Stille Nacht?: Wenn in besinnlicher Zeit Stühle um die Ohren fliegen


Die Saitenwürste sind geplatzt, der Kartoffelsalat vergraten, die Gans verkohlt, das Geschenk ist das komplett falsche oder die Post konnte es nicht mehr ausliefern – Weihnachten birgt so manches Konfliktpotenzial. (Symbolfoto)
Heiko Rebsch/dpaWir alle erleben momentan eine besinnliche Zeit, die uns Gelegenheit gibt, uns endlich einmal uns selbst zuzuwenden, um inneren Frieden zu finden, gemütliche Stunden zu erleben. Und wie schön: Das konnten wir jetzt schon einen Monat lang an jedem Wochenende, an mindestens zwei Tagen, zweimal oder mehr: Bei Konzerten und Weihnachtsfeiern und Märkten, an denen wir teilnehmen durften oder noch dürfen, besteht und bestand dazu Gelegenheit.
Bei dieser Terminfülle und um das bloß nicht zu verpassen, muss man natürlich genau planen und präzise auf die Uhr schauen. Sonst würde man ja die dargebotene Besinnlichkeit daheim bei einem guten Buch, einem spannenden Film, Briefmarkensortieren oder mit behaglichem Faulsein und Ausspannen von der Arbeitswoche verpassen. Planung und Zeitmanagement sind gefragt.
Ab in die Kneipe zu Heilig Abend
Klar, dass da die allgemeine Nervosität steigt und es zu Ausrastern kommt. Wundern Sie sich daher nicht, wenn Ihnen etwa irgendwo in einem sonst renommierten Dorfgasthaus an einem gerade noch lustigen Stammtisch ein Stuhl um die Ohren fliegt oder Spezialeinsatzkräfte der Polizei auf dem Weg zu einem Sondereinsatz an Ihnen vorbeijagen.
Die ganz große Gefahr droht in der Christnacht. Der Kulturwissenschaftler Utz Jeggle hat die Theorie aufgestellt, dass an Weihnachten das funktionierende Familienleben praktiziert wird. Am schönsten Fest des Jahres sollte alles so sein, wie es das Jahr über oft nicht ist. Das erzeugt nochmals Nervosität. Wenn da etwas schiefgeht … Die Saitenwürste sind geplatzt, der Kartoffelsalat vergraten, die Gans verkohlt, das Geschenk ist das komplett falsche oder die Post konnte es nicht mehr ausliefern. Der Sohnemann kommt aus dem Wirtshaus zu spät nach Hause, der Christbaum, den der Gatte besorgen sollte und den man längst im Keller wähnte, wurde vergessen. Oder Tochter und Schwiegersohn kriegen sich am Essenstisch wegen einer Nichtigkeit mal wieder in die Haare. Das allesamt hat Explosionspotential. Dann ist die Katastrophe da.
Genug Spott?
Sind Sie alleinstehend? Gehen Sie an Heiligabend in eine Kneipe! Da sind viele Alleinstehende, die sich versichern, sie feiern lieber hier, als mit einer buckligen Verwandtschaft dieses blöde Fest. Man sollte aber rechtzeitig gehen. Zu vorgerückter Stunde kann es passieren, dass die Fröhlichkeit in Larmoyanz umschlägt und Tränen kullern. Oder die Fäuste fliegen. (Alles schon in Tübinger Altstadtkneipen erlebt.) Habe ich nun genug gespottet? In Wirklichkeit wünsche ich uns allen ein schönes Weihnachtsfest.