Bürgermeisterwahl
: Doch lieber ohne Leichen im Keller

Die magische Zahl ist geschafft: Ferdinand Truffner ist seit 100 Tagen Rathauschef in Empfingen. Zeit, über Zukunftsprojekte zu reden – und frühere Berufswünsche endgültig abzuhaken.
Von
Kathrin Löffler
Empfingen

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Nicht gesetzt

SÜDWEST PRESSE: Herr Truffner, was ist Ihnen nach 100 Tagen in Empfingen immer noch ein Rätsel?

Ferdinand Truffner: D ie Verwandtschaftsverhältnisse. Gfrörer ist nicht gleich Gfrörer und Schindler nicht gleich Schindler.

Kommen Sie eigentlich am Maifeiertag dieses Jahr in Terminschwierigkeiten?

Warum?

Bekanntermaßen hat der Musikverein Wiesenstetten da sein großes Maifest – aber auch der Musikverein ihrer früheren Wahlheimat Nabern seinen Maihock. Bei letzterem waren Sie zuletzt ja noch recht aktiv.

Es läuft sogar andersrum: Der Musikverein Nabern kommt diese Woche nach Wiesenstetten. Die machen ihren Jahresausflug und kehren in der Krone ein. Aber am 1. Mai bin ich natürlich auch in Wiesenstetten. Nur zum Maibaum-Aufstellen fahren wir einen Tag vorher kurz nach Nabern.

Allerdings haben Sie Ihrer Frau versprochen, pro Jahr nur in einen Empfinger Verein einzutreten, und das Kontingent für 2017 ist bereits ausgeschöpft. Im Empfinger Musikverein spielen Sie also erst 2019 Trompete?

Würde ich gern. Aber Empfingen hat ja drei Musikvereine. Trete ich in einen ein, sind die zwei anderen beleidigt.

Von Ihren Aufgaben als Ortsvorsteher in Nabern scheinen sich die Tätigkeiten eines Bürgermeisters nicht allzu sehr zu unterscheiden. Was war die größte Umstellung seit Ihrem Amtsantritt in Empfingen?

Wenn ich sage, ‚So machen wir’s!‘, dann wird das so gemacht.

Und das ist immer eine gute Sache?

Die Amtsleiter und ich haben einen Weg gefunden, gemeinsam Für und Wider abzuwägen. Aber als ich zum ersten Mal in den Gemeindehaushalt einen bestimmten Betrag für einen bestimmten Posten hineinschreiben wollte, und der Betrag dann genau so hineingeschrieben wurde, dachte ich schon: Oh! Als Ortsvorsteher von Nabern musste ich halt immer erst zur Oberbürgermeisterin von Kirchheim unter Teck. Und meistens hat sie meine Ideen abgelehnt – auch wegen der Haushaltslage dort...

Besteht die Gefahr, dass man mit so viel Macht mal kurz durchdreht?

Nein. Macht hat man da nicht. G’schäft hat man! Die sogenannte Macht hat eher der Gemeinderat.

Was, glauben Sie, war die größte Umstellung für die Empfinger und die Menschen im Empfinger Rathaus seit dem 1. Januar?

Dass die Mitarbeiter mich auch in Computerangelegenheiten fragen können. Und dass ich dann geschwind erkläre, wie Excel funktioniert oder wie man eine Präsentation machen könnte.

Ich war selber ganz erstaunt. Plötzlich kamen aus dem Empfinger Rathaus E-Mails vom Bürgermeister. Das kannte ich so auch nicht.

Gekriegt habe ich vorher schon auch welche – nur halt nicht vom Herrn Schindler.

Apropos: Von ihrem Vorgänger haben Sie mit dem Interkommunalen Gewerbegebiet wahrscheinlich ein Großprojekt Ihrer Amtszeit übernommen, die Gemeinderäte Horb und Empfingen haben das nun beide abgesegnet. Welche Unternehmen möchten Sie am liebsten nach Empfingen locken?

Die Firma Trumpf (lacht). Nein, im Ernst: Produzierendes Gewerbe. Und solches, das richtig viele Arbeitsplätze schafft.

Andererseits vergibt Empfingen nur eine gewisse Anzahl an Bauplätzen an Auswärtige. Das heißt, der Ort wird zur Durchgangsstation für Pendler?

Es ist ja klar, dass wir nicht sämtliche Arbeitsplätze nur für Empfinger schaffen können. An der Autobahn bietet es sich an, dass man mehr Arbeitsplätze für Auswärtige schafft, im hintersten Schwarzwaldtal bringt das eher weniger Erfolg und mehr Verkehr. Und die Empfinger Bauplatzvergaberichtlinien finde ich in Ordnung. Wir wollen nicht zu stark wachsen. Dabei könnten wir von heute auf morgen alle Bauplätze verkaufen. Dann würden aber die Kindergärten von heute auf morgen platzen und die Schule nach einer gewissen Zeit entsprechend auch.

Entstehen da zwei getrennte Welten – Empfingen auf der einen, seine Gewerbegebiete auf der anderen Seite?

Nein, die befruchten sich gegenseitig.

Aber Mitarbeiter von Ceratizit und Sacs Boysen gehen doch nicht scharenweise im Restaurant Seeblick Abendessen.

Die Inhaber von Sacs sponsern aber, obwohl sie selbst nicht aus Empfingen sind, dem Jugend- und Kulturverein den Truck auf der Beatparade. Die Empfinger Vereine wissen, wie sie die Unternehmer einspannen und in den Ort ziehen können. Wir führen jetzt auch die ‚Empfinger Runde‘ ein, bei der wir zirka zwei Mal im Jahr mit den Empfinger Unternehmern zusammensitzen und netzwerken wollen.

Dorf, Kleinstadt, Gewerbezentrum – wenn Sie sich ein Label für Empfingen aussuchen dürften, welches wäre das?

Empfingen ist keine Stadt, wird’s auch nie sein. Es ist ein größeres Dorf mit vielen attraktiven Angeboten.

Haben Sie schon mit Verkehrsminister Winfried Herrmann telefoniert, damit er dieses Dorf noch ein klein wenig attraktiver macht?

Wegen der Ortsumfahrung?

Genau.

Nein, aber ich war vorletzte Woche bei Regierungspräsidentin Nicolette Kressl in Karlsruhe und habe um eine klare Stellungnahme des Landes gebeten. Laut Regierungspräsidium beginnt demnach erst 2019 die weitere Planung. Aber eben nur die Planung. Von der Realisierung redet da noch keiner.

Wird dann die neue Trassenvariante geplant, östlich um das IKG herum?

Das kann ich mir bei dem damit einhergehenden Flächenverbrauch und der derzeitigen Landesregierung schwer vorstellen.

Verbaut sich die Gemeinde da nicht etwas, wenn sie mit dieser Regierung auf eine Nordumgehungsstrecke aus den 70er Jahren setzt, also westlich des bestehenden Gewebegebiets Autobahnkreuz entlang?

Die Zeiten, in denen man mal eben so die Landschaft zerstückelt, sind vorbei. Das geht nicht mehr so einfach. Und egal, wie ich es mache – zwischen Wohnbebauung und Gewerbegebiet oder ganz außen herum – die Frage ist: Entlastet es den Ort? Das muss erstmal untersucht werden. Ich kann zwar um das IKG herum bauen, aber wenn der Ort von Mühlheim angefahren wird, bringt das wenig. Das große Verkehrsaufkommen wie andere Orte haben wir nicht – vielleicht auch noch nicht. Zugespitzt: Wenn nicht jedes Kind in den Kindergarten gefahren und nicht jeder mit dem Auto zum Bäcker müsste, brächte das ja auch schon eine Entlastung.

Es stand ja auch mal im Raum, dass die Gemeinde die Planungen vorfinanzieren könnte.

Die Planungen macht das Land. Die Nordumgehung steht im Generalverkehrsplan.

Vor der Wahl haben Sie gesagt, Sie möchten einen neuen Kindergarten neben die Schule bauen. Immer noch Ihre Lieblingsidee?

Der Kindergarten Reichenhalden braucht eine andere Zukunft. Wie die aussieht, sei dahingestellt. Das entscheidet der Gemeinderat. Das bisherige Gebäude gehört nicht der Gemeinde. Und es ist nicht dafür geeignet, den Kindergarten dort so weiter zu betreiben, zu vergrößern oder zu erweitern.

Wie ist denn die konkrete Situation?

Nach unserer Prognose platzt Reichenhalden in den kommenden Jahren auseinander. Und auch der katholische Kindergarten. Wir kommen da an Kapazitätsgrenzen.

Das Gebäude des Wiesenstetter Kindergartens ist auch alt und marode.

Entweder Neubau oder schließen. Hopp oder top.

Also zwei neue Kindergärten bauen?

Das Thema besprechen wir am Samstag auf einer Klausurtagung – mit Elternvertretern, Kindergartenleitung, allen, die es betrifft.

Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel war vor zwei Wochen bei Ihnen.

Der CDU-Landtagsabgeordnete Norbert Beck war auch schon da, Timm Kern von der FDP, Thomas Hentschel von den Grünen. Ich will mich den Abgeordneten halt vorstellen, damit ich weiß, wen ich anrufen darf.

Rottenburg ist Bischofssitz, bei Stuttgart denkt jeder an Daimler, Tübingen ist die Unistadt. Was soll den Menschen einfallen, wenn Sie nach einer, zwei, drei Amtszeiten Truffner das Wort „Empfingen“ hören?

Dass es eine Gemeinde mit starkem Ehrenamt und Bürgerengagement ist.

Sie waren früher Vorsitzender der Jungen Union und CDU-Gemeinderat in Rottenburg. Jetzt sind Sie Bürgermeister und müssen alle Empfinger repräsentieren. Vermissen Sie mitunter das parteipolitische Debattieren? In einem Gremium mit Grünen und Linken verbal die Fetzen fliegen zu lassen?

Ich bin nicht so der Krawallmacher. Das vermisse ich nicht.

Im Empfinger Gemeinderat ist es eine kleine Sensation, wenn eine Entscheidung mal nicht einstimmig durchgewunken wird. Kann zu viel Harmonie im Gremium und wenig Diskurs für eine Gemeinde auch von Nachteil sein?

In Empfingen geht es eben nicht um Parteiklüngel, sondern um die Sache. Und so harmonisch wie in den öffentlichen Sitzungen geht es in den nichtöffentlichen nicht immer zu. Da schließen wir schon Kompromisse.

Sie haben die Bürgermeisterwahl mit satter Mehrheit gewonnen. Allerdings lag die Wahlbeteiligung auch nur bei 63,54 Prozent. Wie wollen Sie die anderen 36,46 Prozent der Empfinger erreichen?

Sc hwierig. Viele interessiert Kommunalpolitik erst, wenn es um den eigenen Garten geht. Wir probieren jetzt eine neue Öffentlichkeitsarbeit und wollen moderner, frischer auftreten. Und ich besuche Familien mit Neugeborenen, um mich vorzustellen.

Sie haben auch ein Facebook-Profil für die Gemeinde angelegt. Wo verträgt Empfingen noch eine Verjüngung?

D as Mitteilungsblatt wird überarbeitet, gestalterisch und inhaltlich. Und wir machen eine Neubürgerbroschüre.

Andere in Ihrem Alter ziehen lieber nach Berlin, Hamburg oder Stuttgart und gehen samstags nicht vor Mitternacht auf die Piste. Warum ist es ein Traumberuf, Bürgermeister einer 4000-Einwohner-Gemeinde zu sein und die Wochenenden bei Jahreshauptversammlungen zu verbringen?

Ich bin nicht bei allen Hauptversammlungen, das geht gar nicht. Weggezogen bin ich ja auch mal: von Bieringen nach Kirchheim. Das ist quasi ein Sprung wie von Empfingen nach Hamburg! Nach einer gewissen Zeit möchte man dann aber wieder zurück in die Region. Und als Bürgermeister kann man viel gestalten.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie gestalten möchten? Wollten Sie nicht auch mal Pilot oder so etwas werden?

Da bin ich der Falsche, ich habe eine Brille. Aber Gerichtsmediziner wollte ich mal werden.

Leichen zerfleddern?

Das erschien mir halt mal interessant.

Und wenn Sie Journalist geworden wären – welche Frage würden Sie nun stellen?

Oje. Was war Ihr lustigstes Erlebnis bisher?

Ich höre.

Am Ruaßigen Donnerstag ist im Rathaus das Bier ausgegangen.

Das klingt aber doch nicht lustig!

Das war bitterernst und passiert nie wieder – versprochen. Bei meinem Vorgänger durfte nur eine bestimmte Gruppe von Ruaßhexen ins Rathaus. Das Rathaus gehört aber allen Narren – zumindest den anständigen. Dieses Jahr haben halt mehrere Gruppen geklingelt, dann hab’ ich die halt reingelassen. Da war richtig Party im Sitzungssaal.

Was haben Sie zuletzt gelesen?

Jesses Gott, ich bin nicht so der Lesetyp. Ich habe aber ein Buch bekommen: Knigge für Bürgermeister.

Welchen Sport haben Sie zuletzt getrieben?

Schwimmen.

Was ist Ihre Lieblingsserie?

Alarm für Cobra 11.

Weizen oder Export?

Export.

Blutwurst oder Bergkäse?

Geht auch beides?

Merkel oder Söder?

Merkel.

H&M oder Herrenmodegeschäft?

Herrenmodegeschäft. H&M passt mir nicht.

Porsche oder Opel?

Weder noch.

Sondern?

Skoda.

ZDF oder Pro7?

ZDF.

Helene Fischer oder Sido?

Das sind ja Fragen!

All inklusive oder mit dem Rucksack durch Usbekistan?

Eher der Rucksack.

Nordsee oder Tälesee?

Nordsee.

Von Bieringen nach Empfingen

Ferdinand Truffner, 28, war von 2014 an hauptamtlicher Ortsvorsteher von Nabern (ein Stadtteil von Kirchheim unter Teck, 1900 Einwohner). Im Oktober gewann er die Empfinger Bürgermeisterwahl mit knapp 84 Prozent. Truffner wuchs in Bieringen auf, studierte Verwaltungswesen an der Hochschule Ludwigsburg, ist leidenschaftlicher Blasmusiker und Mitglied im Förderverein Schwäbischer Dialekt.