius zählte jede Minute, um die Opfer des Angriffs ohne massive Unterkühlungen ins Spital zu bringen.
Hedwig Schwab, die ebenfalls im Bahnhofsgebäude wohnte, sei durch die Bombenexplosion – so erzählt man sich – mit ihrem Bett eine Etage tiefer gefallen und auf dem Bahnhofsvorplatz gelandet. Sie habe den Angriff unbeschadet überstanden – „wie ein Wunder“, sagt Peter Steimle.
In der „Horber Kreisrundschau“, einer ständigen Beilage der „Schwarzwald-Rundschau – parteiamtliche Zeitung für die Kreise Freudenstadt und Horb“ findet sich weder am 30. Januar noch in den Tagen darauf irgendeine Notiz zu dem Bombenangriff. Bilder vom zerstörten Bahnhof sind rar, da die Nazis das Fotografieren von Kriegsschäden unter Strafe gestellt hatten. Als Quelle dient die Ortschronik von Paul Knoll. Er hatte am 29. Januar 1945 einige Zeilen notiert zum „schrecklichen Groß-Terrorangriff auf den Bahnhof Horb“.
Die Bilanz des Angriffs: Am Bahnsteig kamen 19 Menschen ums Leben, außerdem vier Horber im Bahnhof, darunter die beiden Bock-Jungen. Das Bahnhofsgebäude glich nach zwei Volltreffern einer Ruine, der Wiederaufbau war erst 1952 abgeschlossen. Die Post war so demoliert, dass sie ausgelagert werden musste; stark beschädigt waren zudem das Hotel Lindenhof und das Café Haag.
Die Schrecken des Krieges lassen sich nicht vergessen. „Du lebst anders im Angesicht dieser Bedrohung“, sagt Elisabeth Steimle. „Man wird schneller erwachsen.“