Freudenstadt · Lockdown: Endlich wieder zur Schere greifen dürfen

Waschen, Schneiden, Legen, ohne oder mit Locken, wie hier auf diesem Bild, ist den Friseurinnen und Friseuren derzeit nicht erlaubt.
Karl-Heinz KuballS eit Wochen regnet oder schneit es. Etliche Frauen scheint das erstaunlicherweise wenig zu stören. Das garstige Wetter erlaubt es ihnen, dick vermummt, mit Mütze oder Kapuze aus dem Haus zu gehen. So kommen sie nicht in die Verlegenheit, das ungepflegt aussehende Haupthaar den staunenden Blicken der Öffentlichkeit aussetzen zu müssen. Was sich da so alles kringelt und lockt - beeindruckend. Und erst die Farbpalette. Frau wartet ja geradezu auf die Frage, ob graue Strähnen nun der neue Modetrend seien.
Was derzeit vielen Menschen Unbehagen bereitet, entwickelt sich für die Friseur-Branche zu einer Existenzkrise.
Die SÜDWEST PRESSE hat mit Rebecca Denner, Inhaberin eines kleinen Friseurgeschäfts in Tumlingen gesprochen. Zusammen mit einer befreundeten Kollegin hat sie sich vor vier Jahren den Traum erfüllt, selbstständig zu arbeiten. Der Laden lief gut.
Doch dann kam der erste Lockdown, die Friseurgeschäfte in Baden-Württemberg waren sieben Wochen geschlossen. Alle Zahlungsverpflichtungen wie Miete, Strom und Versicherungen liefen weiter. Die Tilgungsraten aus der Existenzgründungsfinanzierung wurden gestundet, die Zinszahlung musste weiter bedient werden.
Ausgaben für Hygienekonzept
Einen Tag vor Ende des Lockdowns kam die versprochene staatliche Unterstützung aufs Konto –es hat ganz knapp gereicht, um die Verpflichtungen erfüllen zu können. Dafür stiegen nun die Darlehensraten an, denn die ausgesetzte Tilgung musste nachgeholt werden. Trennwände zwischen den Arbeitsplätzen wurden angeschafft, Masken und Desinfektionsmittel bereitgestellt, Termine online oder telefonisch vergeben. Alle Vorgaben des Hygienekonzepts hielten Rebecca Denner und ihre Kollegin ein. Das war mit erheblichen Ausgaben verbunden. Die Erleichterung, wieder arbeiten zu können, hat das alles wettgemacht. Und im Vertrauen auf die Politik der Bundesregierung hatten bis dahin die beiden Friseurinnen alle Maßnahmen mitgetragen.
Heute klingt der Satz von Jens Spahn von Anfang September „mit den gewonnenen Erkenntnissen von heute würde man eine Schließung von Einzelhändlern und Friseuren nicht mehr machen“ wie Hohn für die beiden. Seit nunmehr acht Wochen ist die gesamte Friseurbranche im Stillstand. Um Überbrückungshilfe zu bekommen, muss ein Umsatzminus seit April 2020 von 30 Prozent oder ein Umsatzminus von 50Prozent aus zwei nacheinander folgenden Monaten nachgewiesen werden.
Die erste Bedingung war für das Jahr 2020 auch durch entsprechende Mehrarbeit kurz vor dem zweiten Lockdown nicht zu erreichen. Und für die zweite Bedingung endet diese Woche erst die Zweimonatsfrist. Aber seit acht Wochen stehen den Ausgaben keinerlei Einnahmen mehr gegenüber. Und gerade der Januar ist ein Monat mit besonders hohen Belastungen, da viele Versicherungen ihre Jahresbeiträge abbuchen.
Die Friseur-Branche steht mit dem Rücken zur Wand. In den sozialen Medien häufen sich die Meldungen von bevorstehenden Insolvenzen - auch von alteingesessenen Betrieben. Bereits im Dezember hatte die Friseurkette Klier mit 1400 Filialen und über 9000 Mitarbeitern diesen Weg gehen müssen. In einigen Städten in Baden-Württemberg gehen die Friseurinnen - es ist ein überwiegend weiblicher Beruf - nun auf die Straße, um auf ihre Misere aufmerksam zu machen.
10 bis 15 Anfragen täglich
Über eine starke Lobby verfügt dieser Handwerksberuf nicht. Und die Bilder von gut gestylten Promis aus Politik, Medien und Sport lassen die berechtigte Frage aufkommen, ob hier wirklich gleiches Recht für alle gilt. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bereits zugegeben, dass ihre persönliche Assistentin für ihre gut sitzende Haarpracht verantwortlich ist (siehe Kasten). Die ebenfalls durch ihr professionelles Styling auffallenden Profifußballer sind da weniger mitteilsam.
Auch die Freudenstädter Friseurinnen hätten genug zu tun. Zwischen 10 und 15 Anfragen täglich kommen bei ihnen an, berichtet Rebecca Denner. Ob sie nicht zuhause beim Kunden mal eben zur Schere greifen könnten. Die Versuchung ist groß, ebenso wie das Risiko. Denn zunächst ist das ganz ausdrücklich nach dem Infektionsschutzgesetz verboten. Und welche Hygienemaßnahmen in den verschiedensten Haushalten eingehalten werden, lässt sich nicht beurteilen. Sie dürften auf jeden Fall den Standard in den Salons nicht erreichen.
Aber in einigen Fällen scheint die Not so groß zu sein, dass diese Risiken in Kauf genommen werden. Aus Angst vor Insolvenz lassen sich offenbar einige aus der Branche auf die Forderungen ihrer Kunden ein. Bisher sind die beiden Haarkünstlerinnen standhaft geblieben, sagen sie. Obwohl auch ihre Sorgen immer größer werden. Und sie im ersten Lockdown schon Kunden verloren haben, weil sie sich der Schwarzarbeit verweigert hatten.
Ihre einzige Hoffnung ist jetzt, dass sie Gehör finden und - auch unter Auflagen - so bald wie möglich wieder öffnen dürfen.
Um Spekulationen vorzubeugen: Das Gespräch mit der Inhaberin des Friseursalons fand telefonisch statt. Ein Besuchstermin zuhause war nie ein Thema.
Freudenstädter Friseurin schrieb an Merkel
Ein Brief der Freudenstädter Friseurin Nicole Kern an Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt die Verbitterung auch etlicher ihrer Kolleginnen und Kollegen: „Über Ihr Interview auf RTL am 05.02.2021 habe ich erfahren, dass Sie eine Stylistin beschäftigen, die Ihnen aktuell die Haare machen darf, obwohl es ansonsten in Deutschland verboten ist. Da durch dieses Verbot von Ihnen und der Regierung auch mein Geschäft geschlossen wurde, aber viele der Kosten weiterhin anfallen, brauche ich unbedingt einen Job bei Ihnen. Seit mehr als 25 Jahren arbeite ich selbständig und erfolgreich als Friseurmeisterin in meinem Betrieb und würde mich mit diesem Anschreiben gern bei Ihnen bewerben. Dass wir Friseure die notwendigen hygienischen Maßnahmen kennen und sie auch einhalten, ist Ihnen ja bestens bekannt und scheint ja auch bei Ihnen aktuell gefahrlos zu funktionieren. ... Falls es als Ihre persönliche Stylistin nicht klappt, können Sie mich auch gerne im Profi-Sportbereich weiterempfehlen, da in diesem Bereich ... unser Beruf weiterhin unübersehbar ausgeübt werden darf. P.S. Artikel3 des Gesetzbuchs: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.