Alleinerziehende: Das Leben für Andere

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Nicht gesetztWecker- Klingeln – es ist 6 Uhr. Viel Zeit bleibt nicht. Sibille (Name von der Redaktion geändert) hebt den Kopf vom Kissen. Das Sofa hat sie bei Ebay-Kleinanzeigen gekauft. 60 Euro – ein Schnäppchen. Den Preis sieht man dem Möbelstück nicht an. Zwei Jahre ist es her, seitdem sie die Wohnung in einem Horber Teilort beziehen musste. Zwei Jahre ohne Bett, nur das gebrauchte Sofa. Zwei Jahre Hartz IV – in den 70 Quadratmetern mit zwei Kindern. Eine 15-Jährige mit einem 11-Jährigen gemeinsam in ein Zimmer zu stecken, wäre eine hochexplosive Mischung aus Teenager-Wahnsinn, die ein friedliches Miteinander wohl recht schnell zu einer Heimatfilm-Fantasie hätte werden lassen.
Sibille weckt Florian auf. Die Schule fängt um 7.30 Uhr an. Frühstück, Sibille schmiert sich ihr Nutella-Brot – „Ohne geht nicht“, sagt sie im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE. Laura verschwindet im Bad. Die 15-Jährige braucht etwas länger. Der Bus bringt die Kinder in die Kernstadt. Es sind Sibilles ruhige Minuten am Tag, wenn sie kurz Zeit hat, etwas zur Ruhe kommt. Dann verlässt auch sie ihre Wohnung. Der Bus nach Horb braucht etwa 25 Minuten. Hier arbeitet sie, knapp fünf Stunden am Tag, eine Halbtagsstelle – eigentlich. Nur die Entlohnung passt nicht. Die 45-Jährige erhält für ihre Tätigkeit 22,50 Euro Wochenlohn.
Sibille liebt ihre Arbeit – trotzdem. Sie ist in Kontakt mit Menschen, sie hängt sich auch ohne richtige Entlohnung in jede Arbeitsstunde rein. Bei der Arbeit kann sie außerdem manchmal die andere Seite ihres Lebens vergessen: Die Hartz-IV-Seite. Sie muss diesen „Halbtagsjob“ machen. Sonst setzt das Jobcenter den Rotstift an, kürzt Bezüge, die schon jetzt ein würdiges Leben kaum ermöglichen.
Für die Familie wäre das nicht verkraftbar. Hartz IV heißt permanente finanzielle Abhängigkeit, ein nicht enden wollender Krieg mit Anträgen, die Zeugnis des eigenen Scheiterns geben. So fühlt sich Sibille manchmal. „Man muss sich da völlig nackig machen“, nennt sie es. Doch ist sie selbst für ihr Scheitern verantwortlich? Oder trägt das System schuld? Sie stellt sich diese Fragen nicht ohne Grund.
Der Hartz-Dschungel beherbergt für seine Bewohner oft Hindernisse, die aus eigener Kraft nicht zu bewältigen sind.
Deutlich wird das für Sibille beim Thema Mobilität. Sibille muss sich auf öffentliche Verkehrsmittel verlassen. Früher arbeitete sie im Einzelhandel. Viele Bewerbungen, die sie im vergangenen Jahr geschrieben hat, waren jedoch für Jobs in Schichtarbeit. Diese ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht realisierbar. Um fünf Uhr morgens fahren keine Busse ins Industriegebiet. Also ein Auto. Die Agentur hat ein Förderprogramm. Voraussetzung, um Geld für ein Fahrzeug zu erhalten, ist ein Arbeitsvertrag. Sibille hat keinen Arbeitsvertrag – dafür müsste sie zur Arbeit kommen. Doch Busse fahren nicht um 5 Uhr morgens. „Kauf dir ein Fahrrad“, haben sie im Jobcenter gesagt.
Sibille erzählt von 90 Bewerbungen, die sie in den vergangenen zwei Jahren geschrieben hat. Von Vorstellungsgesprächen, die gut verlaufen sind, nur um festzustellen, dass sie es nicht einmal zur Probearbeit schaffen würde. Um 5 Uhr morgens fahren keine Busse.
Also Hartz IV. Eigentlich müsste sie unterstützt werden. Väter tragen Mitverantwortung. Der Rechtsstreit mit ihrem Ex-Mann tobt. Die Unterhaltszahlungen haben aufgehört. Aufgeben? Nein, „entweder man steckt den Kopf in den Sand, oder man probiert es halt weiter“, sagt Sibille.
Zwei Weiterbildungen hat sie schon hinter sich. „Das ist ein Witz“, sagt Sibille. „Da bekommt man Arbeitsaufträge, wie man eine Bewerbung schreibt. Nach zehn Minuten ist man fertig und sitzt dann vier Stunden rum.“ Sibille vermutet, dass so nur die Statistik aufgehübscht wird. „Was mach ich hier?“, hat sie sich dann oft gefragt.
Um 15 Uhr kommen die Kinder aus der Schule. Essen muss her. Wirklich Zeit für Freizeit hat Sibille nicht. Babysitter nehmen zwölf Euro die Stunde. Sibilles verfügbares Einkommen für sich und die Kinder beträgt 1400 Euro. 500 Euro gehen allein für die Miete drauf. Die Kinder wollen Spielzeug. Die Kinder wollen Hausaufgaben machen. Die Kinder brauchen Sportsachen. Für Sibille selbst bleibt fast nichts. Sie kauft sich ab und zu Zigaretten. Davon kommt sie nicht los. „Das brauche ich.“ Richtig schlimm wird es, wenn etwas kaputt geht. Geld für Waschmaschinen gibt es nicht mehr. Das ist mittlerweile im Regelsatz enthalten. Die Bezieher sollen sich immer etwas zur Seite legen, ein Waschmaschinen-Sparbuch sozusagen. Ihr Lachen trägt keine Freude in sich, als sie davon spricht, nur Bitterkeit. „Etwas zur Seite legen, von was bitte?“. Die 45-Jährige zündet sich eine Zigarette an, schaut auf die Couch. Die Waschmaschine läuft noch, aber ein Bett wäre schön.
