Unterschriftenaktion in Hechingen: Abschiebung „trifft definitiv den Falschen“

Hussain Salan (rechts) lebt seit zwei Jahren in Hechingen, arbeitete als Koch im Refugio am Obertorplatz und hat im September eine Ausbildung beim Logistikunternehmen barth begonnen. Nun soll er abgeschoben werden. (Archivbild)
Benjamin Roth- Syrer Hussain Salan, seit drei Jahren in Deutschland, soll nach Österreich abgeschoben werden.
- Der Hechinger Arbeitskreis Asyl kritisiert die Entscheidung scharf und sammelt Unterschriften dagegen.
- Salan ist gut integriert, spricht Deutsch, hat eine eigene Wohnung und macht eine Ausbildung bei der Spedition barth.
- Ein offener Brief fordert Innenminister Dobrindt auf, das Asylverfahren in Deutschland zu übernehmen.
- Landrat Pauli und lokale Politiker setzen sich ebenfalls für Salans Verbleib in Deutschland ein.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die Papierbögen mit Tabellen für Unterschriften füllten sich am Samstagabend im Refugio rasend schnell. Bis Montagabend sollen möglichst viele Menschen so ihre Unterstützung für Hussain Salan zum Ausdruck bringen, dem im Zuge des Dublin-Verfahrens die Abschiebung droht.
Der Hintergrund: Salan, syrischer Staatsbürger und bekannt unter anderem durch seine Tätigkeit als Koch im Integrationsprojekt Refugio, wurde am vergangenen Donnerstag die Arbeits- und Ausbildungserlaubnis entzogen. Er soll nach Österreich abgeschoben werden.
Die Empörung beim Hechinger Arbeitskreis Asyl ist groß, weshalb der Verein einen offenen Brief an Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sowie Hans-Eckard Sommer, Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), verfasst hat. Almut Petersen aus der Vorstandschaft des AK Asyl und Einrichtungsleiterin des Refugio, sagt: „Hier trifft es definitiv den Falschen.“
Gute Deutschkenntnisse
Das begründet sie in dem Brief, der unserer Redaktion vorliegt und der auch von den Vorstandsmitgliedern Gabriele Lamparter und Christiane Gersdorf gezeichnet ist, anhand mehrerer Faktoren. Einer davon: Hussain Salan ist bestens in die hiesige Gesellschaft integriert, lebt inzwischen seit drei Jahren in Deutschland und ist der deutschen Sprache mächtig. 2023 ist er nach Hechingen gekommen, arbeitete im Refugio zunächst ehrenamtlich, später hauptberuflich als Koch und macht seit diesem September eine Ausbildung als Fachlagerist bei der Spedition barth, die ihren Sitz im Gewerbegebiet Nasswasen hat. Inzwischen hat der 25-Jährige eine eigene Wohnung; seinen Lebensunterhalt bestreitet er selbst. Petersen weiter: „Salan ist ein Vorzeigebeispiel, wie Integration durch das Projekt Refugio gelingen soll.“ In seiner Freizeit helfe er weiter in dem Café-Restaurant aus. „Er packt an, wo es nötig ist.“
Wirtschaft wird geschwächt
Der Brief fordert die beiden Adressaten daher auf: „Ermöglichen Sie Hussain Salan, seinen Lebensweg in Deutschland fortzusetzen! Verzichten Sie auf eine Überstellung nach Österreich und erklären Sie Deutschland für das Asylverfahren zuständig.“ Dies wäre über die sogenannte Selbsteintrittsentscheidung Deutschlands in das Verfahren möglich. Demnach kann jeder Dublin-Mitgliedsstaat im Einzelfall unabhängig von weiteren Kriterien die Zuständigkeit für einen bei ihm gestellten Antrag übernehmen. Die Entscheidung dafür liegt beim BAMF.
Für den Hechinger AK Asyl wäre der Selbsteintritt Deutschlands in das Verfahren das, „was menschlich, gesellschaftlich und wirtschaftlich richtig“ sei. Schließlich, so steht in dem Brief weiter, würde der Staat mit der Abschiebung des 25-Jährigen seiner eigenen Wirtschaft in den Rücken fallen. Für das Unternehmen barth sei der aus Syrien Geflüchtete „eine Bereicherung“. Daher stünde eine Abschiebung im Widerspruch mit den Zielen des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes.
Hartes Schicksal
Für Hussain Salan wäre die Abschiebung indes auch persönlich der nächste harte Schicksalsschlag, wie Petersen betont. Sein Vater, so ihre Angaben, wurde vom Regime des ehemaligen syrischen Machthabers Assad verschleppt und ist bis heute verschwunden. Früh, im Alter von 13 Jahren, habe er sich als ältester Bruder daher um den Lebensunterhalt kümmern müssen, ehe er selbst in das Visier von Assad geriet und floh. Seine Flucht endete vorerst in Bulgarien, wo er von der Polizei misshandelt und einen Monat im Gefängnis eingesperrt wurde. Diese traumatischen Erlebnisse wirkten bis heute nach, sagt Petersen. Letztlich gelang ihm die Weiterreise nach Deutschland.
Mit der Abschiebung Salans stoße die Politik „die eigene Gesellschaft vor den Kopf“. Statt auf „Hardliner-Abschiebe-Politik“ zu setzen, plädiert der Hechinger Arbeitskreis Asyl, den heimischen Unternehmen mehr Vertrauen bei der Arbeitnehmerwahl entgegenzubringen. Schließlich, so der Brief, „kennen die Firmen diese durch die tägliche Arbeit und wissen, wer sich einbringt und wer nicht“. Abschließend folgt die Bitte: „Wir bitten Sie um eine zeitnahe Entscheidung, da jeder weitere Tag Ungewissheit für Herrn Salan, seinen Arbeitgeber und die Gemeinschaft eine Belastung darstellt.“
Landrat Pauli setzt sich für Salan ein
Übrigens: Hinter der Entscheidung, Salan abzuschieben, steht nach Petersens Informationen nicht einmal die Ausländerbehörde in Balingen. Auch Landrat Günther-Martin Pauli habe sich schon höchstpersönlich für einen Verbleib Salans in Deutschland eingesetzt.
Unterschriften werden gesammelt
Ob der offene Brief, der in Kopie auch an Landesjustizministerin Marion Gentges, die Bundestags- und Landtagsabgeordneten der Hechingen zugehörigen Wahlkreise, sowie an das Regierungspräsidium Tübingen und die Ausländerbehörde des Zollernalbkreises geht, Wirkung hat? Almut Petersen hofft es jedenfalls inständig. Sie ist der Meinung: „Die Politik will mit einer verschärften Asylpolitik hier ein Exempel statuieren.“
Unterschriften werden im Refugio am Obertorplatz in Hechingen noch bis Montagabend gesammelt.
