Ostern, Kirchenaustritte und Zukunft
: Im Leben und seinen Krisen Halt geben

Dekan Michael Knaus und der evangelische Stadtpfarrer Herbert Würth sagen ihre Meinung zu krisenhaften Ostern. Sie verraten, was sie bei Kirchenaustritten tun, und blicken auf Ostern 2043 voraus.
Von
Ernst Klett
Hechingen
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  • Im tiefsten Naturnahgartendickicht wachsen die schönsten Blumen zum Osterfest. Und die heißen? Traubenhyazinthen! ⇥

    Im tiefsten Naturnahgartendickicht wachsen die schönsten Blumen zum Osterfest. Und die heißen? Traubenhyazinthen! ⇥

    Ernst Klett
  • Chef im katholischen Dekanat Zollern und Hechinger Pfarrer: Michael Knaus.

    Chef im katholischen Dekanat Zollern und Hechinger Pfarrer: Michael Knaus.

    Sabine Hegele
  • Herbert Würth ist evangelischer Pfarrer und zudem Diakoniepfarrer.

    Herbert Würth ist evangelischer Pfarrer und zudem Diakoniepfarrer.

    privat
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Friede, Freude, Eierkuchen. Und das bitte ganz besonders zum Osterfest? Wir halten es lieber mit dem wirklichen Leben und lassen den katholischen Zollern–Dekan Michael Knaus und Herbert Würth, den geschäftsführenden evangelischen Pfarrer Hechingens, österlich zu Worte kommen — aber mit Antworten auf Fragen, die ein bissle ans Eingemachte gehen sollen.

Es spricht absolut für die beiden Geistlichen, dass sie trotzdem munter mitgemacht haben bei den „spannenden“ (Kommentar Knaus) und „nicht alltäglichen“ (Kommentar Würth) Fragen.

Und los geht‘s. Natürlich mit den aktuell angesagten Feiertagen.

Ostern 2023. Was verbinden Sie nach den bisherigen Krisenjahren und jetzt im Immer–noch–Krise–Jahr mit diesem Fest?

Michael Knaus Ostern war schon immer ein „Krisenfest“. Das Fest beginnt ja mit dem Gründonnerstagabend und ist ein — aus menschlicher Perspektive gesehen — Fest, in dessen Fokus die Unzulänglichkeiten und Grenzen des Menschlichen sind: Es geht um Selbstüberschätzung, Versprechungen, Beteuerungen — was alles nicht eingehalten werden kann; dann um Angst, Selbstschutz, was zu Verleugnung und Verrat, schließlich sogar zur Auslieferung und zum Tod eines Menschen führt. Letztlich alle menschlichen Abgründe, die eine Krise nach der anderen auslösen, sind Thema des „menschlichen Teils“ von Ostern. Das Österliche dann ist das Bekenntnis, dass es eben eine göttliche Macht gibt, die dort ansetzt, wo wir Menschen am Ende unserer Möglichkeiten stehen — im Kleinen wie im Großen. Daher ist dieses Ostern nicht anders als alle anderen: gleichermaßen ähnlich wie einzigartig.

Herbert Würth Gegenfrage: Wann gibt es keine Krise? Wir leben ständig mit Krisen, etwa der Nahrungskrise oder der Klimakrise. Dann gibt es viele vergessene Konflikte und Krisen, im Jemen und in Syrien, nach dem Erdbeben in der Türkei und in Syrien. Hinter allen Krisen stecken reale Ängste. Die Angst, wie es weitergeht, die Angst vor der Zukunft. Gestern war Karfreitag als einer der wichtigsten Feiertage. Für mich sagt Karfreitag mit der Erinnerung an das Leiden und Sterben Jesu: Die großen und kleinen Krisen sind reale Bedrohungen. Aber Gott hält sich da nicht raus. In Jesus Christus kennt er schlimmes Leid bis hin zur Folter.

Vermutlich meinten Sie mit der Krise auch Einschränkungen durch Corona. Die Pandemie ist noch nicht vorbei, es erkranken immer noch viele. Aber die Versammlungen und Gottesdienste können zum Glück wie früher stattfinden. Der Rückblick auf die drei vergangenen Jahre zeigte: Kirche kann auch anders, kann auch digital. Aber die persönliche Begegnung ist durch nichts zu ersetzen.

Krise, das kennen auch die großen Kirchen: Ihnen laufen die Mitglieder davon. Wie würden Sie denn einen frustrierten Christen, ein Durchschnittsbürger mit normalem Einkommen, vom Austritt aus Ihrer Kirche erfolgreich abhalten wollen?

Knaus Einen frustrierten Christen kann es per definitionem nicht geben, da die Hoffnung Teil der christlichen „DNA“ ist. Den aktuellen Frust lokalisiere ich eher im institutionellen Bereich der Kirche, wo konkurrierende und teils auch sich gegenseitig ausschließende Bilder und Visionen aufeinander treffen und sich zu einem echten Machtspiel entwickelt haben. Letztlich muss da jede:r für sich entscheiden, was für eine:n selbst wichtig ist. Ich persönlich bevorzuge das Team „Hoffnung“ — wissend, dass mein eigenes Kirchenbild nicht das von allen anderen sein kann. Und so leiste ich über die sogenannte Kirchensteuer auch gerne meinen Solidarbeitrag, weil ich nicht möchte, dass wir mittelfristig massenhaft Mesner:innen, Organisten und Sekretärinnen entlassen müssen oder gar den Betrieb von Kindergärten oder Sozialstationen einstellen müssen.

Würth Ehrlich gesagt: Ich kann die Menschen nicht abhalten, aus der Kirche auszutreten. Mit kaum jemandem bin ich im Kontakt, da der Austritt übers Standesamt läuft. Es schmerzt mich, wie viele austreten, vor allem, wenn ich sie noch aus dem Konfirmandenunterricht kenne. Ich verstehe manche Enttäuschung und manche Wut. Ich halte mich an Luther, der vor 500 Jahren sagte: „Wir sind es nicht, die die Kirche erhalten können.“

Menschen, die durchschnittlich gut verdienen, würde ich sagen: Eine Gesellschaft ohne Kirchen wäre egoistischer. Der Mensch braucht Gemeinschaftserfahrungen, wie sie die Kirchen anbieten. Wir bemühen uns, in der Stadt und in den Außenorten gute Ansprechpartner zu sein. In den Kindergärten unter kirchlicher Trägerschaft engagieren sich viele für die Familien. Als Diakoniepfarrer des Kirchenbezirks sehe ich, wie viel für Menschen in Notlagen getan wird. Und schließlich: Ich bin davon überzeugt, dass jede und jeder einen Halt im Leben und in den Krisen des Lebens braucht. Besonders dann wollen wir für Menschen da sein.

Nochmal eine Jahreszahl: Ostern 2043, also in 20 Jahren. Wie sieht dann die Kirchenlandschaft im Hohenzollerischen aus? Gibt es eine ökumenische Feier zentral für alle Ortschaften? Heute, das ist also noch der schiere Luxus?

Knaus Wir leben in einer derart schnellen Zeit, dass eine Prognose für in 20 Jahren schlicht nicht möglich ist. Strukturell werden wir bereits in knapp drei Jahren von Burladingen–Gauselfingen beziehungsweise Hörschwag bis Horb–Dettlingen eine einzige Pfarrei sein, die hoffentlich 2043 auch noch existiert. Ich fände die Vorstellung schrecklich, wenn wir dann nur zentral an einem Ort Ostern feiern würden. Vielmehr hoffe ich, dass dann an ganz vielen Orten dieses österliche Geheimnis gefeiert wird — in neuen, bislang undenkbaren Formen und Gestalten (ganz sicher auch ökumenisch!). Zumindest eine Prognose wage ich: Die „Dienstleistungskirche“, bei der ich meine individuelle Portion Seelenheil abholen kann, wird es bis dahin nicht mehr geben.

Würth Huch, so weit vorausdenken? Ich merke, dass mich die gegenwärtigen Herausforderungen genügend in Beschlag nehmen. Klar ist: Den Kirchen werden in den nächsten 20 Jahren erheblich weniger Personen, Finanzen und Immobilien zur Verfügung stehen. Ein aktives Gemeindeglied sagt scherzhaft–ernst: Die beiden Kirchen müssen fusionieren, um zukunftsfähig zu sein. Das halte nicht für realistisch in den nächsten beiden Jahrzehnten. Ökumenische Gottesdienste gehören für mich zu den Höhepunkten meiner Tätigkeit. Dass sie viel mehr die Regel sein sollen, ist außer Frage. In 20 Jahren können die Kirchen nicht mehr in dem Maße in der Fläche präsent sein. Dann wird es nötig sein, fröhlich zu den Gottesdiensten der anderen Konfession einzuladen.

Fragen von Ernst Klett