Christian Hermes über Transformation
: Klima, Corona, Krieg, KI – „Man kann schon von Krisen sprechen!“

Der Stuttgarter Stadtdekan Dr. Christian Hermes diskutierte mit Gläubigen in Horb über die Rolle von Kirche und Religion, über Herausforderungen und Krisen – und er erklärte, warum Frauen in der katholischen Kirche nur einen Trostpreis erwarten können.
Von
NC
Horb am Neckar
Jetzt in der App anhören
Der Stuttgarter Stadtdekan Dr. Christian Hermes sprach im Adolph-Kolping-Gemeindezentrum auf dem Horber Hohenberg.

Der Stuttgarter Stadtdekan Dr. Christian Hermes sprach im Adolph-Kolping-Gemeindezentrum auf dem Horber Hohenberg.

Kath. Dekanat/Volker Schmid
  • Stadtdekan Christian Hermes diskutiert in Horb über Transformation und gesellschaftliche Krisen.
  • Hermes: Klimakrise, Corona, Krieg und KI führen zu Unsicherheiten und radikalen Veränderungen.
  • Kirche und Religion stehen vor Herausforderungen; soziale und solidarische Arbeit wird gefordert.
  • Frauenfrage: Hermes sieht kaum Chancen für Priesterinnen, lediglich Diakoninnen könnten möglich sein.
  • Aufruf: Zukunft sei gestaltbar – Menschen müssen an Werte und Demokratie glauben, um Wandel zu bewältigen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Monsignore Christian Hermes hielt jedenfalls, was Dekanatsreferentin Elisabeth Wütz den Gästen zuvor versprochen hatte, nämlich einen spannenden Vortrag. Das berichtet das katholische Dekanat Freudenstadt. Um den Umgang mit Veränderungen und gesellschaftlicher Transformation ging es im Gemeindezentrum „Adolph Kolping“ auf dem Hohenberg. Titel: Der Glaube ist tot, es lebe der Glaube!

Warum KI alles infrage stellt

Er, so Hermes, halte den Begriff „Transformationsprozesse“ für zu schwach: „Man kann schon von Krisen sprechen!“ Es herrsche eine Polykrise. Dazu nannte er Stichworte wie Klima-Problematik, Corona-Auswirkungen, Gaza, Putin, Migration und Künstliche Intelligenz: „KI stellt aktuell alles infrage und lässt uns ganz schön dumm aussehen.“ Überhaupt sei alles von Unsicherheit geprägt. Da wünsche man sich, dass in der Religion wenigstens noch alles in Ordnung ist.

„Aber auch Religion und Glaube ändern sich radikal“, so Hermes. Kirche, Glaube und Religion seien Teil der Veränderung. Dabei höre man oft: „Ihr müsst der Kitt sein“. Das sei laut Hermes aber schwierig: „Ich bin ja nicht Miraculix und habe einen Zaubertrank, der alles wieder schön macht.“ Angesichts des immensen Mitgliederschwunds der Kirchen erklärte Hermes: „Es ist nicht so, dass die Leute nicht mehr glauben. Sie glauben halt nur nicht mehr in der Kirche.“

„Da bin ich als Pfarrer echt neidisch“

Hermes ist sich aber auch sicher: „Menschen können nicht leben, ohne an etwas zu glauben!“ Aktuell glaubten die Menschen jedoch eher an Fortschritt, Technik oder mit etwas Glück an Demokratie, Werte und Menschenrechte. „Esoterik und Aberglaube lassen wir mal weg“, so Hermes. Am Beispiel von Putin oder Trump könne man zudem eine Art Glauben an die Größe der Nation erkennen. Und selbst die KI werden wie ein neuer Gott behandelt: „Die Menschen gehen mit KI so um, als wäre sie allmächtig. Da bin ich als Pfarrer echt neidisch.“

Wenn Sinn, Identität, Heil, Trost, Hoffnung, Verheißung oder Geborgenheit verloren gehen, entsteht laut Hermes ein Gefühl, dass alles den Bach runtergeht: „Menschen müssen an etwas glauben, wenn sie keine zynischen Untergangsneurotiker werden wollen.“ Ansonsten spiele das beispielsweise der AfD in die Karten, die alles nur schlecht mache. Dazu müssten die Menschen aber wieder lernen, dass die Zukunft gestaltbar ist, denn letztlich lebe die demokratische Weltordnung davon, dass Menschen an sie glauben.

Keine Heimat-Idylle vorgaukeln

Die Kirche sollte laut Hermes zudem keine Heimat-Idylle vorgaukeln oder Menschen vor der Gegenwart beschützen, sondern dazu beitragen, diese Transformationsprozesse zu bewältigen. Dabei werde aktuell, so Hermes, „nichts Heiliges“ und kein Fokus auf Religion erwartet: „Am meisten gefragt sind soziale und solidarische Handlungen.“ Die Kirchen sollen „Brücken bauen, für Solidarität sorgen und sich um Menschen kümmern“. „So wird Religion wahrgenommen“, erklärte Hermes und fügte an: „Wir sind also nicht so ganz auf der falschen Spur.“

Als Glaubensgemeinschaft müsse man an die Gestaltungsmöglichkeiten der Zukunft glauben: „Glaube, Religion und Kirche sind wahnsinnig herausgefordert im Moment“, betonte Hermes und erklärte abschließend: „Ich bin der Meinung, dass es schon lange nicht mehr so wichtig war, an was und warum wir glauben!“

„Die Ämter-Theologie ist in Stahlbeton gegossen“

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die Kirche und ihre Sozial- und Bildungsverbände wie die Caritas oder die Katholische Erwachsenenbildung sich bereits stark für Menschrechte oder Flüchtlinge einsetzen, auch wenn dieses soziale Engagement nicht immer als kirchlich wahrgenommen wird.

Weil an diesem Abend rund zwei Drittel des Publikums Frauen waren, kam zum Schluss auch die „Frauenfrage“ auf, also die Frage, ob Frauen Priesterinnen werden können. Da machte Hermes wenig Hoffnung, auch wenn sich die religiöse Landschaft extrem verändern werde: „Die Ämter-Theologie ist in Stahlbeton gegossen!“ Vielleicht wird es laut Hermes irgendwann Diakoninnen geben. „Die Frauen werden Trostpreise kriegen.“

Diözesanrätin Marita Walz übergab Hermes am Ende einen Korb Walnüsse und erklärte: „Wer Probleme angeht, muss die Schale knacken und dann kommt etwas Wertvolles heraus.“ Der Theologe knackte die ersten Nüsse sofort und appellierte an alle: „Bringen Sie sich ein. Zukunft kann man gestalten!“