Freudenstadt · Soziales
: Das Haus ist kein Selbstläufer

Die SPD-Bundesvorsitzende Saskia Esken besuchte am gestrigen Montag das Freudenstädter Familienzentrum. Es ging um die langfristige Finanzierung von Mehrgenerationenhäusern.
Von
Dunja Bernhard
Freudenstadt

Sie trafen im FZF zusammen, um über Gegenwärtiges und Zukünftiges zu sprechen: (von hinten links nach vorne rechts): Marion Reich, Claudia Lehmann, Priska Giek, Gerhard Gaiser, Christa Dengler, Elisabeth Eiermann , Gerlinde Unger, Gesine Junghans mit Pia, Marianne Reißing, Saskia Esken.

Dunja Bernhard

D as Mehrgenerationenhaus (MGH) liefere passgenaue Antworten auf die gesellschaftlichen Herausforderungen, sagte Marianne Reißing, Vorstandsmitglied des Familienzentrums Freudenstadt (FZF) und Sprecherrätin der Mehrgenerationenhäuser Baden-Württemberg. Zu den Herausforderungen gehören unter anderem Flüchtlingszuzug, demografischer Wandel, Vereinsamung, alleinerziehende und/oder berufstätige Mütter. Das Programm des FZF wurde über die Jahre immer wieder erweitert und auf die Bedürfnisse der hilfesuchenden Menschen angepasst.

Der Schlüssel zum Erfolg sei das offene Konzept, das mittlerweile für alle MGH verpflichtend sei, sagt Reißing. In Freudenstadt ist es das „Café Augenblick“. Die soziale Vision dahinter: Jede/r kann bedingungslos kommen, egal aus welchem Milieu und aus welcher Kultur er oder sie stammt. In dem Haus kommen die verschiedensten Menschen zusammen: jung und alt, mit und ohne Handicap, langzeit-arbeitslos, jugendlich und straffällig oder psychisch krank. Es gehe darum, dass die Menschen sich begegnen. Reißing nennt das „Friedensarbeit“.

Kontinuierliche Finanzierung

Ein weiteres Ziel ist, Familien früh zu erreichen und zu stärken. Die Menschen, die kommen und Hilfe brauchen, werden „gut begleitet“. Dafür gibt es zahlreiche Angebote von der Holzwerkstatt bis zu haushaltsnahen Dienstleistungen. „Es ist ein Kreislauf von Geben und Nehmen“, sagt Reißing.

Bei der Begleitung der Menschen sei Kontinuität wichtig. Dafür ist eine dauerhafte Finanzierungszusage nötig. Doch die gibt es bisher nicht. Die Förderprogramme sind befristet, mitunter müssen die Mittel Jahr für Jahr erneut beantragt werden. „Bei großen Themen ist es schwierig mit der Projektierung.“ Sprachförderung von Migranten muss im zweiten Jahr weitergehen. Gute Fachkräfte können nur gewonnen werden, wenn sie eine berufliche Perspektive über ein Jahr hinaus haben.

Und auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter müssen geschult werden, für den feinfühligen Umgang mit den Besuchern. „Sie brauchen eine hohe soziale Kompetenz.“ Mehrgenerationenhäuser seien keine Selbstläufer.

Das Freudenstädter Mehrgenerationenhaus gibt es seit 2007. Da wurde es in das Aktionsprogramm der Bundesregierung aufgenommen. Der Verein, der dahintersteht, gründete sich 1991. Derzeit arbeiten in dem Haus 24 Festangestellte und 80 ehrenamtliche Mitarbeiter.

Das Bundesnetzwerk der MGH setzt sich dafür ein, dass die Häuser finanziell besser gestellt werden. Seine Forderung: Jedes MGH soll zusätzlich zu der Förderung von bis zu 50000Euro eineinhalb Stellen finanziert bekommen. Das vielfältige Angebot der MGH habe einen Nachteil, sagt Reißing. Es sind verschiedene Ministerien zuständig, wenn es um die Förderung geht. In diesem Jahr führt Baden-Württemberg den Vorsitz der Konferenz für Kinder-, Jugend- und Familienpolitik, in der zuständige Minister und Senatoren der Länder grundsätzliche Angelegenheiten der Kinder-, Jugend- und Familienpolitik beraten und beschließen. Das könnte ein Vorteil sein, hofft Reißing.

Kommune, Kreis, Land oder Bund?

Die SPD-Bundesvorsitzende Saskia Esken kritisiert die auf jeweils ein Jahr beschränkte Förderung des Bundes, wie sie derzeit in einem Programm für neue MGH umgesetzt wird. „Da muss man sich fragen, was soll das?“ Überall werde für die Häuser geworben, aber sie sollen nichts kosten. Wenn die Finanzierung ausläuft, solle „die Zivilgesellschaft es richten“. Etliche Berufstätige könnten sich aber nicht noch zusätzlich ehrenamtlich einbringen. Hinzu komme der Generationenwechsel, der auch im Freudenstädter Haus ansteht.

Es sei die Aufgabe der Politik zu helfen. Der Föderalismus (Eigenständigkeit der Bundesländer bei bestimmten Aufgaben) bringe das Problem mit sich, dass der Schwarze Peter hin- und hergeschoben werde. Die Kommunalpolitik müsse Verantwortung übernehmen und Strukturen schaffen, wenn nicht mehr genug Ehrenamtliche da sind, sagt Esken.

SPD-Kreistagsmitglied Gerhard Gaiser meint, das MGH habe nicht nur in der Großstadt eine wichtige Funktion, sondern auch im ländlichen Bereich. Er sei bereit, fraktionenübergreifend dafür zu sorgen, dass es sich weiter entwickeln kann. „Es ist wichtig, das Geld fließt.“ Bund und Land seien gefordert, sagt der Kreistagsabgeordnete. „Sie haben mehr Möglichkeiten als Stadt und Kreis.“ Alle müssten an einem Strang ziehen.

Der Bund fördert Mehrgenerationenhäuser in kommunaler Kooperation

Im Bundesprogramm Mehrgenerationenhaus (2017-2020) fördert das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aktuell bundesweit rund 540 Mehrgenerationenhäuser. In Baden-Württemberg sind es 55. Die im Bundesprogramm geförderten Häuser haben bis Ende 2019 bis zu 40000 Euro pro Jahr erhalten, davon 30000 Euro vom Familienministerium und 10000 Euro von der jeweiligen Kommune, dem Landkreis und/oder (anteilig) vom Land. Durch diese verbindlich vorgegebene Kofinanzierung werde die Einbettung des Mehrgenerationenhauses in die Kommune gefördert und die Rolle der Häuser als kommunale Akteure gestärkt, heißt es auf der Internet-Seite des Ministeriums.

Im Jahr 2020 erhalten die Mehrgenerationenhäuser einen um 10000 Euro erhöhten Bundeszuschuss, sodass ihnen zusammen mit der Kofinanzierung insgesamt bis zu 50000 Euro zur Verfügung stehen.

Das Familienministerium plant die Fortsetzung der Förderung der Mehrgenerationenhäuser im bisherigen Umfang auch für das Anschlussprogramm ab 2021. Die Kofinanzierung seitens der Kommunen, Landkreise und/oder Länder wird weiterhin Voraussetzung für den Bundeszuschuss bleiben.