Horb · Historie
: Horber Nachtwächter: Produktpiraterie zu Kaisers Zeiten

Nachahmerprodukte glichen sich der innovativen Bürkschen Kontrolluhr an.
Von
Gastbeitrag von Joachim Lipp
Horb

Diese von der Firma Isgus hergestellte Papierstreifenuhr gleicht mit Ausnahme des unbeschrifteten Stegs dem Bürk’schen Original, dessen Steggravur infolge von zulässigen Nachahmungen ab 1883 nicht mehr „J. Bürk Patent“, sondern „J. Bürk Original“ lautete.

Heinrich Raible
  • Historische Nachtwächter-Uhren aus Horb dokumentieren deutsche Pünktlichkeit im 19. Jahrhundert.
  • Sammlung zeigt frühe Produktpiraterie, lange vor Chinas „Shanzhai“.
  • Fokus auf Uhren von Johannes Bürk, der 1855 die Württembergische Uhrenfabrik gründete.
  • Bürk’s Papierstreifen-Uhren wurden oft kopiert; Originale sind seltene Sammlerstücke.
  • Konkurrenz durch Firmen wie Isgus und Gebrüder Eppner ab Ende 19. Jahrhundert.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Die umfangreiche Kontrolluhrensammlung der Horber Nachtwächter dokumentiert das Werden einer deutschen Tugend und belegt, dass die Pünktlichkeit eine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist. Die Sammlung bezeugt ebenso, dass sich die Produktpiraterie nicht erst in China unter dem Begriff „Shanzhai“ etabliert hat.

Ein besonderes Augenmerk haben Joachim Lipp, Heinrich Raible und Bruno Springmann bei ihrer Sammlung auf Uhren aus der Württembergischen Uhrenfabrik gelegt, die 1855 von Johannes Bürk in Schwenningen gegründet wurde. Mit den Markennamen Patent, Original, Amerikaner, Standard, Multa oder Universal finden sich sämtliche Wächterkontrolluhren, die von der Firma Bürk in den verschiedensten Variationen hergestellt worden sind. Von der ältesten Kontrolluhr mit der Markengravur „J. Bürk Patent“ besitzt man in Horb mittlerweile fünf der äußerst seltenen Exemplare, die zwischen 1855 und 1883 hergestellt worden sind.

Der Straßburger Uhrmacher Jean Baptiste Schwilgué, der durch den Bau eines neuen Uhrwerks für die astronomische Uhr am Straßburger Münster weithin bekannt war, erhielt im April 1847 ein französisches Erfindungspatent für einen „marqueur portatif“. Fast zeitgleich bekam der Genter Uhrmacher Charles Nolet ein belgisches Patent für seine tragbare Nachtwächterkontrolluhr mit der Bezeichnung „montre-contrôleur“. Das erste englische Erfindungspatent für solch eine Uhr wurde im Dezember 1852 John Rowbotham aus Manchester erteilt.

Da Schwilgués Uhr im Königreich Württemberg keinen Patentschutz genoss, verbesserte der Stuttgarter Telegrapheninspektor Karl Geiger diese Uhr nach seinen Vorstellungen und stellte im März 1855 seine Wächterkontrolluhr vor. Geiger, der 1832 in Stuttgart ein Geschäft für Mechanik und Optik eröffnet hatte, war sieben Jahre zuvor Geschäftspartner von Johannes Bürk geworden und fertigte einen von Bürk entwickelten Entfernungsmesser als Zubehör für Fernrohre der Königlich Württembergischen Artillerie.

Als Johannes Bürk im Mai 1855 sein Gesuch um ein Erfindungspatent für eine „Neue Nachtwächter-Controleuhr“ anmeldete, waren viele der Bürkschen Patentansprüche in den Augen der württembergischen „Patent-Commission“ vom Geschäftspartner Geiger bereits vorweggenommen. Deshalb erhielt er lediglich ein Patent auf die Dauer von drei Jahren für die „eigenthümliche Art der Zeichengebung“, die darin bestand, dass Bürk die Kontrollmarkierungen nicht auf einer Scheibe, sondern auf einem um ein trommelförmiges Metallrad gewickelten Papierstreifen anbrachte.

Trotz dieser Patentbeschränkung ging Johannes Bürk mit Elan an die Herstellung und den Vertrieb seiner tragbaren Papierstreifenuhr. Von den damaligen Konkurrenten hatte er bald nichts mehr zu befürchten. Längst hatte er seine Position als führender Anbieter von tragbaren Papierstreifen- und Papierscheibenuhren gefestigt, als weitere Mitbewerber auf dem Markt erschienen.

Die Monopolstellung im Bereich der tragbaren Wächterkontrolluhren fand für die Württembergische Uhrenfabrik Bürk & Söhne ein Ende, als in Stuttgart mit Anton Meyer und Theodor Hahn 1868 erste Konkurrenten auftraten. Ab 1878 baute die „Preussische Uhrenfabrik Gebrüder Eppner“ in Schlesien als „Hoflieferant Seiner Majestät des Kaisers und Seiner Kaiserlich-Königlichen Hoheit des Kronprinzen“ Wächterkontrolluhren, die dem Bürkschen Original zum Verwechseln ähnlich sahen.

Auch im heimischen Schwenningen bekam die Firma Bürk 1888 mit der Fabrik von Jakob Schlenker-Grusen (Isgus) und 1897 mit der Fabrik von Jakob Benzing ernstzunehmende Mitbewerber. Als die in der Württembergischen Uhrenfabrik produzierten Kontrolluhren immer mehr Nachahmer fanden, konnte man auf Bürkschen Werbeanzeigen folgenden Hinweis lesen: „Uhren mit der Aufschrift Bürk’s System oder ohne Aufschrift sind nicht unser Fabrikat, sondern Nachahmungen unserer Originale.“

Ein weiteres Plagiat ohne Aufschrift, das von der Firma Isgus hergestellt wurde, konnten die Horber Nachtwächter jüngst für ihre Sammlung erwerben. Unter den nunmehr 125 Wunderwerken der Feinmechanik finden sich in der Horber Sammlung mehrere Kontrolluhren, die belegen, dass schon zu Zeiten des Deutschen Kaiserreichs, lange vor der Produktpiraterie der Chinesen, dreiste Nachahmerprodukte hergestellt wurden, die dem Bürkschen Original zum Verwechseln ähnlich sahen.