Feste
: Weihnachten unterm Halbmond

Katholiken, Protestanten, Konfessionsfreie und Atheisten: Sie alle feiern Weihnachten. Doch was machen eigentlich die Horber Muslime an diesen Tagen?
Von
Philipp Koebnik
Horb

Ayse Özkan

Nicht gesetzt

Richtig feiern, mit Weihnachtsbaum und allem, was bei den Deutschen so dazugehört, werde er nicht, sagt Mohammad Sultani. Aber er genieße die freien Tage. Die Familie trifft sich, und man verbringt gemeinsam Zeit. Er wisse auch, warum die Menschen hierzulande Weihnachten feiern, sagt der 18-Jährige, der vor drei Jahren mit seinen Eltern und Geschwistern aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet ist. Der junge Mann, der bereits sehr gut Deutsch spricht, macht zurzeit eine Ausbildung zum Industriemechaniker.

„Wenn wir 50 Jahre hier sind, machen wir alles mit, was Freude macht“, sagt Ali Polat vom Einheitlich Demokratischen Verein. Aus der ganzen Umgebung komme die Familie zusammen. In dieser Zeit des Jahres seien die Leute besonders freundlich. Er findet das schön: „Man spürt die Stimmung.“

Die Polats sind als Gastarbeiter aus der Türkei in die Bundesrepublik gekommen. Viele hiesige Traditionen haben sie übernommen: einen geschmückten Baum im Wohnzimmer, Geschenke („Jeder kriegt was!“), und leckeres Essen. Wobei es bei den Polats schon an Heiligabend ein feines Mahl gibt, nicht erst am 25. Dezember. „Meine Frau kann gut schwäbisch kochen“, betont der 71-Jährige. Sie habe extra einen Kurs gemacht. Auch Plätzchen backe sie gerne. Was es diesmal zu essen gibt, steht aber noch nicht fest. „Wichtig ist, was die Enkel sich wünschen“, sagt der ehemalige Taxifahrer.

„Ich finde es schön“, sagt Ayse Yolal. „Es ist wie bei uns an Ramadan.“ Ihr Mann Osman Yolal, der mit ihr das Kebap-Pizza-Haus am Schillereck betreibt, ergänzt, dass sie Weihnachten zwar nicht feiern, aber die freien Tage nutzen, um seine Schwester in Norddeutschland zu besuchen. Auch wenn es kein weihnachtliches Festessen gibt, so werde dort dennoch geschlemmt. Denn: „Gutes Essen gehört immer dazu“, sagt der 52-Jährige. Yolal ist Sunnit. Er kam 1996 aus der Türkei nach Deutschland. Bis 2011 lebte er in Magdeburg. Der Weihnachtsmarkt, den er immer gerne besuchte, dauere dort länger als hier, nämlich mehr als drei Wochen, berichtet er. „Wenn es kalt ist, tut Glühwein gut“, sagt er schmunzelnd.

Der Vergleich mit Damaskus

„Ich feiere Weihnachten“, sagt Ayse Özkan, Mitarbeiterin im Neckar-Markt von Kemal Asker. Die Kinder kriegten schließlich in der Schule mit, dass die anderen Kinder Geschenke bekommen, und wären traurig, wenn sie leer ausgingen. Außerdem lebe sie nun mal in Deutschland, da müsse man sich anpassen, findet sie. Einen Weihnachtsbaum gibt es auch bei ihr daheim: „Ich schmücke gerne“, sagt Özkan. Natürlich komme die Familie an den Feiertagen zusammen. Gegessen werde allerdings nichts typisch Deutsches. „Es wird deutsch geredet, aber türkisch gegessen“, sagt die 48-Jährige und lacht. Wenn sie ihre Freunde besucht, koste sie allerdings immer gerne von deren Plätzchen: „Bei meinen deutschen Freunden gibt es immer Gutes“, sagt sie. Özkan gehört der (undogmatischen) alevitischen Richtung des Islam an.

Bei ihnen daheim werde Weihnachten nicht gefeiert, sagt eine türkisch-stämmige Verkäuferin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Aber: „Wir wissen, es sind wichtige Tage.“ Gleichwohl nutze die Familie die freien Tage, um gemeinsam Zeit zu verbringen. Und: Über einen Weihnachtsmarkt zu schlendern, mache ihr durchaus Freude: „Es ist Entspannung“, sagt die 35-jährige Sunnitin. Ob die Tochter es nicht doof finde, keine Geschenke zu bekommen? Nein, winkt diese ab. Nur wenige Tage darauf, an Silvester, gebe es bei Muslimen ja ohnehin Geschenke, sagt die 13-Jährige und grinst.

„In Deutschland ist alles etwas größer“, sagt Raneem Ajouz. Die 21-Jährige flüchtete vor drei Jahren mit ihrem Vater und zwei Geschwistern vor dem Bürgerkrieg in Syrien nach Deutschland. In ihrer Heimat Damaskus gebe es ganze Straßenzüge, die von Christen bewohnt seien. Auch dort feiere man Weihnachten, wenngleich mit weniger blinkender Deko. Sie habe damals mit Christen zusammen gefeiert. Hier habe sie auch schon mit deutschen Freunden zusammen Plätzchen gebacken, sagt die Rottenburgerin, die ab und zu in Horb ist, da ihr Vater in Sulz wohnt.

„Wir feiern auf unsere Weise“, sagt Aysel Bektas. Die 47-jährige Angestellte ist Alevitin. Sie kam als Baby nach Deutschland. Seit 24 Jahren lebt sie in Horb. „Als meine Kinder klein waren, haben wir fast wie die Christen gefeiert“, also unter anderem mit Weihnachtsbaum. Heute gibt es nur noch Geschenke. An Weihnachten herrsche einfach immer eine „tolle Stimmung“, findet Bektas. Über die Feiertage besuche sie mit ihrem Mann die Verwandten in Nordrhein-Westfalen.

Weihnachten macht einfach Spaß, findet Cemil Cam, Inhaber des Stern-Kebap. Einen Baum haben sie zwar nicht daheim, aber es werde gut gegessen und getrunken. Insofern feiere er Weihnachten – und er lebe ja schließlich in Deutschland, wo das dazugehöre. Gerne besuche er Weihnachtsmärkte. Und für die Kinder sei das Fest eine besonders schöne Sache. Ob er Sunnit oder Alevit sei? „Ich bin Mensch“, sagt der 58-Jährige und lächelt. Bilder: Philipp Koebnik

In den meisten Kulturen beschenken sich die Menschen an religiösen Festen

Nicht nur an Weihnachten und Ostern machen sich Menschen gegenseitig materielle Freuden. Auch bei anderen Festen mit religiösem Hintergrund gibt es Geschenke. So endet der Fastenmonat Ramadan bei den Muslimen mit dem Zuckerfest, bei dem jedoch nur die Kinder mit Geschenken bedacht werden. Das Fest heißt so, weil dabei reichlich Süßes gegessen wird, bei vielen Türken zum Beispiel Baklava. Auch an Silvester machen sich Muslime traditionell kleine Geschenke. Das jüdische Chanukka-Fest zum Gedenken an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels dauert ganze acht Tage. Gefeiert wird aber nur am Abend, wobei jedes mal eine weitere Kerze auf einem achtarmigen Leuchter angezündet wird. Zwischendurch gibt es für die Kinder kleine Geschenke. Das Fest beginnt stets im November oder Dezember. In Indien gibt es das große Diwali-Fest zu Ehren der Göttin Lakshmi. Sie soll den Menschen Geld und Glück bringen. Die Menschen schmücken ihre Wohnungen mit vielen Lichtern und beschenken sich, man trifft die Familie und besucht Freunde. Buddhisten feiern mit dem Vesakh-Fest den Geburtstag Buddhas und dessen Erleuchtung. Sie stellen Lichter und Fahnen in den Straßen auf und kommen zusammen, um zu beten. Viele verteilen zudem Geschenke.

Noch zu weiteren festlich-religiösen Anlässen gibt es Geschenke, etwa bei Kommunion und Firmung sowie bei der Konfirmation. Auch bei der einst in der freireligiösen Bewegung entstandenen, dann von der Arbeiterbewegung und humanistisch-konfessionsfreien Kreisen aufgegriffenen Jugendfeier oder Jugendweihe –quasi das weltliche Pendant zur Konfirmation, mithin eine Art säkulares Übergangsritual – freuen sich die meist 14-Jährigen über Geschenke.