Glosse zu Ostern
: Zwischen Siphon und Sakrament

Inmitten von Staub und Schlagbohrern: Wie eine Predigt über die Auferstehung entsteht, wenn sich im Pfarrhaus noch die Kisten stapeln.
Kommentar von
Michael Stock
Horb
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Wo sich die Kisten stapeln, wächst die Predigt: Ludwigsburgs neue Pfarrerin zwischen Auspack-Marathon und Auferstehungs-Vorbereitung.

Wo sich die Kisten stapeln, wächst die Predigt: Ludwigsburgs neue Pfarrerin zwischen Auspack-Marathon und Auferstehungs-Vorbereitung.

Michael Stock

Wir sind weggezogen aus Neustetten. Und Ludwigsburg hat eine neue Pfarrerin. Wer das neue Pfarrhaus kurz vor Ostern betritt, wähnt sich nicht in einem geistlichen Rückzugsort, sondern in einer Mischung aus Baustelle und schwäbischer Backstube. Ein herzliches Willkommenskommando schiebt sich durch den Flur, während der Schlagbohrer lautstark den Takt zum „Kyrie Eleison“ vorgibt.

Es ist ein Ankommen unter Hochdruck, bei dem die Nachbarschaftshilfe auf den Renovierungswahnsinn trifft. Der Zustand im Hause ist, na sagen wir: „dynamisch“. Während die „Frau Pfarrer“ – so wird sie mitunter tatsächlich angesprochen – in einer Ecke zwischen gestapelten Kisten mit der Exegese der Passionsgeschichte ringt, verhandelt der Ehemann an der Haustür mit dem Handwerker über die Terrasse oder die Küchenzeile. Es ist ein heiliger Sprint auf den Ostersonntag zu.

„Das Wort ist Fleisch geworden“, murmelt die Geistliche, während der Klempner plötzlich den sanierten Siphon reckt. Ein Sieg über das Abwasser passend zur Karwoche! Doch die Herausforderung wartet auf dem Schreibtisch aus Kartons. Wie schreibt man über die Auferstehung, wenn man ständig über Malervlies stolpert? Es braucht schon eine ordentliche Portion Gottvertrauen, um in diesem Lärm die Stimme der Stille zu finden.

Wie fleißige Jünger

Die Handwerker wuseln wie fleißige Jünger durch die Räume. Die Gemeinde klingelt im Fünf-Minuten-Takt und bringt Backwaren mit. Das Pfarrhaus ist so mit Hefezopf gepolstert, dass man auf den weichen Schichten aus Hefe und Mehl nächtigen könnte. Mancher Karton dient hierbei längst als improvisierte Kaffeetafel für die spontanen Gäste, die das neue Gesicht der Gemeinde mit schwäbischer Herzlichkeit willkommen heißen.

Doch in diesem Chaos liegt ein biblischer Zauber. Ostern bedeutet Aufbruch und das Leben, das sich durch den Stein bricht – in Ludwigsburg eben durch Luftpolsterfolie und Baulärm. Eine „Baustellen-Theologie“, näher am Leben geht es kaum. Wenn am Sonntag die Glocken läuten, wird die Predigt stehen. Vielleicht haftet Zementstaub am Talar, aber die Botschaft sitzt: Das Licht leuchtet auch in der unaufgeräumtesten Baustelle. Bis dahin gilt: erst die Brezel, dann die Bibel – und hoffentlich hält der Siphon bis zum Abendmahl.

Sollte ein Halleluja schallen, gilt es wohl dem ersten fertigen Zimmer. Es ist eine eigene Liturgie, wenn das Amen mit dem Einrasten der letzten Schublade zusammenfällt. Am Ende aber zählt: Die Türen stehen offen – für Handwerker, Hungernde oder die frohe Botschaft.