Fast wie im Gefängnis: Flüchtlinge und Tourismus: Christine und Friedemann Schindele erzählen über Lesbos

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Nicht gesetztDieses Datum erlebten Schindeles als krassen Einschnitt. Zuvor waren die Flüchtlinge zwar auch in Bussen in die Aufnahmestellen gebracht worden, so dass man als Tourist kaum etwas mitbekam, durften sie aber verlassen. Jetzt werden sie eingesperrt: Die gefängnisartigen Lager sind mit Stacheldraht gesichert, Wachen passen auf, dass niemand herauskommt. Die Menschen müssen damit rechnen, in die Türkei zurück geschickt zu werden und bleiben so lange in diesem „Gefängnis“, bis geprüft ist, ob sie in der EU bleiben dürfen. Für Schindeles eine schlimme Sache: „Menschen, Familien, die dem Krieg entkommen wollten, die die Hoffnung auf ein sicheres, besseres Leben hatten, werden jetzt eingesperrt und wissen nicht, was mit ihnen geschehen wird.“
Zurzeit kommen nur noch wenige Flüchtlinge in Griechenland und auf Lesbos an, die Rettung aus dem Meer sei kein so großes Problem mehr. Die roten Rettungswesten, die die Strände säumten, wurden inzwischen von den Helfern weggeräumt, „die Strände sind wieder sauber“. Was man noch sieht, sind Boot-Wracks. „Wir haben fast nur Retter und Helfer gesehen, kaum Flüchtlinge“, erzählen Schindeles. Eine erste Begegnung mit ihnen hatten sie bei den Fähren am Haupthafen in Mytelini, der Hauptstadt von Lesbos, wo sich diejenigen Asylsuchenden, die weiterreisen dürfen, Tickets kauften.
Was Schindeles aufgefallen ist: Auf der Insel Lesbos war und ist alles gut organisiert, auch dank der vielen Helfer. Die Flüchtlinge werden sofort versorgt, wenn sie ankommen, hauptsächlich in Skala Sykamenia am Hafen. Anfangs kam die Hilfe von Privatleuten. Christine und Friedemann Schindele haben erfahren und erlebt, dass es auf Lesbos so ist, wie in allen europäischen Ländern: Die einen wollen helfen, „andere wollen die Flüchtlinge am liebsten sofort wieder aufs Meer schicken“, doch das sei nur eine kleine Minderheit.
Was allerdings Probleme bereitet, sind die Auswirkungen auf den Tourismus: Die Leute bleiben weg. „Die Situation ist schlimm. Den Betroffenen, die im Tourismusbereich tätig sind, bricht die Existenz weg“. Und dabei werde der Tourismus durch die Flüchtlinge überhaupt nicht beeinträchtigt. „Wir haben gesagt, wir gehen hin und zeigen, dass wir zu den Menschen dort stehen“, betonen Schindeles. Eigentlich wollten sie drei Monate bleiben, doch wegen eines Todesfalls in der Familie mussten sie nun schon Ende April zurückkehren.
Dass Touristen derzeit die Insel meiden, finden sie sehr schade: „Lesbos ist eine traumhaft schöne Insel“, schwärmt Christine Schindele. Die Menschen dort sind gastfreundlich – und viele von ihnen auf die drei Monate im Sommer angewiesen, in denen die Urlauber kommen. Hotels, die vielen Privatunterkünfte, Tavernen stehen fast leer. Teils sind sie noch durch die Hilfsorganisationen belegt, „doch die werden auch abreisen, wenn keine Flüchtlinge mehr kommen.“ Betroffen ist auch zum Beispiel eine Freundin, die sie oft besuchen, und deren Bio-Olivenöle und andere Produkte Christine Schindele vertreibt (www.organic-basics.de). Diese Freundin ist auch Wanderführerin, doch damit wird es dieses Jahr wohl nichts: Einige große Reiseunternehmen haben ihr bereits abgesagt.
„Wir haben inzwischen viele Freunde auf Lesbos“, und die Existenz bedrohende Situation für ganze Familien, die vom Tourismus leben, bereitet Schindeles große Sorgen. Deshalb ihr Appell: „Die Insel nicht meiden. Sie ist immer noch wunderschön.“