Empfinger Fasnetsgeschichte/Teil 1: Schon vor 125 Jahren wurde gehext und gerußelt

Historische Empfinger Fasnet: 1952 existieren noch Hexen in Tracht, hier mit Besen und Ofengabeln. Links die Bajasse, daneben die Kneller (rechts von den Hexen) und die ebenfalls in Trachtenhäs gekleideten Bäuerle, die zum Osterbachmännle umgeändert wurden. Archivbilder
Nicht gesetztMündliche Überlieferungen des Empfinger Fasnetstreibens sind reichlich dokumentiert. Vieles davon bestätigte sich 2014 durch die Entdeckung der Fasnetsgeschichte „Vergeltung“ im Stadtarchiv Marbach am Neckar, in welcher der Autor Wilhelm Schenk (1879 bis 1953) seine Erinnerung an die Fasnet 1894 so niederschrieb:
„Die Hexen hatten schwarze Röcke angezogen und Gatterhauben auf dem Kopf und gräuliche Larven vor dem Gesicht. Ihr Attribut war die zweizinkige Ofengabel mit langem Stiel.“ Weiter beschreibt er den Ablauf des Maskenzuges: „Mit hüpfendem Schritt, der die zahlreichen auf dem grauen
Drillichanzug aufgenähten verschiedenen großen Rollglöckchen zum melodischen Klingen brachte, stolzierte der Schellenmann voraus. Hinter ihm, mit einigem Abstand kamen die Butzen mit den Peitschen und knallten damit im Takt, während ihnen die Bäuerle in gemäßigtem Schritt, den gebogenen Stock in der Hand, folgten. Die Hexen hatten die Hände mit Pfannenruß geschwärzt, sprangen mit lautem Geschrei hintendrein, umkreisten die Weiber, die um diese Zeit zur Nachmittagsspinnstube gingen oder sich sonst auf der Straße sehen ließen und rieben ihnen den Ruß ins Gesicht.“
Bei der Geschichte von Wilhem Schenk handelt es sich um die Auseinandersetzung der Kameradschaften mit dem preußischen Fuß-Gendarmen, welcher 1894 das Fasnetstreiben in Empfingen unterbinden wollte. Diese Auseinandersetzung hatte Folgen: Die nächste Fasnet wird laut Strafanzeigen im Gemeindearchiv besonders für die Kneller ein teurer Spaß, jedoch müssen auch Josef Kleindienst und August Hauser je eine Mark Strafe blechen, weil sie am 15. Februar 1895 „als Masken die Leute belästigten und dieselben mit Ruß schwarz machten“.
Eine interessante Art, sich als Hexe zu verkleiden, war in den ländlichen Bereichen das Tragen der abgelegten weiblichen Frauentracht. So zeigt eine 1859 entstandene Lithographie „Maskenzug zu Saulgau“ einige Hexen mit Ofengabeln, darunter eine Hexe in vollständiger oberschwäbischer Frauentracht mit Mailänder Seidentuch und Radhaube. Der Volkskundler Meier berichtet in seinem Buch „Sitten und Gebräuche aus Schwaben“ in der Ausgabe von 1852 vom Hexentreiben in Ertingen (bei Riedlingen). Darin beschreibt er das Treiben des „Schürweckens“ und die Kleidung der Hexen, teils in Tracht.
Auch in der Empfinger Fasnet lebt dieser Hexentyp. Ein Bild von 1936 zeigt zwei solcher Hexen mit Radhaube und Ofengabel, ebenso ein Bild von 1952.
Die Ursache, warum die ländliche Frauentracht in die Fasnet kam, scheint das Ende der Kleiderordnung zur Zeit nach der Französischen Revolution gewesen zu sein. Die Pflicht einer vorgeschriebenen Standes-Kleidung entfiel. Der Weg war frei für andere Moden, und die bisherige Kleidung kam langsam außer Gebrauch und in die Fastnacht.
In Empfingen waren ab Mitte des 19. Jahrhunderts mehrere hundert Empfinger (1890 spricht Oberamtmann Emele in einem Brief von 400 bis 500) als Bauhandwerker vorwiegend im Elsass tätig, laut eines Berichtes der „Sulzer Chronik“ von 1888 sogar mit eigener Küche und Köchin.
Diese Maurer und Steinmetze brachten städtische Kleidung mit nach Hause. In Empfingen gibt es Belege, dass hier schon bald die Tracht nicht mehr gefragt war. Auf alten Bildern tragen darum nur noch der Bauer und Handwerker Tracht. Die Tracht wandert auf den Speicher. Wie interessant die Entwicklung der Empfinger Fasnetshexe verlief, kam erst bei den Recherchen zum Empfinger Fasnetsbuch „Oh Latschaboo, oh Schalusschee“ zutage, als plötzlich erkannt wurde, dass es in Empfingen eine gute Dokumentation von der Umgestaltung der „Trachtenhäs-Hexe“ zur „Empfinger Originalhexe“ vom Typ „Schwäbisch-Alemannische Fasnetshexe“ gibt.
Die Geschichte beginnt mit diesem Bild von 1936 (oben) mit den beiden abgelichteten Hexen. Die Aussage eines älteren Mitbürgers „Unsere Hexen haben früher keine Besen, sondern Ofengabeln getragen“ machte nicht nur neugierig, sondern klärte auf. Die Gabel auf dem Bild zeigte also keine Heugabel, welcher der mittlere Zinken fehlte, sondern eine Ofengabel. Das war ein Werkzeug, das der jüngeren Generation zwar nicht mehr geläufig war, aber in manchen Volkssagen eine Rolle spielte. Jetzt war klar, das einheimische Fasnetshexentreiben muss es schon länger geben. Interessanterweise kamen in den folgenden Jahren im Ort tatsächlich noch einige alte Ofengabeln zutage.
1951 gründet sich die Narrenzunft und organisiert ab diesem Jahr den Fasnetsumzug, welcher bisher von den Vereinen und Kameradschaften bestritten worden war. 1952 sieht man die „Alte Empfinger Hexe“ auf Fotos des Fas-netsumzuges (siehe oben links). Ein Zeitungsbericht vom 22. Februar 1952 kündigt diesen Auftritt an: „Die Hex hat einen schwarzen Rock an, eine schwarze Bluse mit faltenreichen Ärmeln und die Gatterhaube. Zu ihr gehört der Besen. Das war die Tracht bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts.“
Im Protokollbuch der Zunft steht dazu: „ (...)dann kamen unsere drei Traditionstypen „Hexen, Bäuerle und Butzen“, die in Zukunft beikeinem Fastnachtsumzug mehr fehlen dürfen (...)“ Weiter hieß es: „(...) in Bälde wird die Narrenzunft als rechtsfähiger Verein eingetragen, um das auszubauen, was bis jetzt mit großem Erfolg erreicht wurde (...)“
Die drei Hexen der Empfinger Fasnet
In Empfingen existieren heute drei Hexentypen. Die organisiert auftretende schwäbisch-alemannische Fasnetshexe moderner Prägung, die unorganisiert Schabernack treibende Rußhexe alter Prägung und die „Alte Hexe mit Ofengabel“, die 2004 nach den existierenden Vorbildern neu aufgelegt wurde, um die lange Fasnetshexen-Geschichte Empfingens aufzuzeigen. Seit 2005 bewegen sich nun vier alte Hexen in der Gruppe „Alt Empfinger Fasnet“, die das unorganisierte freie Treiben der Empfinger Fleckenfasnet mit all ihren bekannten Figuren symbolisiert.