Einzelhandel: Die Konkurrenz durch „Papageien“ ist erdrückend geworden

Die Regale leeren sich nach und nach: die langjährige Mitarbeiterin Ursula Kronenbitter (links) und Inhaberin Susanne Theurer-Brendle im Verkaufsraum des Horber Reformhauses in der Schillerstraße.
Philipp KoebnikWer hin und wieder durch die Schillerstraße flaniert, dürfte es schon bemerkt habe: Beim dortigen Reformhaus läuft der Räumungsverkauf, zum 31. März wird das Geschäft schließen. „Es lief einfach nicht mehr in den vergangenen Jahren“, verrät Inhaberin Susanne Theurer-Brendle. So habe sie sich schließlich „schweren Herzens entschieden, zu schließen“, sagt die 49-Jährige.
Die Gründe für das schleppende, immer schwerer werdende Geschäft sind vielfältig. Nicht nur mangele es an Parkplätzen. Laut Theurer-Brendle fehlt vor allem ein „Magnet“, der Laufkundschaft anzieht, seit der Müller-Markt weg ist. Ihren Stammkunden ist sie für die langjährige Treue dankbar, wie Theurer-Brendle betont.
Doch die Schließung reiht sich in eine langristige Entwicklung ein. Bereits vor einigen Jahren hat ein Sterben der Reformhäuser begonnen. Seit Ende der 1990er-Jahre hat sich ihre Zahl in Deutschland von rund 2500 auf etwa 1200 mehr als halbiert. Ausgerechnet sie profitieren nicht vom Bio-Boom, obwohl sie gleichsam die ersten waren, die auf ökologischen Landbau setzten und etwa künstliche Konservierungsstoffe ablehnten (siehe Infobox).
Drogerien, Bio-Supermärkte und Einkaufszentren haben die Reformhäuser in Deutschland in Bedrängnis gebracht. „Der Kunde möchte gerne alles unter einem Dach haben“, weiß Theurer-Brendle. Schließlich gibt es heute in jedem Supermarkt Bio-Produkte. Sogar Discounter haben inzwischen entsprechende Waren im Angebot. Um Vollwert-Produkte und natürliche Kosmetik zu kaufen, muss heute niemand mehr eigens ein Reformhaus aufsuchen.
Mit dem Horber Reformhaus schließt eines der ersten Reformhäuser in dieser Gegend. Über die Jahre hat sich manches geändert. In dem Gebäudeteil, in dem sich heute ein Café und ein Tattoostudio befinden, war früher die Theurersche Drogerie, wie Theurer-Brendle erzählt. Anfang der 1960er-Jahre kamen die Apotheke und das Reformhaus dazu, zunächst als sogenanntes Reformwaren-Depot. Nach einer Anordnung des Gesetzgebers, dass Apotheken und Reformhäuser räumlich voneinander getrennt sein müssen, verlagerte die Familie 1979 das Reformhaus an den jetzigen Standort. Dort waren zuvor eine Eisdiele und ein Reisebüro drin gewesen. Die Drogerie wurde in den 1990er-Jahren wegen der wachsenden Konkurrenz geschlossen.
Susanne Theurer-Brendles Mutter Renate Theurer hat das Reformhaus seinerzeit von ihrem Vater übernommen. Ein bisschen ärgert sie sich schon über die Supermärkte, die auf den Bio-Trend aufgesprungen sind, um auch diese Nische zu besetzen. „Papageien“ nennt sie diese Firmen, die alles einfach nur nachmachen. „Die Großen machen nun das Geschäft, und die Kleinen sind die Leidtragenden“, beklagt die 80-Jährige.
Künftig dient die ehemalige Reformhaus-Verkaufsfläche der nebenan gelegenen Apotheke, die ebenfalls Theurer-Brendle gehört, als Beratungsraum. Abgeschirmt vom normalen Geschäft können ihre Mitarbeiterinnen dann dort etwa den Blutdruck einer Kundin messen oder sie im Liegen in Ruhe einen Kompressionsstrumpf anprobieren lassen, erklärt die Inhaberin. Von ihren drei Angestellten werde sie zwei in die Apotheke übernehmen. Dort sollen sie den Kunden nicht zuletzt mit ihrem Fachwissen in Ernährungsfragen zur Verfügung stehen. Ursula Kronenbitter, die dritte Angestellte, wird im Zuge der Schließung in den Ruhstand gehen. Sie hatte zuletzt als Aushilfe in dem Reformhaus gearbeitet. Insgesamt war sie dort fast 52 Jahre beschäftigt. Die 70-Jährige erinnert sich schmunzelnd noch ganz genau an ihren ersten Arbeitstag: „Am ersten September 1967 habe ich hier angefangen.“