Freudenstadt · Arbeitsmarkt: Nachfrage explodierte

Peter Schuster aus Rottweil, 57 Jahre alt, ist seit einem knappen Jahr Geschäftsführer des Jobcenters Freudenstadt. Er setzt auf Zuversicht, Qualifizierung – und das „Jobcenter digital“, das nun auch in einer Broschüre vorgestellt wird.
Nicht gesetztHell, gut ausgeleuchtet, mit Trennscheibe versehen: Stolz präsentiert Geschäftsführer Peter Schuster die neue Service-Theke, die im Eingangsbereich des Freudenstädter Jobcenters aufgrund der Corona-Pandemie eingerichtet wurde. Auch ein eigenes Beratungszimmer mit allem, was an Nies- und Spuckschutz hilfreich ist, steht für persönliche Gespräche in der Katharinenstraße zur Verfügung.
Rund 1880 Bedarfsgemeinschaften im Landkreis betreuen seine Mitarbeiter. Eine tolle Mannschaft, wie Peter Schuster sagt. Nach außen ist ihm eine Botschaft besonders wichtig: „Und es geht doch etwas. Man könne meinen, der Arbeitsmarkt bricht zusammen. Doch das stimmt so nicht!“
Momentan erlebt Schuster die Arbeit des Jobcenters als ganz besonders sinnstiftend. Wie schon während des Mauerfalls und der Weltwirtschaftskrise 2008 habe sich erneut gezeigt: Auf das Jobcenter ist Verlass, die Leistungen sind sichergestellt. Und damit meine er nicht nur die Bezahlung, sondern auch die Beratung. Die erfolgt derzeit hauptsächlich telefonisch.
Die Anfragen sind nahezu explodiert. Im Landkreis Freudenstadt ist die Arbeitslosigkeit im Bereich der Grundsicherung von Oktober 2019 bis Oktober 2020 massiv um über 30 Prozent gestiegen. Etwa ein Drittel dieser Arbeitslosen hat einen Abschluss, rund ein Drittel hat auf der Helferebene gearbeitet, das weitere Drittel ist breit gestreut.
Über dem Landesdurchschnitt
Konkret verzeichnet das Jobcenter 29,2 Prozent mehr arbeitslose Kunden als noch im Vorjahr. Insgesamt betreut das Jobcenter 2429 Leistungsberechtigte, die Arbeitslosengeld II (Alg II) beziehen, und damit 8,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit liegt der Landkreis deutlich über dem Landesdurchschnitt (plus 4,6 Prozent).
Neu beim Jobcenter gemeldet haben sich beispielsweise Solo-Selbstständige, die ihre Freiberuflichkeit aufgrund der Corona-Pandemie nicht fortführen können und keinen Anspruch auf Alg I haben.
„Die Betroffenheit im Landkreis Freudenstadt sucht landesweit ihresgleichen“, so Schuster angesichts der dramatischen Zahlen. Er weiß: „Wenn wir das Instrument der Kurzarbeit nicht hätten, wären weit mehr Menschen von Arbeitslosigkeit betroffen.“
Die Hälfte ist alleinstehend
Die 2429 erwerbsfähige Leistungsberechtigte, die beim Jobcenter Ende Oktober gemeldet waren, bilden 1879 Bedarfsgemeinschaften (9,8 Prozent mehr als im Oktober 2019. Der Anstieg in Baden-Württemberg lag insgesamt bei 4,5 Prozent).
Peter Schuster zufolge ist etwa die Hälfte dieser Bedarfsgemeinschaften alleinstehend, die andere Hälfte sind Familien. Im Oktober sind diese Zahlen im Vergleich zum Vormonat zwar wieder leicht gefallen, doch der neuerliche Lockdown dürfte die Kurve erneut nach oben getrieben haben.
Woran es liegt, dass der Anstieg im Landkreis Freudenstadt so deutlich stärker ausgeprägt ist als sonst im Ländle?
Auch Fachkräfte betroffen
Peter Schuster sind keinesfalls nur Arbeitskräfte aus der Gastronomie betroffen. Selbst Zahnärzte, Webdesigner, Verfahrensmechaniker und Rettungskräfte, die in ihrem vorherigen Arbeitsverhältnis noch keinen Anspruch auf Alg I erworben hatten, mussten sich in den vergangenen Monaten beim Jobcenter melden. 16 Prozent der Alg-II-Empfänger, die 2020 wieder eine Beschäftigung aufnehmen konnten, sind ihm zufolge Fachkräfte, darunter auch Akademiker.
Im Herbst war der Arbeitsmarkt noch aufnahmefähig, so Schuster. Damit zeige sich aus seiner Sicht: „Das Glas ist durchaus halbvoll!“
94 Kunden des Jobcenters konnten durch Förderleistungen und Weiterbildungen unter anderem im Bereich Hauswirtschaft, Lager-Logistik und Maschinenanlagenführung (teil-)qualifiziert werden. Für Berufsrückkehrer gab es Buchhaltungskurse, andere ließen sich zu Altenpflegern umschulen. Im Moment gibt es in der Pflege, dem gewerblichen Bereich und im Handwerk nach wie vor Bedarf an Fachkräften. Auch in der Logistik werden durch den Aufschwung im Online-Handel Arbeitskräfte gesucht - sowohl im Lager als auch im kaufmännischen Bereich.
Dreimal so viele Anrufe
Wegen der Corona-Pandemie hat sich die Beratung des Jobcenters auf Telefon-Gespräche verlagert - und das Telefon-Aufkommen laut Peter Schuster verdreifacht. In Freudenstadt und Horb waren es seit März an die 3000 Anrufe, die von seinen Mitarbeitern bewältigt werden mussten. Allein im November wurden 119 Neuanträge im Jobcenter gestellt. Insgesamt gab es damit 1279 Neuanträge bis November, wohingegegen es bis November 2019 noch insgesamt 800 waren.
„Sind alle Unterlagen komplett, bekommen wir innerhalb von fünf bis sieben Tagen die Bearbeitung durch“, so Schuster.
Während der ersten Welle habe Landrat Dr. Klaus Michael Rückert sofort drei zusätzliche Mitarbeiter vom Landratsamt zur Verfügung gestellt. Auch das Jobcenter selbst für die Telefonie und in anderen Leistungsbereichen Mitarbeiter neu eingestellt.
Peter Schuster sieht es als persönlichen Anspruch: „Die Leistung muss stehen!“ Was ihm Zuversicht schenkt, sind seine motivierten Mitarbeiter sowie neue Kommunikationswege wie das so genannte Jobcenter digital. Er setzt auf diejenigen, die einen echten Ehrgeiz entwickeln, um den nächsten Schritt zu gehen: „Corona wird dazu beitragen, dass die Industrie 4.0 und das Handwerk 4.0 selbstverständlicher werden und die Menschen die Berührungsängste verlieren. Das ist auch eine Frage der Übung.“
Mittlerweile können alle Formulare auch per Handy ausgefüllt und direkt mit diesem übermittelt werden.
Zur zur Qualifizierung nutzen
Aus seiner Erfahrung heraus müsse es derzeit ganz zentral um die Qualifizierung von Menschen geben, die noch keinen Abschluss haben und diejenigen, die trotz Abschluss momentan keinen Job finden. Die Devise müsse lauten: „Die Zeit sinnvoll nutzen! Das gibt neue Perspektiven und ist gerade dann wichtig, wenn die Leute in keinen festen Arbeitsstrukturen leben.
Durch das „Jobcenters digital“ sieht Schuster sein Amt gut aufgestellt für das Kommende. Und weiß doch: „Mir ist bewusst, dass es 2021 herausfordernd wird, den Arbeitsmarkt zu erschließen. Ich bin überzeugt, dass es Lösungen geben wird. Auch die letzte Krise hat gezeigt, dass Menschen immer wieder in Arbeit gehen. Es ergeben sich immer Möglichkeiten! Und ich finde, diese Zuversicht dürfen wir auch ausstrahlen.“
Das Jobcenter Freudenstadt
Das Jobcenter ist eine gemeinsame Einrichtung des Landkreises und der Arbeitsagentur. Es ist zuständig für alle, die Arbeitslosengeld II beziehen (Alg 2). Umgangssprachlich wird von Hartz4 gesprochen. Diesen Begriff vermeidet Geschäftsführer Peter Schuster bewusst, um keiner Stigmatisierung Vorschub zu leisten. Zudem, so Schuster, werde diese Bezeichnung der Dienstleistung des Jobcenters nicht gerecht.
Alg 2 wird in der Regel an Arbeitslose nach dem Arbeitslosengeld ausbezahlt, wenn sie erwerbsfähig und hilfebedürftig sind. Zudem wird Alg 2 als aufstockende Leistung bewilligt, wenn das Einkommen zu niedrig ist, um Mietkosten und Leistungen des täglichen Bedarfs zu decken. Diese staatliche Leistung dient der Grundsicherung.
Die vorrangige Aufgabe des Jobcenters ist es, Arbeitssuchende eine Arbeits- oder Ausbildungsstelle zu vermitteln.
Im Jobcenter Freudenstadt arbeiten 9 Mitarbeiter des Landratsamtes und 50 Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit (wobei die Herkunft im Tagesgeschäft keine Rolle spielt).
Bundesweit gibt es 303 Jobcenter in gemeinsamer Trägerschaft.
Erreichbar ist das Jobcenter Freudenstadt (mit der Horber Geschäftsstelle) telefonisch unter 07441/8603 444 und online unter www.jobcenter.digital. Auf dem Internetportal können Formulare online ausgefüllt und sicher verschickt werden.