Hilfsbereitschaft
: Frauen aus Empfingen sammeln Spenden für Hochwasser-Region in Polen

Zwei Empfingerinnen und eine Böblingerin starteten einen Spendenaufruf für Hochwasser-Betroffene in Polen. Sie berichten über die Lage im Nachbarland, die Aktion und Reaktionen auf den Aufruf.
Von
Mira Bültel
Empfingen

Von links: Marzena Bojda, Marta Króliczak und Izabela Miszta setzen sich für Hochwasser-Betroffene in Polen ein. Privatbild

Nicht gesetzt

Aus zwei kleinen Kartons wurden drei Kleinbusse voll mit Hilfsgütern, aus einer Idee eine Welle der Hilfsbereitschaft. Zwei Frauen aus Empfingen und eine Böblingerin sammeln Sachspenden für die vom Hochwasser Betroffenen in Polen. Am Donnerstagabend ging die erste Ladung in das Gebiet.

Die Böblingerin Marzena Bojda und Izabela Miszta, die seit zwei Jahren in Empfingen als Fotografin arbeitet, kennen sich über Facebook. „Marzena hatte die Idee“, berichtet Marta Króliczak, die in Empfingen das Studio Beautysphere-Skincare betreibt. Die Familie von Bojda, ihre Freunde und Bekannte leben in einem der betroffenen Gebiete, in Stronie Slaskie. Die Stadt ist laut Króliczak ungefähr so groß wie Horb. Bojdas Familie wurde nicht verletzt, weil deren Haus oberhalb steht.

Die Böblingerin hat Zugang zu einer Transportfirma und zu den Kleinbussen. Bojda holte Miszta mit ins Boot und diese fragte Króliczak, ob sie ebenfalls spenden möchte. Die 35-Jährige stieg kurzerhand in die Organisation ein, teilte den Aufruf, der auch von der Gemeinde Empfingen verbreitet wurde, auf Social-Media-Kanälen.

„Bei so etwas hilft man sich gerne“, sagt Króliczak. Die drei Frauen wandten sich zuerst an ihre Kunden, Freunde, Bekannte, teilten den Aufruf über Social Media. „Es melden sich viele Fremde. Eine Mutter kam mit ihrem Sohn vorbei, er hat sein Spielzeug mitgebracht zum Spenden“, berichtet Króliczak gerührt. Es kam auch viel Futter für die Tiere in dem betroffenen Gebiet an.

„Innerhalb von zwei Tagen war dreiviertel des Busses voll“, berichtet Króliczak. Weitere Freunde und Bekannte von ihnen helfen mit, unterstützen sie. So auch eine Frau aus Stuttgart, die bei der Kirche arbeitet und dort für die Hochwasser-Betroffenen sammelte. Und eine Empfingerin sammelte bei der Caritas Horb acht Säcke mit Erwachsenenklamotten und acht Kartons mit Kinderklamotten ein, berichtet Króliczak.

„Wir haben mit den Reaktionen nicht gerechnet“, sagt Króliczak. Sie und Miszta sind überwältigt von der Spendenbereitschaft ihrer Mitbürger. „Wir haben so viele Rückmeldungen bekommen. Anfangs hatten wir gehofft, dass ein Bus voll wird.“ Nun wurden es drei Fahrzeuge. „Es wird von Menschen für die Menschen organisiert. Die Menschen haben Herz gezeigt“, sagt Miszta. Króliczak ergänzt: „Man muss in so einer Situation nicht 100 Kilogramm pro Person spenden, es reicht, wenn jeder etwas Kleines bringt.“ Und weiter: „Für die Menschen hier sind die Leute in Polen fremd, sie kennen sie nicht. Trotzdem helfen sie.“ Króliczak, Miszta und Bojda bedanken sich schon jetzt für alle Unterstützer und die ganzen Rückmeldungen.

Sammelaufruf vorerst gestoppt

„Es melden sich immer noch Leute“, sagt Miszta. Die 41-Jährige ist seit vier Jahren in Deutschland. Alle paar Minuten klingelt ihr Handy mit Anfragen. Aufgrund der nicht abreißenden Nachfrage war ursprünglich geplant, dass diese Woche ein Lastwagen direkt aus Polen kommen sollte, um eine weitere Ladung Spenden entgegenzunehmen. Am Montag stoppten die Frauen jedoch erstmal den Sammelaufruf. „Erst einmal müssen die Menschen alles aufräumen, damit sie die Spenden überhaupt nach Hause mitnehmen können“, sagtKróliczak. Außerdem werden vor Ort keine Busse und Lastwagen in die Gebiete gelassen. In zwei bis drei Wochen sollen voraussichtlich nochmal Busse nach Polen fahren. Weiterhin gebraucht werden vor allem Putzmittel.

Momentan ist in der Region das Wasser weg, überall sei Schlamm, wissen die Empfingerinnen von ihren Kontaktpersonen vor Ort. Diese gaben ihnen stets durch, was momentan gebraucht wurde. Und benötigt wurde vieles: „Gummistiefel, Putzmittel, Eimer, Schaufel, Besen, Handschuhe, Lappen, Matratzen, Bettdecken, Pampers, Süßigkeiten für Kinder, Milchpulver, Klamotten für Kinder und Erwachsene, Spielzeuge, Medikamente, Futter für die Tiere, Windeln für Babys und für Erwachsene, Matratzenauflagen“, zählt Króliczak auf. Vor Ort steigen die Preise für die benötigten Gegenstände extrem gestiegen, berichten die Frauen. „Gummistiefel und Handschuhe kosten fast fünfmal so viel“, berichtet Króliczak entrüstet.

Anfangs wollte Bojda nur Essen nach Stronie Slaskie bringen, als sie nach dem Hochwasser ihre Familie besuchen wollte. Dann kam der Gedanke, wenn sie schon hinfährt, kann sie auch andere benötigte Dinge mitnehmen. „So ist das Ganze entstanden“, sagt Króliczak.

Zuerst war die Essensversorgung problematisch, inzwischen seien die Betroffenen mit Lebensmitteln und Wasser versorgt. „Die Ärzte haben dazu aufgerufen, dass die Menschen Handschuhe tragen sollen, um keine Bakterien zu bekommen. Denn auch der Friedhof und die Abflüsse wurden mitgeschwemmt“, berichtet Króliczak.

Keine Geldspenden

Die Sachen wurden vor direkt an die Menschen verteilt, verspricht die Kosmetikerin. Miszta fügt hinzu: „Wir sind keine Organisation, die Sachen werden nicht in einem Lager gebunkert oder sogar weiterverkauft. Sie werden direkt dort verteilt. Die Leute werden gefragt, was sie dringend brauchen.“ Deshalb wollten die Frauen, die alle drei aus Polen stammen, keine Geldspenden annehmen. Sie wollten sichergehen, dass die Hilfe auch dort ankommt, wo sie gebraucht wird.

Unterstützung eines Kinderheims

Einige der Spenden gingen auch nach Kłodzko; eine Stadt, zirka so groß wie Freudenstadt und rund 30 Kilometer von Stronie Slaskie entfernt. InKłodzko befindet sich ein Kinderheim. Das Gebäude ist überflutet, die Kinder sind in Sicherheit und bei Familien untergebracht. Ein Damm schützte zwar Stronie Slaskie, und er hat laut Króliczak auch gehalten – doch das Wasser bahnte sich neben der Staumauer einen Weg hinunter in das Tal. Mittlerweile sinkt das Wasser immer mehr und vor Ort sind die Aufräumarbeiten im Gange.

Durch das Hochwasser wurde auch die Infrastruktur beschädigt und manche Straßen sind nicht mehr passierbar. Die letzten Hilfsgüter kamen jedoch an, versichert Króliczak. Denn Traktoren konnten trotzdem über die Landstraßen fahren und zur Not die Spenden entgegennehmen.