Die Heimat als Feindesland: „Martha und ihre Söhne“ beschreibt eine mühsame Annäherung an die Demokratie

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Nicht gesetztIn dem Krimi ging es, 27 Jahre nach dem Mauerfall, vor allem um die Weltsicht der Sachsen, die in letzter Zeit in Verruf geraten ist: Der Journalist Friedrich Küppersbusch bezweifelte unlängst sogar, ob der Freistaat noch als „sicheres Herkunftsland“ durchgeht. Aber nicht nur zwischen Vogtland und Oberlausitz gibt es den fundamentalen Wunsch: Wenn nur alles so bliebe, wie es ist! „Wird es aber nicht“, schreibt „taz“-Redakteur Jürn Kruse, „und das wissen eigentlich auch alle. Nur umgehen kann damit nicht jeder.“
Martha war „geborgen in wohliger Unmündigkeit“
Was für die Ostler das DDR-Trauma, war für die meisten Deutschen die Nazi-Vergangenheit. Vor 70 Jahren, später – bis heute. Vom abrupten Wertewechsel in den Nachkriegsjahren handelt der dritte Roman des Tübinger Schriftstellers und Berthold-Auerbach-Preisträgers Kurt Oesterle, aus dem der 60-Jährige am Mittwochabend im Nordstetten las.
„Martha und ihre Söhne“, so der Titel, leiden darunter, dass sich Lebensumstände und -maßstäbe radikal verändern. Ihnen geht es wie anderen (so hieß es 1975 im Begleitbuch zur Ausstellung „Der deutsche Südwesten zur Stunde Null“): Die Menschen werden „nach zwölfjähriger Diktatur von den Demokratisierungsmaßnahmen insbesondere der Amerikaner förmlich überfallen“.
Vor allem die junge Frau bedrücken in Oesterles Buch Zukunftsängste. Aus Furcht vor Strafe gebiert sie zwei Söhne – sie hofft, durch die Mutterschaft besser geschützt zu sein –, und auch noch viele Jahre danach glaubt sie sich von ihnen abhängig: „Ja, Martha brauchte ihre Buben, und zwar dringend! Denn wer sollte ihr sonst die Welt erklären und sie mitnehmen in die Zukunft?“
Ihr selbst gelingt die Neuorientierung kaum, sie verspürt nach Jahren eine „immer noch lebendige Gefühlsbindung an den untergegangenen Staat“. Dort wähnte sie sich behütet, „geborgen in wohliger Unmündigkeit“. Jetzt verliert sie sich „im Niemandsland zwischen Diktatur und Demokratie“, fühlt sich „von allen verlassen“, ergeht sich sogar in suizidalen Träumereien.
Martha versagt in der Ehe („ihr Gatte war ein Fremder für sie geblieben“) und vor allem in der Erziehung. Sohn Helmut empfindet als Zehnjähriger eine „Leere, die seine Mutter in ihm angerichtet hatte, unbeabsichtigt, als Kind einer Diktatur, das nichts besaß, was des Weitergebens wert gewesen wäre“. Und Tante Kätter, eine Art Bußpredigerin, hatte schon früher mitleidslos geurteilt: „Als Kind einer Diktatur bist du nicht geschaffen dafür, Kinder zu erziehen, die als Demokraten taugen.“ Sie ist sich sicher: „Den bösen Geist des Regimes wird man nicht auf der Schulbank los.“
Dass die „Umerziehung“ in der amerikanischen Besatzungszone zum Scheitern verurteilt war, lag nicht nur an ihrer Umsetzung („ein einfältig betriebenes Bekehrungswerk“, wie der „Spiegel“ 1976 formulierte), sondern an der politischen Großwetterlage (Kalter Krieg) und an Verwaltungsnöten in Deutschland (wegen des Fachkräftemangels wurden viele ehemalige NSDAP-Mitglieder schneller rehabilitiert, als dem Wertewandel dienlich war). Und vor allem fehlte es an Einsicht: „Ihr schämt euch alle nicht genug für eure Dummheit, eure Mitschuld, eure Zustimmung und euer Wegsehen“, schimpft Kätter.
Autor sieht sich
als Sohn Marthas
Bleibt die Frage, woher das Rückwärtsgewandte außerdem rührt(e). Immerhin ist die Grundstimmung „Heimweh nach der alten, Wut auf die neue Zeit“ noch heute gang und gäbe: Die jüngsten Landtagswahlen lassen grüßen. Oesterle verzichtet folgerichtig auf geläufige Nazi-Begriffe, spricht lieber vom „Regime“ und vom „Gewaltstaat“, will das als „Gleichnis“ verstanden wissen, um klarzumachen, dass die Funktionsweise totalitärer Systeme allemal ähnlich ist.
Der Autor, der sich explizit als „Sohn Marthas“ sieht, hat sich nach eigenem Bekunden Ängste von der Seele geschrieben, „Ängste, die Menschen in mich eingesenkt haben, die ich liebe“. Die mögen auch aus der dörflich-kleinbürgerlichen Beschränktheit erwachsen (Oesterles bezieht sich auf seinen Geburtsort Oberrot), denn die trägt – nicht nur im Roman – ein Gutteil dazu bei, sich neuen Zukunftsperspektiven zu verweigern: Wer den Bau eines Hauses als Ausdruck „unstillbarer Erneuerungssucht“, ja als „Sünde“ empfindet, mag sich auch nicht am Errichten demokratischer Strukturen beteiligen.
Oesterles Beschreibung ist nach eigenem Bekunden „deutend und essayistisch“, jedenfalls mehr vom Erklärungsdrang als von Fabulierfreude geprägt. So vermeidet er emotionale Nähe zu Martha und ihren Jungs. Der allwissende Erzähler bleibt fast immer auf Distanz und entfremdet die Figuren so auch dem Leser. Zum Glück: So kann nichts als larmoyant oder gar als Rechtfertigungsversuch missverstanden werden.
Info „ Martha und ihre Söhne“, im Tübinger Klöpfer & Meyer-Verlag erschienen, 180 Seiten, 20 Euro, ist seit Ende Februar im Buchhandel erhältlich.