Gymnasium Hechingen
: „Finding Ivy“ – Bewegende Spurensuche nach Opfern der NS-Diktatur

Zu einem bewegenden Zeichen gelebter Erinnerungskultur avancierte die Eröffnung der Ausstellung „Finding Ivy“ am Hechinger Gymnasium.
Von
swp
Hechingen
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Ein Erlebnis, das alle Beteiligten tief bewegte, war die Eröffnung der Ausstellung "Finding Ivy" in der Aula des Hechinger Gymnasiums.

Ein Erlebnis, das alle Beteiligten tief bewegte, war die Eröffnung der Ausstellung "Finding Ivy" in der Aula des Hechinger Gymnasiums. Die Initiatorin Dr. Helen Atherton von der Universität Leeds sprach ein Grußwort.

privat
  • Ausstellung „Finding Ivy“ eröffnete am Gymnasium Hechingen – Erinnerung an NS-„Euthanasie“-Opfer.
  • Dr. Helen Atherton aus Leeds erläuterte Forschung und Bedeutung der Erinnerungskultur.
  • Seminarkurs präsentierte Fakten zu „Aktion T4“ und Verbrechen in Grafeneck sachlich.
  • Höhepunkt: Video einer 93-jährigen Hechinger Zeitzeugin und Enthüllung von 16 Opferbannern.
  • Die zweisprachige Wanderausstellung ist bis Mitte Juni im Eingangsbereich öffentlich zugänglich.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Die Ausstellungseröffnung „Finding Ivy – a life worthy of life“ am Gymnasium Hechingen wurde für die zahlreichen Gäste zu einem eindrucksvollen Abend der Erinnerung und des Nachdenkens. In würdiger und bewegender Atmosphäre gelang es den Beteiligten, ein sensibles Thema mit großer Ernsthaftigkeit und zugleich menschlicher Nähe zu präsentieren.

Initiatorin aus England angereist

Bereits zu Beginn wurde deutlich, dass die Veranstaltung weit mehr sein sollte als eine klassische Ausstellungseröffnung. Die eigens aus England angereiste Initiatorin der Ausstellung, Dr. Helen Atherton von der Universität Leeds, sprach in ihrem Grußwort über die Anfänge ihrer Forschung, die Bedeutung von Erinnerungskultur und darüber, wie wichtig es sei, den Opfern nationalsozialistischer Gewalt ihre Namen und Geschichten zurückzugeben. Ihre persönliche Präsenz verlieh dem Abend eine besondere Dimension.

Mit den „Euthanasie“-Verbrechen der Nazis befasst

Im Mittelpunkt standen jedoch die Schülerinnen und Schüler des Seminarkurses „Ermöglichungsräume von Gewalt“, die sich über Monate intensiv mit der „Aktion T4“, dem systematischen Massenmord mittels Giftgas an mehr als 70.000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen sowie psychischen Erkrankungen während des NS-Regimes, beschäftigt hatten.

Fakten zu Grafeneck

Besonders überzeugend war dabei das dramaturgische Konzept des Abends: Nach der Einführung durch Dr. Atherton, der historischen Einordnung durch den Geschichtslehrer Dr. Benjamin Bräuer und der anschließenden persönlichen Verortung durch die zweite Lehrkraft, Prof. Harald Sonntag-Weisshaar, präsentierten die Schülerinnen an mehreren Stationen sachlich und konzentriert die historischen Hintergründe, Forschungsergebnisse und Fakten zu den Verbrechen in Grafeneck.

93-jährige Zeitzeugin aus Hechingen

Gerade diese zunächst nüchterne Darstellung der Fakten machte den späteren Höhepunkt des Abends umso eindringlicher. Nach dem bewegenden videografierten Beitrag einer in Hechingen lebenden, heute 93-jährigen Zeitzeugin, deren Vater in Grafeneck ermordet wurde, enthüllten die Schülerinnen und Schüler schließlich unter musikalischer Begleitung die 16 Einzelbanner mit den Biografien der Opfer gleichzeitig. Aus anonymen Zahlen wuchsen um die Anwesenden plötzlich konkrete Menschen mit Gesichtern, Lebensgeschichten und Familien in die Höhe. Dieser Moment sorgte bei vielen Gästen für sichtbare Betroffenheit und lange Stille.

Die Ausstellung „Finding Ivy“

Die zweisprachige (deutsch/englisch) Ausstellung „Finding Ivy. A life worthy of life" widmet sich den Biografien von britischen Opfern der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde. Unter den rund 70.000 Menschen, die 1940 und 1941 im Rahmen der „Aktion T4“ ermordet wurden, befanden sich auch einige, die einen biografischen Bezug zu Großbritannien hatten. Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Dr. Helen Atherton von der Universität Leeds rekonstruierte das Leben dieser Menschen. Die Ergebnisse wurden im Rahmen einer Wanderausstellung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Anhand einer Reihe von Archivmaterial, das in Großbritannien, Österreich und Deutschland und darüber hinaus gesammelt werden konnte, sowie der Berichte und Unterlagen von Familienangehörigen stellte das Team 13 Lebenswege zusammen, die auf Roll-up-Bannern gezeigt werden.

Einen entscheidenden Anteil an der besonderen Atmosphäre des Abends hatte auch die musikalische Begleitung durch die Pianistin Clara Vinzenz, ebenfalls Schülerin der Jahrgangsstufe 11. Mit großer Sensibilität und musikalischem Feingefühl gelang es ihr, den Abend emotional zu tragen, und ihre ruhigen Klavierstücke verliehen dem Beginn des Abends sowie der Enthüllung der Aufsteller eine fast meditative Wirkung und unterstrichen die Würde der gesamten Eröffnung auf eindrucksvolle Weise.

Die Bedeutung von Erinnerungskultur

Trotz des schweren Themas wirkte der Abend nie bedrückend oder distanziert. Vielmehr entstand eine Atmosphäre des gemeinsamen Erinnerns, Nachdenkens und Lernens. Die Veranstaltung zeigte, wie wichtig historische Bildung und Erinnerungskultur gerade heute sind – und wie engagiert junge Menschen sich mit Fragen von Verantwortung, Gewalt und Menschlichkeit auseinandersetzen können.

In einer abschließenden Fragerunde erhielten die Teilnehmenden des Seminarkurses Gelegenheit, über ihre derzeitigen Forschungsschwerpunkte zu berichten sowie Einblicke in ihre Seminararbeiten zu geben. Diese reichen von der Beschäftigung mit einzelnen Tätern über die Aufarbeitung von Sprache und Propaganda bis hin zu Ermöglichungsräumen von Gewalt gegen Frauen und dem Umgang mit der eigenen Vergangenheit im Falle der Firma Hugo Boss.

Viele Gäste kamen mit den Schülerinnen, aber auch untereinander, ins Gespräch oder betrachteten die Exponate in stiller Aufmerksamkeit. Die Ausstellungseröffnung von „Finding Ivy“ wurde so zu weit mehr als einer schulischen Veranstaltung: zu einem bewegenden Zeichen gelebter Erinnerungskultur. Dazu passte es dann auch, dass alle Besucher beim Verlassen des Gymnasiums einen kleinen Erinnerungsstein mitnehmen konnten, der sie sowohl an die Ausstellung als auch an eines der Einzelschicksale erinnern soll.

Noch bis Mitte Juni zu besichtigen

Die Ausstellung ist im Eingangsbereich des Gymnasiums noch bis Mitte Juni zu den Öffnungszeiten des Gebäudes (7.30 Uhr bis 17.30 Uhr, nicht am Wochenende und in den Pfingstferien) öffentlich zugänglich und kann dort besichtigt werden. Weitere Informationen gibt es auch unter: https://www.findingivy.org/