Erinnerung an die Pogromnacht
: Hanna saß am Fenster, als die Synagoge in Rexingen brannte

88 Jahre nach der Pogromnacht kehren die Töchter einer Zeitzeugin nach Rexingen (Horb) zurück. Ihre Mutter hatte damals vom Fenster aus beobachtet, wie die Synagoge brannte.
Von
red
Horb am Neckar
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Dena Rubnitz und Tamar Rubinstein vor der ehemaligen Synagoge in Rexingen.

Dena Rubnitz und Tamar Rubinstein vor der ehemaligen Synagoge in Rexingen.

Synagogenverein
  • Gedenkveranstaltung in der ehemaligen Synagoge Rexingen am Sonntag, 8. November, 17 Uhr.
  • Töchter von Hanna Bensinger berichten von der Pogromnacht, die ihre Mutter als Kind sah.
  • 1938 wurde die Rexinger Synagoge zerstört, elf Männer verhaftet und nach Dachau gebracht.
  • Familie Bensinger floh 1939 nach England und 1940 in die USA, viele Verwandte starben.
  • Mahnung der Familie: Antisemitismus heute benennen – „Seid gute Menschen, steht an der Seite der Juden“.

Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.

„Was ist denn heute für ein Feiertag? Warum kommen all diese Männer um diese Uhrzeit in die Synagoge?“ Diese Frage stellte die achtjährige Hanna Bensinger in den frühen Morgenstunden des 10. November 1938, als sie mit ihrer Mutter Gretel am Fenster eines Hauses gegenüber der Rexinger Synagoge saß. Wenig später erkannte sie, was tatsächlich geschah: Nationalsozialisten drangen in das Gotteshaus ein, verwüsteten die Einrichtung und setzten die Synagoge in Brand.

Hanna Bensinger Kravitz hat die Bilder jener Nacht nie vergessen. Jahrzehnte später erzählte sie nicht nur ihrer Enkelin Naomi von den Ereignissen, die sie als Kind miterlebt hat. Nun werden Hannas Töchter Dena Rubnitz und Tamar Rubinstein mit weiteren Familienangehörigen nach Rexingen kommen, um die Erinnerungen ihrer 2018 verstorbenen Mutter weiterzugeben. Der Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen lädt aus Anlass des 88. Jahrestags der Novemberpogrome am Sonntag, 8. November, um 17 Uhr zu einer Gedenkveranstaltung in die ehemalige Synagoge ein.

Familie konnte fliehen

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in ganz Deutschland Synagogen zerstört, jüdische Geschäfte und Wohnungen verwüstet und Tausende jüdische Männer in Konzentrationslager verschleppt. In Horb wurde der jüdische Betsaal verwüstet. In Rexingen brannte die Synagoge; elf jüdische Männer wurden verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Die achtjährige Hanna war damals mit ihrer Familie bei Verwandten in Rexingen zu Besuch. Weil sie krank war, saß ihre Mutter mit ihr am Fenster. Von dort aus beobachteten sie, wie Bücher und Gebetsgegenstände aus der Synagoge herausgetragen und auf einen Haufen geworfen wurden. Hannas Vater gelang es später, seinen angesengten Gebetsschal aus dem beschädigten Gotteshaus zu retten. Der Tallit wurde noch Jahrzehnte später bei religiösen Feiern seiner Enkelkinder verwendet.

Die Familie Bensinger konnte 1939 nach England fliehen und gelangte 1940 in die Vereinigten Staaten. Viele ihrer Verwandten jedoch überlebten die nationalsozialistische Verfolgung nicht. Im Dezember 2025 besuchten Hannas Nachkommen die Orte ihrer Familiengeschichte in Bodersweier, Gießen und Rexingen. Die Reise wurde für Dena Rubnitz zu einer bewegenden Begegnung mit der Vergangenheit. „Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich nun wirklich verstehen, was meine Mutter und ihre Familie durchmachen mussten, als sie versuchten, Nazi-Deutschland zu verlassen“, schreibt sie in ihrer Familiengeschichte.

Die Schwestern mit ihren Eltern in Tracht. Mutter Hannah musste zusehen, wie in Rexingen die Synagoge brannte.

Die Schwestern mit ihren Eltern in Tracht. Mutter Hannah musste zusehen, wie in Rexingen die Synagoge brannte.

privat

Lange schwieg die Mutter

Lange habe ihre Mutter über das Erlebte geschwiegen. Erst spät begann Hanna, von ihrer Kindheit unter der nationalsozialistischen Herrschaft zu erzählen. Die Begegnung mit den früheren Wohnorten der Familie, den Stolpersteinen und den Erinnerungszeichen für ermordete Angehörige habe sie zutiefst erschüttert, berichtet Dena Rubinstein. Gemeinsam mit ihrer Schwester Tamar hat sie die Familiengeschichte über viele Jahre zusammengetragen. Nun möchten beide die Erinnerungen ihrer Mutter an jenem Ort weitergeben, an dem sich die Ereignisse 1938 zugetragen haben.

Bei der Gedenkveranstaltung wird auch ein Bericht von Viktor Neckarsulmer zu hören sein, der die Zerstörung der Rexinger Synagoge, seine Verhaftung und die Verschleppung nach Dachau schildert. Er berichtet zudem von der Rettung einer Torarolle, die später nach Shavei Zion in Israel gelangte.

Mahnung für die Gegenwart

Für Tamar Rubinstein ist die Geschichte ihrer Mutter zugleich eine Mahnung für die Gegenwart. „Wir können die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, aber wir können die Zukunft verändern“, schreibt sie in ihrem Beitrag zur Gedenkveranstaltung. Besonders eindringlich ist eine Warnung, die ihre Mutter Hanna ihren Kindern immer wieder mit auf den Weg gab: „Glaubt nicht, dass sich der Holocaust und der Hass nicht wiederholen könnten.“

Wie schmerzlich gegenwärtig diese Worte für die Familie sind, zeigt das Schicksal von Hersh Goldberg-Polin, einem Verwandten von Tamars Ehemann Scott. Er wurde beim Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 als Geisel verschleppt und im August 2024 ermordet. Seine Familie musste die Folgen antisemitischer Gewalt auf besonders grausame Weise erfahren. Tamar verbindet deshalb die Erinnerung an ihre Mutter mit einem eindringlichen Appell: „Seid gute Menschen, steht mutig und mit voller Überzeugung an der Seite der Juden.“

Erinnerungsarbeit ist ein Geschenk

Für den Synagogenverein ist die Begegnung mit der Familie von besonderer Bedeutung. Erst durch den Besuch der Nachkommen im vergangenen Jahr wurden Hannas persönliche Erinnerungen an die Pogromnacht in Rexingen bekannt. „Mit Hanna Bensingers Erinnerungen erhalten wir eine weitere, sehr persönliche Perspektive auf die Geschehnisse jener Nacht“, sagt die Vereinsvorsitzende Andrea Dettling. „Dass ihre Töchter und ihre Enkelin nun zu uns kommen, um diese Geschichte weiterzugeben, ist für unsere Erinnerungsarbeit ein großes Geschenk.“

Nach den Erinnerungen Hannas soll es in einem Gespräch darum gehen, was die Familiengeschichte für die nachfolgenden Generationen bedeutet und wie sie den zunehmenden Antisemitismus heute erleben. Die musikalische Gestaltung übernimmt Wolfgang Reichert von der Musikschule Horb am Cello. Im Anschluss besteht Gelegenheit, mit den Familienangehörigen ins Gespräch zu kommen. Die Gedenkveranstaltung am Sonntag, 8. November, beginnt um 17 Uhr in der ehemaligen Synagoge Rexingen.