Horb · Berufswelt: Viel mehr als nur der Verdienst

Dongmei Niu war in ihrer Heimat Journalistin und lebt seit 2008 in Deutschland. Nach neunjähriger Elternzeit ist die Chinesin als Erzieherin wieder in die Berufswelt eingestiegen. Sie sagt: „Man muss einen ersten Schritt nach außen gehen.“ Dann folge der nächste.
Mathias HuckertD er Ansporn, wieder arbeiten zu gehen, liegt für die 40-jährige Dongmei Niu auf der Hand: „Eltern sind Vorbilder für ihre Kinder. Als Mutter möchte ich besonders meiner Tochter vorleben, wie es ist, eine selbständige, unabhängige Frau zu sein.“ Sie selbst, so sagt die Chinesin, erhalte durch die Arbeit Anerkennung - und könne ihre sozialen Kreise erweitern.
Dongmei Niu kam 2008 mit ihrem Mann nach Deutschland. Er studierte und promovierte an der TU Berlin in Maschinenbau. Mittlerweile arbeitet der Ingenieur bei Bosch Rexroth, und die vierköpfige Familie hat sich auf dem Hohenberg ein Eigenheim gebaut.
Dongmei Niu und ihr Mann haben sich ganz bewusst für das Leben in einem Land entschieden, in dem Familie einen höheren Stellenwert hat. In China, wo die Familienplanung durch die Ein-Kind-Politik staatlich reglementiert ist und Frauen ganz selbstverständlich wenige Wochen nach der Geburt ihr Berufsleben fortsetzen, bleibt dafür weit weniger Zeit.
Die ersten Jahre war die Familie Nius ganzes Leben. Draußen blieb es bei „Hallo“, „Guten Morgen“, „Danke“: Am Anfang sprach Dongmei Niu nur beim Einkaufen Deutsch. Heute weiß sie: „Zuhause kann man Sprache nur vergessen, nicht verbessern.“
Als ihr Sohn Luis vor drei Jahren in den Kindergarten kam, war es für Dongmei Niu wieder möglich, arbeiten zu gehen. Theoretisch.
In der Praxis war sie nach neun Jahren als Vollzeit-Mama völlig unsicher, wie das gehen soll. Auch Tochter Fiona (11) war zwar schon in der Schule, doch sie selbst sprach kaum Deutsch. Eine Freundin aus der chinesischen Community im Landkreis gab ihr den Tipp, sich an die Berufsberatung der Agentur für Arbeit in Nagold zu wenden. Dieser erste Schritt nach außen führte Dongmei Niu zu einem Deutschkurs an der VHS in Nagold und zu einer Ausbildung als Erzieherin an der Annamarie-Lindner-Schule in Nagold.
Eigentlich hatte sie sich diese relativ einfach vorgestellt. Beim Singen und Spielen im Kindergarten, so dachte sie, werde sie wie von selbst Deutsch lernen. Eine Fehleinschätzung. Die pädagogische Ausbildung war viel anspruchsvoller als gedacht. Bis spätabends und jedes Wochenende paukte sie Fachbegriffe und Theorie, musste seitenlange Berichte formulieren und pädagogische Konzepte erarbeiten.
Ihr Ehemann unterstützte sie, machte viele Ausflüge mit den Kindern, damit sie Zeit und Ruhe zum Lernen hatte. Und doch drohte sie, an Sprachschwierigkeiten und der Fülle an Lernstoff zu scheitern - wie etwa die Hälfte ihres Ausbildungslehrgangs.
Selbstbewusstsein gerettet
Auch Dongmei Niu wollte aufgeben. Sie meldete sich beim Schulleiter ab und rief ihre Sachbearbeiterin bei der Agentur für Arbeit an: Es sei einfach zu schwierig, sie könne nicht mehr. Doch dann, so erzählt sie, sei die Beraterin wie eine Freundin auf sie eingegangen, habe sich Zeit genommen, sie neu motiviert. „Oh, ich bedanke mich sehr bei Frau Müller“, sagt Dongmei Niu. Die Sachbearbeiterin Anita Müller, so wird deutlich, hat mit ihrem Zutrauen in Dongmei Niu deren verlorenes Selbstbewusstsein gerettet. So jemanden, sagt Dongmei Niu, habe sie genau da gebraucht.
Und auch ihr Mann hat sie immer wieder ermutigt: „Du bist eine wichtige Person in unserer Familie. Deshalb ist deine Ausbildung für uns alle wichtig.“ Am Ende sei entscheidend, so sagte ihr Mann, „dass du es probiert hast“. Deshalb habe sie sich dann auch einen Monat lang als Praktikantin bei einer Lokalzeitung in Nagold versucht: „So konnte ich mir Gewissheit verschaffen, dass für mich nicht geht, als Journalistin zu arbeiten.“
Mittlerweile hat Dongmei Niu vieles andere geschafft. Sie macht ihr Anerkennungsjahr im Kindergarten Starzach-Börstingen auf 50-Prozent-Basis. Sie kann gut Deutsch und lernt täglich viel über die Kultur in Deutschland mit all den bislang unbekannten religiösen Festen dazu. Corona verkompliziert zwar auch für sie und ihre Familie vieles. Doch endlich kann sie wieder - wie zuvor als Journalistin - mit Menschen arbeiten, hat einen Platz in der Welt da draußen - und ein neues Selbstbewusstsein gewonnen.
Ein Strahlen geht durch ihr Gesicht, als sie sagt: „Ich freue mich, dass ich einen eigenen Job habe. Mir gibt Arbeit viel mehr als nur den Verdienst.“