Digitale Bildung
: Hausaufgaben am Tablet

Bis 2023 will die Stadt Horb ihre Grundschulen fit für das Informations- zeitalter machen. Sabine Peter und Doris Albrecht erklären wie.
Von
Benjamin Breitmaier
Horb

Rektorin Sabine Peter und Doris Albrecht treiben die Digitalisierung der Grundschulen voran. Dafür macht die Stadtverwaltung 40000 Euro pro Jahr locker. Noch müssen die Schüler der Gutermann-Grundschule allerdings mit etwas älterer Hardware zurechtkommen.

Breitmaier

Tobi starrt auf sein Tablet, er hat einen Hänger. Seit Wochen bastelt er an der Präsentation zu seinem Lieblingsbuch. Die Eltern waren stolz auf ihn, als die Folien auf dem großen Flatscreen daheim im Wohnzimmer gezeigt wurden. Eine davon wirft der Beamer gerade im Klassenzimmer der Gutermann-Grundschule an die Leinwand.

Jede einzelne Aufgabe auf www.scook.de hat er gelöst, entweder im Deutschunterricht oder von zuhause aus. Die Webseite ist die zentrale Lernplattform, die Schüler und Lehrer an der Schule verwenden. Frau Steinberger, seine Deutschlehrerin, hat ihn sogar für seinen Einsatz gelobt, als sie auf ihrem Computer gesehen hat, wie weit Tobi schon ist.

Und jetzt das. Tobi fällt partout nicht mehr ein, wie der Vogel auf der Folie heißt, der Harry vor dem Basilisken in der Kammer des Schreckens rettet. Dabei hat er das Harry Potter-Buch dreimal gelesen. „Fawkes“ ... „Fawkes“, heißt er. Tobi ist es wieder eingefallen. Ein kurzer Videoausschnitt zeigt, wie der majestätische Phönix Harry und seine Freunde wieder ans Tageslicht befördert. „Das war die Präsentation über mein Lieblingsbuch, Harry Potter und die Kammer des Schreckens“, sagt Tobi. Seine Klassenkameraden klatschen. Frau Steinberger nickt wohlwollend.

Eigenes Tempo für jeden Schüler

Das Jahr 2023 war ein gutes Jahr an der Horber Gutermann-Grundschule. Die neuen Tablets wurden von den Schülern begeistert aufgenommen. Fast in jedem Klassenzimmer gibt es Beamer. Jeder Schüler arbeitet in seinem eigenen Tempo – ob mit Schulbuch oder Tablet –, hauptsächlich an den Themen, für die er sich interessiert. Damit nichts vernachlässigt wird, können Lehrer über die zentrale Online-Plattform den Lernfortschritt einsehen und mit zusätzlichen Aufgaben eingreifen. Für die Schüler sind die flachen Computer mittlerweile zu einem gängigen Werkzeug im Unterrichtsalltag geworden. Stifte, Heft, Buch, Tablet – normaler Inhalt im Ranzen. Das war nicht immer so. Der Grundstein für die digitale Revolution in Horber Grundschulen wurde sechs Jahre früher gelegt.

Ein bedeckter Dienstagmorgen – März 2017. Im ersten Stock der Gutermann-Grundschule sitzt Sabine Peter in einem mit Licht gefluteten Raum – etwa halb so groß wie ein Klassenzimmer. Hier stehen sie, zwölf Kisten in Schwarz-Silber. Zu jeder gehört ein Röhrenmonitor, der mit einem aus vergangenen Zeiten dunkel bekannten „Zonng“ zum Leben erwacht.

Der Windows-XP-Ladebalken ruft Erinnerungen wach. 2014 wurde bereits der Service für das legendäre Betriebssystem eingestellt – die Software funktioniert jedoch bis heute tadellos. Neben Rektorin Peter sitzt Doris Albrecht, Beauftragte der Stadt Horb für Bildungsangelegenheiten. Die beiden lösen Matheaufgaben für Drittklässler. „Es kann hier aber keine ganze Klasse herein“, erklärt Peter. Ähnlich wie in der Gutermann-Grundschule ist es um die IT-Infrastruktur der anderen sechs Grundschulen und zweier Außenstellen bestellt. Es fehlt an zeitgemäßen Endgeräten und Internetinfrastruktur. Nur Nordstetten konnte dank eines Förderprogramms ein Computerklassenzimmer einrichten. Zuhause sind die Schüler schon längst im digitalen Informationszeitalter angekommen. „Sie bringen unglaublich viel Erfahrung mit. Der Umgang mit Smartphones und Tablets macht ihnen Spaß. Das gehört für sie zum Leben dazu“, sagt Peter. Nur die Schulrealität hinkt dem Alltag hinterher. Dabei liege es laut Peter vor allem auch in der Verantwortung der Schule, auf die Gefahren neuer Medien hinzuweisen und die Kinder entsprechend zu sensibilisieren.

Mit der Genehmigung des Haushaltsplanentwurfs 2017 der Stadt Horb soll sich etwas ändern. 40000 Euro pro Jahr bis 2023 wird die Stadt Horb in die Hand nehmen, um sie in Ausstattung und Weiterbildung an Horber Grundschulen zu investieren.

Im aktuellen Bildungsplan des Landes Baden-Württemberg wurde die Medienbildung als eine von sechs Leitperspektiven fest verankert. Vorausgesetzt, die Geräte sind in Schulen vorhanden. „Es ist eine Entwicklung, die an Fahrt aufnimmt“, weiß Albrecht. Die Perspektive soll sich durch alle Fächer ziehen. Die Finanzierung sei aber laut Albrecht nicht abschließend geklärt.

Individuelles Lernen möglich

Grund für die Stadt Horb, die Aufgabe selbst voranzutreiben. Es sollen bis zum Jahr 2023 einheitliche Standards an allen neun Einrichtungen im Stadtgebiet geschaffen werden. Ein Anfang soll in den kommenden beiden Jahren mit der grunsätzlichen Infrastruktur gemacht werden, sprich die Vernetzung der Schulgebäude und die Versorgung mit schnellem Internet.

Ein Arbeitskreis aus Mitgliedern von Stadt, Schulen, Schulamt und Kreismedienzentrum arbeitet parallel an der Auswahl der richtigen Geräte. In den kommenden Jahren soll jede Schule Vorschläge machen, wie für sie die Medien-Einbindung in den Schulalltag aussehen sollte.

Sabine Peter spricht sich für eine flexible Lösung mit Tablets aus, die von Schülern und Lehrern genutzt werden können. Beamer in möglichst vielen Klassenzimmern sollen die Ausstattung ergänzen. „Für viele junge Kollegen sind neue Medien ein ganz normales Unterrichtsmittel“, erklärt Peter. Ziel der Medienoffensive sei es daher, an allen Schulen einheitliche Standards zu schaffen, im Hinblick auf Ausrüstung und Umgang.

Wichtig bei der Umsetzung der Leitperspektive ist auch die Auswahl der Lernsoftware. „Es gibt heute schon eine unglaubliche Vielfalt an Angeboten“, erklärt Rektorin Peter, die erst kürzlich auf der großen Bildungsmesse „Didacta“ auf der Suche nach Inspiration war. Durch neue Software findet Lernen vernetzt statt. Die Schüler lösen Aufgaben entweder mit Schulbuch oder am Computer, der Lernfortschritt wird festgehalten.

Doch es gibt auch Kritiker. Einige Wissenschaftler fragen sich, ob Kinder wirklich schon im Grundschulalter in derart intensiven Kontakt mit neuen Medien kommen müssen. Peter vertritt hier eine klare Meinung: „Das ist einfach die Realität. Wir haben als Schule die Verantwortung, Kinder auf das Leben vorzubereiten.“ Dazu gehört auch die Erziehung in einem digitalen Zeitalter. „Es geht hier um frühe Anleitung“, ergänzt Doris Albrecht.

Der alte Rechner, vor dem Rektorin Sabine Peter und Doris Albrecht sitzen, brummt leise vor sich hin, während sie die Matheaufgaben lösen. Viel mehr kann man an den Maschinen nicht machen. Nur ein paar Lernprogramme sind installiert. Das soll sich jetzt ändern. Lange müssen die alten Maschinen also nicht mehr aushalten.