Das Lutherjahr treibt in Hechingen weiterhin die schönsten Blüten. Am Mittwoch gab es zum 500-jährigen Reformationsjubiläum Bühnenkunst zu erleben, die zwischen Historie und Moderne changiert. Die Stuttgarter Theatergruppe „Eure Formation“, bestehend aus Lukas Ullrich und Till Florian Beyerbach, gastierte mit dem Stück „Play Luther“ im Museum. Was die Zuschauer erwartete, war eine fulminante Reise durch Leben und Werk des Reformators. „Ein Parforceritt durch die letzten 500 Jahre“, wie es Pfarrer Frank Steiner von der Evangelischen Kirchengemeinde treffend umschrieb.

Mal Reggae, mal Volksmusik

Die Bühne, getaucht in gleißendes Licht, mal weiß, mal blau oder rot. Leuchtende Impulse, begleitet von durchdringenden Rhythmen – je nach Szene im Stil von Elektropop, Reggae oder Volksmusik. Dazu Choräle und Luther-Lieder: Ein musikalischer Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Im szenischen Spiel werden Momente aus Luthers Leben nachgestellt, in denen eines besonders deutlich wird: Der charismatische Reformator war nicht immer der starke, unerschütterliche Mann, die Ikone der Reformation. Er war vor allem eines: Ein Mensch, dessen Verdienste im Stück ebenso thematisiert werden wie seine schwierigen Seiten.
Das Bühnenbild, bestehend aus Dreiecken, die die Dreifaltigkeit symbolisieren, wächst Szene für Szene zu einem kuppelartigen Gebäude zusammen. So entsteht ein sich verändernder Raum, der die sich nach und nach entwickelnde Glaubenswelt Luthers darstellt, aber auch die Kirche, die sich im stetigen Wandel befindet.
Luther war nicht immer Luther – nicht nur im wörtlichen Sinne. „Seine Familie hieß eigentlich Luder“, erläutern die Schauspieler, die die verschiedenen Szenen durch in der Jetztzeit verortete Dialoge umschreiben. Hitzige Dispute und amüsante Seitenhiebe zwischen Protestanten und Katholiken inbegriffen.
Der Lebensweg Luthers wird in eindringlichen Bildern nachgezeichnet. Zunächst ist da der junge Martin, als Jurastudent scheinbar „auf dem Weg des Erfolgs.“ Bis ihn das Stotternheim-Erlebnis, ein schreckliches Unwetter, in Todesangst versetzt. Er fleht um Gnade, gelobt, Mönch zu werden – auf der in blaues Licht getauchten Bühne beklemmend inszeniert.
Ganz menschlich auch die gesundheitlichen Probleme Luthers, die humorvoll untermalt umschrieben werden: Von Krämpfen geplagt, kämpft er mit Verstopfung, liest in der Bibel und wird im doppelten Sinne plötzlich von Erleichterung erfasst, als er erkennt: „Ich  bin Gottes Kind; die Gnade ist mir allein geschenkt durch seine Liebe.“
Die 95 Thesen, die er vor 500 Jahren an der Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen haben soll: „Heute würden sie auf Facebook und Twitter verbreitet.“
Was folgt sind Szenen beim Reichstag zu Worms, Luther als Junker Jörg auf der Wartburg und die Übersetzung der Bibel. Selbst ein imaginäres Zusammentreffen mit Thomas Müntzer, dem Anführer des Bauernaufstandes, wird inszeniert.

Die bittere Erkenntnis

Dann kommt sie, die große Frage: „Sag mal, wie würde Martin Luther wohl heute reagieren?“ Hat das Streben nach Kapitalvermehrung seit dem Ablasshandel nachgelassen? Sind Machthunger und Glaubenskriege heute überwunden? Die bittere Erkenntnis: „Seit 500 Jahren hat sich nichts geändert.“
Es gibt also noch einen Auftrag auszuführen: „Wir müssen alle ökumenisch denken, handeln und kämpfen für Liebe und Gerechtigkeit.“ Die Antwort auf die Frage, was bleibt von Luther, ist da eigentlich ganz einfach. Nicht nur seine Sprache, auch seine zeitlose Erkenntnis: „Wenn Du glaubst, dann stehst Du in der Gnade des Herrn.“