Fremde werden Mitbürger: Wie die Ankunft der Flüchtlinge Glatt und Bergfelden verändert hat

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Nicht gesetztBis Anfang September schien das Thema Flüchtlinge an Sulz und Vöhringen vorbeizuziehen. Während andere Kommunen sich im Laufe des Sommers mit Neuankömmlingen befassen mussten, gab es in der Neckarstadt lediglich die belegte Unterkunft in der Hartensteinstraße mit 19 Plätzen und einer nicht bestimmbaren Zahl tatsächlicher Bewohner.
Die Situation änderte sich jedoch schlagartig, als das Landratsamt Rottweil, Bürgermeister Gerd Hieber und Alexander Esslinger am 9. September bekanntgaben, dass im „Haus Talblick“ in Glatt 50 Flüchtlinge untergebracht werden sollten. Im zweitkleinsten Stadtteil fühlten sich viele Alteingesessene überrumpelt und überfordert. Die Zuteilung der Flüchtlinge erfolgte dann allerdings nicht auf einen Schlag: Zunächst bezogen am 23. September 22 syrische Asylbewerber die ehemalige Pension
– fünf Familien mit insgesamt elf Kindern. Der nächste Schwung kam am 1. Oktober hinzu, als zwölf junge Männer aus Syrien eintrafen. Seither ist in der Glatter Herberge noch ein Baby geboren worden, die volle Auslastung mit 50 Bewohnern wurde jedoch noch nicht erreicht. Helmut Pfister war der erste Ortsvorsteher, den die Folgen der Weltpolitik einholten – und wurde zum Vorreiter und Vorbild gleichermaßen: Wohlwissend um die Ängste und Vorbehalte im Ort, redete Pfister bei einer Informationsveranstaltung am 17. September den Glattern ins Gewissen und appellierte an Hilfsbereitschaft und Toleranz. Und Helmut Pfister bewirkte tatsächlich bei vielen ein Umdenken: Noch am selben Abend fanden über 30 Bürger beim Asyl-Workshop an Thementischen zusammen und planten Sprachkurse, Sachspenden und Fahrdienste. Bei der Ankunft organisierten Mitarbeiter der Sulzer Tafel eine Erstausstattung mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln. Seither geben sich die Helfer an manchen Tagen im „Haus Talblick“ fast die Klinke in die Hand: Sprachkurse, Musikstunden, Verkehrserziehung mit der Polizei, Einkaufsfahrten, Einladungen in die Moschee und mehr.
Ende September und Anfang Oktober folgten unzählige Menschen dem Aufruf des Arbeitskreises „Flucht und Asyl“ und der Diakonischen Bezirksstelle, Kleidung, Haushaltsgegenstände und Spielsachen zu spenden, so dass sich die Gaben im Erdgeschoss im „Haus Vayhinger“ in Sulz stapelten.
Inzwischen dürfte es kaum noch einen Glatter „Ureinwohner“ geben, der den neuen Mitbürgern noch nicht begegnet ist, denn Ortsvorsteher Pfister ist sehr bemüht, die Flüchtlinge ins Dorfgeschehen zu integrieren und mit gemeinnütziger Arbeit zu beschäftigen: Beim Stecken von Blumenzwiebeln rund ums Wasserschloss haben die Neu-Glatter sich am 4. November bereits eingebracht. Bei der Mahnwache in Sulz am 12. November verlasen einige Männer eine Botschaft auf Arabisch, und nach den Terroranschlägen von Paris veranstalteten die „Talblick“-Bewohner am 18. November ein internationales Friedensfest der Begegnung. Die jüngeren syrischen Kinder besuchen mittlerweile den Kindergarten in Glatt, ein Teil der älteren geht in Fischingen in die Grundschule.
Motiviert durch den Arbeitskreis „Flucht und Asyl“, der aus dem von Urs Thiel am 28. Januar zusammengerufenen „Runden Tisch“ hervorgegangen war, gründeten einige Bergfelder um Ortsvorsteher Martin Sackmann am 20. Oktober einen weiteren Asyl-Arbeitskreis.
Im größten Sulzer Stadtteil leben seit 19. November zwei Familien aus Syrien mit insgesamt elf Mitgliedern, davon sechs Kinder, in der umgebauten Wohnung im Rathaus. Einige Lehrer erteilen den Erwachsenen ehrenamtlich Deutsch-Unterricht, und auch sonst sind schon zahlreiche Spenden zu Stande gekommen. Auf Initiative Sackmanns schilderten die Familienväter am 2. Dezember im Ortschaftsrat die Umstände ihrer Flucht. Die beiden jüngeren Kinder gehen zwischenzeitlich in die örtliche Grundschule, die älteren besuchen ab dem neuen Jahr die Mühlbachschule in Vöhringen.
Als nächstes werden in Hopfau, Fischingen und Vöhringen Flüchtlinge erwartet. Zumindest in Fischingen und Vöhringen haben sich im Vorfeld schon Bürger zu Arbeitskreisen versammelt und sich Gedanken über Empfang, Betreuung und Versorgung der Neuankömmlinge gemacht.
Hopfau, Fischingen und Vöhringen bereiten sich vor
In Hopfau sollen im „Hotel an der Glatt“ ab
1. Februar 2016 rund 60 bis 70 Flüchtlinge untergebracht werden. Hotel-Besitzer Lorenzo Schmiedke hat das Gebäude hierfür an den Landkreis Rottweil vermietet.
In Fischingen ziehen in die Rathauswohnung voraussichtlich ab Mitte Januar 2016 zwölf bis 14 Asylbewerber. Die Stadt hat die städtische Wohnung in den vergangenen Wochen saniert, die Tafel hat Geschirr beigesteuert.
In Vöhringen wird die ehemalige „Tupperware“-Halle in der Eythstraße für 60 Flüchtlinge vorbereitet, außerdem stellt die Gemeinde Container in der Hofäckerstraße auf. Vier Arbeitskreise bereiten sich auf die Ankunft vor.