Öde Reden, die 50 Jahre Zollernalbkreis langatmig Revue passieren lassen? Nicht bei der Neujahrssitzung des Kreistages zum Auftakt des Jubiläumsjahres. Auf der Bühne der Balinger Stadthalle plauderte die fernsehbekannte Gastmoderatorin Sonja Faber-Schrecklein in ihrem altbewährten Stil mit vier Zollernalb-Promis, die das Publikum mit ganz unterschiedlichen Sichtweisen auf ihren (Wahl-)Heimat-Landkreis unterhielten: Heinrich Haasis, Günther-Martins Paulis Vor-Vorgänger als Landrat und Sparkassenpräsident a. D., Joachim Walter, einst Erster Landesbeamter im Zollernalbkreis und seit fast 20 Jahren Landrat des Nachbarkreises Tübingen, Trigema-Juniorchefin Bonita Grupp und Burgverwalterin Dr. Anja Hoppe.

„Der kälteste Ort, die heißeste Fasnet“

Sonja Faber-Schrecklein, der Zollernalb nicht zuletzt als Albstädter Traufgang-Botschafterin innig verbunden, legte bei den Huldigungen auf den Goldjubiläumskreis vor und stellte fest: Auf der Zollernalb gebe es „den kältesten Ort, die heißeste Fasnet, die tiefste Doline und den schönsten Berg“.
Den schönsten Berg? Da konnte nur der Zoller gemeint sein, auf dem seit mehr als 1000 Jahren die Burg thront, Wahrzeichen und Attraktion des Zollernalbkreises schlechthin. Deren Fahnenturm nannte Anja Hoppe ihren Lieblingsort auf der Zollernalb. Als „Stuttgarter Stadtkind“ konnte die Frau, die seit 2009 den Burgbetrieb leitet, mit der Außenperspektive auf die Zollernalb dienen.

„Hinter Tübingen – da gibt‘s noch was?“

Ja, so plauderte sie aus ihrem früheren Leben, „für den Stuttgarter bricht die Weltscheibe hinter Tübingen ab.“ „Da gibt‘s noch was?“, sei sie nicht nur einmal gefragt worden, als sie Richtung Zollernalb aufgebrochen sei. Und was es da alles gibt! „Die Wälder sind schöner als in Kanada“, schwärmte sie und fügte hinzu: „Vermutlich mit weniger Bären, aber das habe ich noch nicht getestet.“ Und die Leute, die seien „alle so rechtschaffen“, staunte sie. Und dann der Dialekt! „Hier gibt es Worte, die gibt es anderswo nicht mehr!“ Steilvorlage für Sonja Faber-Schrecklein: „Das Wort schätzwohl (für ungefähr) gibt es nur in Weiterlenga.“ Großes Gelächter im Saal.
Ja, Anja Hoppe hat sich verliebt in diesen Landkreis und seine Leute. Dabei, so plauderte sie aus dem Nähkästchen, habe sie zunächst allerlei Widrigkeiten überwinden müssen, bis sie zu ihrem Job auf dem Burgberg kam. Beim Bewerbungsgespräch habe man ihr im ersten Satz gesagt: „Schön, dass Sie da sind. Wir möchten aber gar keine Frau.“ Doch die Stuttgarterin hat sich durchgebissen, hat die Attraktivität der Burg Hohenzollern als Touristenziel stark erhöht – zuletzt kamen 38 000 Besucher an 38 „Winterzauber“-Tagen – und sie zu einer weltweiten Marke gemacht.

So laufen japanische Hochzeiten auf der Burg

In Vor-Corona-Zeiten, erzählte Anja Hoppe, haben „immer dienstags“ japanische Paare auf der Burg geheiratet – 40 bis 50 pro Jahr. Seither habe der Burgbetrieb einen eigenen Friseur für die Locken, die fast alle japanischen Bräute wünschen, einen eigenen Floristen für die Orchideen und einen Kutscher, der sechs Kaltblut-Pferde darauf trainiert hat, die Paare unfallfrei über die Zugbrücke zu kutschieren. Und ein „Braut-Ohnmachtszimmer“ gebe es auf der Burg auch. „Im Ernst!“ Schließlich sei so gut wie jedes japanische Brautkleid zu eng geschnürt.

Das Trigema-Geheimnis: die Verbundenheit mit der Region

Brautkleider werden bei Trigema in Burladingen und Rangendingen nicht genäht, aber deutschlandweit bekannte T-Shirts und Freizeitbekleidung – und das seit 104 Jahren. Bonita Grupp war auf dem Podium, um Einblicke in das Erfolgsrezept des Familienbetriebes zu geben. Unter anderem nannte sie „die Verbundenheit mit der Region“. Fachkräftemangel sei auch für Trigema kein Fremdwort, „aber wir haben kein Problem, die Talente hier in der Region zu finden“. Vater Wolfgang Grupp, Mutter Elisabeth und Bruder Wolfgang jun. saßen beim Empfang in der ersten Reihe.
Familienbetriebe wie Trigema gelten als wirtschaftliches Rückgrat des Zollernalbkreises. „Darf da jeder mitschwätzen?“, wollte die Moderatorin wonderfitzig wissen. „Mein Vater“, hob Bonita Grupp auf die zentrale Figur ab, „macht das seit über 50 Jahren“. Aber ja, jeder Fachbereich in der betont schlanken Verwaltung „hat sein Sagen“.

Wer alles gerne nach „Böörladingen“ kommt

Und was zieht eine junge Frau, die in der Schweiz zur Schule gegangen ist und in London studiert hat, zurück nach Burladingen? „Die Firma, die Familie, es ist Heimat, und es lässt sich hier gut leben“, sagte die Juniorchefin – und verriet. „Auch viele Freunde aus dem Ausland kommen gerne nach Böörladingen. Und viele denken, das Kennzeichen BL stehe für Burladingen.“ Mit dieser Anekdoten gewann Bonita Grupp die Altkreis-Balinger und die Altkreis-Hechinger gleichermaßen für sich.

Haasis: „Eine richtige Entscheidung“

Dass eben die sich vor 50 Jahren nicht leicht taten, zueinander zu finden, kramte Heinrich Haasis aus seinem Erinnerungsschatz. Nachdem der Hechinger Gemeinderat ein klares Votum für eine Angliederung an Tübingen abgegeben hatte, war es ein Bürgerentscheid in Hechingen, der den Hohenzollern den Weg nach Balingen ebnete. „Eine richtige Entscheidung“, urteilte der frühere Bisinger Bürgermeister, der von 1981 bis 1991 Landrat war. „Der Zollernalbkreis hat sich bewährt.“ Die Gleichbehandlung der drei Mittelzentren sei fortan immer ein Thema gewesen, meinte Haasis und rief in Erinnerung, dass in den frühen Jahren Hechingen und Albstadt zusammen ein Zentralklinikum in Balingen zu Fall gebracht hätten. Eben ein solches Zentralklinikum in der aktuell diskutierten Variante nannte Haasis einen zentralen Wunsch für die Zukunft: „Beim nächsten kleinen Jubiläum sollte es in Betrieb sein.“ Noch dringender nannte er die Verkehrsanbindung und meinte damit wie seit Jahrzehnten eine durchgehend vierspurige B 27. „Dazu braucht es den Tübinger Tunnelbau“, stichelte er in Richtung Universitätsstadt.

Walter: Nur gemeinsam geht‘s

Joachim Walter brauchte sich von diesem Wink nicht angesprochen fühlen, denn der Christdemokrat mit Geburtsort Rottweil und Binsdorfer Vater führt nicht die Stadt, sondern den Landkreis Tübingen – und als Präsident den Landkreistag. Sein Abschlussplädoyer galt dem Miteinander in der Region Neckar-Alb. „Getrennt marschieren heißt vereint geschlagen werden“, philosophierte Walter. Nur gemeinsam werde man es schaffen. Vor, um und hinter Tübingen.