Ein Engpass droht
: Kinder ohne Arzt: Dr. Nagel setzt Kassenpatienten in Horb vor die Tür

Der Horber Kinderarzt Dr. Michael Nagel betreut ab dem kommenden Jahr nur noch Privatpatienten. Es droht eine Versorgungslücke zu klaffen.
Von
Moritz Hagemann
Horb
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Dr. Michael Nagel

Öffnet seine Tür nur noch für Privatpatienten: Dr. Michael Nagel.

Privatbild

Diese Nachricht bringt viele Eltern in Sorge: Dr. Michael Nagel gibt zum kommenden Jahr seine Kassenarztzulassung zurück. "Schweren Herzens", wie er in einer Erklärung auf seiner Internetseite unter der Überschrift "Zeit für Veränderungen" schreibt. Ab Januar 2025 will er demnach sein Haus in der Horber Saarstraße als Privatpraxis weiterführen, um seine jungen Patientinnen und Patienten "mit mehr Zeit und weniger Einschränkungen" versorgen zu können. So will er seinem "Anspruch als Arzt wieder gerechter werden".

Dass er die Kassenpatienten vor die Tür setzt, begründet Nagel in "immer enger werdenden bürokratischen Vorgaben des kassenärztlichen Versorgungssystems", das es ihm immer schwieriger gemacht habe, "so für meine Patienten da zu sein, wie ich das gerne möchte und auch für erforderlich halte". Außerdem habe ihn die Arbeit und die Verantwortung als Pandemiebeauftragter im Landkreis Freudenstadt an die gesundheitlichen Grenzen gebracht, "so dass ich nicht mehr die Kraft habe, unter diesen Bedingungen weiterzuarbeiten".

Mit Spielplatz vor der Tür: Die Praxis von Dr. Nagel in der Saarstraße.

Mit Spielplatz vor der Tür: Die Praxis von Dr. Nagel in der Saarstraße.

Moritz Hagemann

Der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Vater dreier Kinder betreibt die Praxis in seiner Heimatstadt seit 2004, als er sie "aus voller Überzeugung und mit ganzem Herzen" eröffnet hatte, wie er nun erinnert. Seit April 2016 arbeitet Dr. Philipp Schwarze mit, seit Januar 2020 auch Dr. Nicole Anders. Ob es mit diesen beiden Ärzten weiterhin eine pädiatrische kassenärztliche Versorgung geben wird, "ist Bestandteil intensiver Überlegungen und Planungen", heißt es auf Nagels Internetseite. Eine weitere Stellungnahme über die Erklärung auf seiner Homepage hinaus will Nagel auf Nachfrage nicht abgeben. Aber er teilt noch mit, dass für eine Perspektive der kassenärztlichen Versorgung „Ideen und Lösungen gesucht werden“.

Die Veränderung Nagels ist nicht nur für Eltern und Kinder in Horb ein echter Einschnitt. "Ich war sehr überrascht, als ich es erfahren habe", sagt Dr. Ioana Oprea der SÜDWEST PRESSE. Sie ist neben Nagel die zweite Horber Kinderärztin, hatte 2009 die Praxis von Dr. Ulrike Stubig übernommen und ist wenig später von der Stuttgarter in die Schillerstraße umgezogen.

Die Kleinsten kommen wohl unter

Und Oprea verspricht zumindest: „Wir werden versuchen, die Kleinsten und Neugeborenen vorerst aufzunehmen.“ Der Rest - also wahrscheinlich die, die das erste Lebensjahr hinter sich haben - hat Pech: Auch sie und ihr Team seien aktuell schon am Anschlag, könnten sonst niemanden mehr aufnehmen, so Oprea. Im Hintergrund gebe es Gespräche mit den beiden Ärzten aus Nagels Praxis, um eine Lösung zu finden, bestätigt sie. „Die Lage der Kinderärzte ist allgemein schlecht“, erklärt sie. „Schon seit Jahren fehlen Kollegen, das ist belastend.“

Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) will keine Aussage darüber treffen, wie viele Patienten nun betroffen sind. Es ist wohl eine vierstellige Anzahl. Zu Nagels Patienten gehören Kinder aus dem ganzen Landkreis. In Empfingen beispielsweise könnte sich jetzt rächen, dass im dortigen Ärztehaus am Weiherplatz kein Kinderarzt angesiedelt wurde, obwohl das vor einigen Jahren in der Überlegung war. Die Zahl der Zulassungen wiederum ist Sache der KVBW.

Im Kreis Freudenstadt lebten 2023 nach Angaben des Statistischen Landesamtes 17.575 Kinder unter 15 Jahren und 3.621 Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren. Im Kreis seien 7,5 Kinderärztinnen und -ärzte vorgesehen und aktuell 8,25 tätig, teilt die KVBW auf Nachfrage mit. Der Planung der Stellen liege ein Arzt-Einwohnerschlüssel zugrunde. Zum Vergleich: Im Jahr 2015 waren im Kreis noch 6,0 Kinderärzte tätig. „Die Konsequenz ist, dass der Landkreis für die kinderärztliche Versorgung aktuell gesperrt ist, also keine neue Praxis eröffnet werden kann und eine bestehende Praxis sich nicht vergrößern kann“, erklärt eine Sprecherin. „Allerdings kann eine Praxis an einen Nachfolger übergeben werden.“

Was die KVBW den Eltern rät

Was rät die KVBW den betroffenen Eltern? Diese werden gebeten, bei der Suche nach einem neuen Kinderarzt „gegebenenfalls auch weitere Wege in Kauf zu nehmen“, so die Sprecherin. Eine weitere Möglichkeit sei, sich an die Terminservicestelle der KBVW unter der Nummer 11 61 17 zu wenden, über die auch Termine bei Kinderärzten vermittelt werden. Bei leichten Beschwerden sei auch die Online-Sprechstunde unter www.docdirekt.de eine Möglichkeit.

Auch die Sprecherin der Vereinigung bestätigt, dass die Situation in Gänze angespannt ist: „Die kinderärztliche Versorgung bereitet uns besonders viele Sorgen, denn wir erhalten aus vielen Gebieten im Land die Meldung, dass Eltern Schwierigkeiten einen Termin zu bekommen und die vorhandenen kinderärztlichen Praxen überlastet sind.“

Die Versorgung in Land und Nachbarkreis

Landesweit waren im Juni 30 Arztsitze in der Kinder- und Jugendmedizin nicht besetzt. Diese Zahl erfragte die CDU-Landtagsfraktion beim baden-württembergischen Sozialministerium hervor. Wobei der Kreis Freudenstadt dabei zu jenen zählte, in denen kein Fehlbedarf festgestellt wurde. Das könnte sich ändern, wenn die Nachfolge von Dr. Michael Nagels Kassenpatienten zum Januar 2025 nicht sichergestellt werden kann.

In Zimmern (Kreis Rottweil) ist beispielsweise die Kinderärztin Dr. Margot Klotz Ende September in den Ruhestand gegangen - nach eineinhalb Jahren erfolgloser Nachfolgersuche. Gegenüber dem SWR kritisierte auch Klotz die immer größer werdenden bürokratischen Aufgaben. "Die Verantwortung für eine eigene Praxis will heute keiner mehr übernehmen", sagte sie. Bei jungen Ärzten sei eine ausgewogene Work-Life-Balance mit geregelten Arbeitszeiten gefragt. Entsprechend stehen viele Eltern im Kreis Rottweil ohne Kinderarzt da.