Gelungene Integration in Hechingen: Zwei syrische Kriegsflüchtlinge haben jetzt ihre eigene Kfz-Werkstatt

Ein Traum, an dem sie hart gearbeitet haben, ist wahr geworden: Mohamad Subhi Albdiwi (links) und Imad Srywel sind zwei syrische Kriegsflüchtlinge, die in Hechingen jetzt ihre eigene Kfz-Werkstatt eröffnet haben.⇥
Hardy KromerDeutschlands Problem Nummer eins? Die Migration! So rauscht es durch den Blätterwald und funkt es über den digitalen Äther. Was Einwanderer der Gesellschaft geben können, wird viel zu selten beachtet. Dabei gibt es genügend Positivbeispiele im eigenen Städtchen. So wie das von den beiden syrischen Kriegsflüchtlingen, die vergangenen Monat in der Hechinger Unterstadt ihre eigene Kfz-Meisterwerkstatt eröffnet haben: Auto Fixpress in der Gammertinger Straße.
Wie haben sie das geschafft?
Aber wie haben sie es geschafft, in weniger als zehn Jahren von verzweifelten Bootsflüchtlingen, die unter Lebensgefahr übers Mittelmeer schippern, zu Firmengründern in bestem schwäbischem Sinne zu werden? Imad Srywel und Mohamad Subhi Albdiwi erzählen gerne davon – und sie wollen (nein, das sei nicht respektlos!) hier nur Imad und Mohamad genannt werden.
Also: Imad, heute 27 Jahre alt, stammt aus der Nähe der syrischen Hauptstadt Damaskus und ist im Dezember 2012 vor dem Bürgerkrieg in seinem Heimatland zusammen mit seiner Familie zunächst nach Libyen geflohen. „Die Zeit dort war hart“, erinnert er sich. „Auch in Libyen war Krieg, wenn auch nicht so schwer wie in Syrien.“ Kein Land zum Leben. Nach anderthalb Jahren floh Imad weiter, übers Mittelmeer nach Italien. Mitte Juli 2014 kam er nach Deutschland.
Neue Heimat Mittelfranken
Das Städtchen Scheinfeld in Mittelfranken wurde seine neue deutsche Heimat. Er ging dort zur Schule, lernte Deutsch, absolvierte die neunte Klasse, machte erst ein Praktikum, dann eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker in einer Autowerkstatt. Dann, als er auf eine direkte Übernahme als Geselle gehofft hatte, kam Corona.
Die Meisterprüfung in der Corona-Zeit
Doch Imad ließ sich nicht aus der Bahn werfen, heuerte als Servicemitarbeiter bei einem Wohnmobilhersteller an, arbeitete ein paar Monate als Maschinen- und Anlagenführer – und wurde schließlich auf der Meisterschule in Frankfurt aufgenommen. Mitten in der Corona-Zeit absolvierte er den Lehrgang zum Kfz-Mechatronikermeister. „Viel lief online, meistens mit 60 Teilnehmern“, erzählt er. „Es war schwer, aber am Ende haben wir es geschafft.“ Bald führte er eine Kfz-Werkstatt in der Nähe vor Erlangen als Meister. Eine Karriere nach Maß.
Hechingen schon früh im Blick
Imads Cousin Mohamad, heute 23 Jahre alt, kam 2015 im Zuge der großen Fluchtbewegung nach Deutschland. Syrien, Libanon, Türkei, übers Meer nach Griechenland, dann die Balkanroute. Für den damals 15-Jährigen war Scheinfeld, wo Imad und andere Verwandte lebten, die erste Anlaufstation. 2019 zog er weiter nach Reutlingen. Auch Hechingen hatte er früh im Blick. Hier leben seine Tante und ein weiterer Cousin schon seit 2015.
Möglichst schnell etwas lernen
Auch für ihn galt von Anfang an die Devise: möglichst schnell etwas lernen. „Ich bin auch in Syrien trotz Belagerung, trotz Bombardierung immer zur Schule gegangen“, erzählt er. „Ich habe die ganze Zeit nicht aufgehört zu lernen.“ In Reutlingen machte Mohamad eine Ausbildung zum Elektroniker für Geräte und Systeme, bestand nebenher noch das Fachabitur an der Steinbeis-Berufsschule. Gegenwärtig absolviert er den Meisterlehrgang in seiner Branche.
Der Entschluss zur Existenzgründung
In diesem Jahr haben Imad und Mohamad entschieden, ihre Kompetenzen zusammenzuwerfen und gemeinsam eine Kfz-Werkstätte zu eröffnen. Fündig wurden sie in Hechingen, Eröffnung war Anfang Oktober. Es ist ein richtiger kleiner Familienbetrieb geworden. Imads Schwester ist als Bürokauffrau mit an Bord, sein Vater wirft einen Blick auf den Autohandel, auch Mohamads Bruder ist im Team. Das Serviceangebot ist breit und erstreckt sich auf alle Marken. In naher Zukunft will Auto Fixpress auch in den An- und Verkauf von Fahrzeugen einsteigen.
Was war schwierig? Die Sprache!
Was in dieser Kurzfassung wie eine sehr glatte Erfolgsgeschichte klingt, war für die beiden Protagonisten in Wahrheit ein sehr steiniger Weg. Was war das Schwierigste beim Versuch, in Deutschland Fuß zu fassen? Mohamad zögert keine Sekunde: „Die Sprache! Ich bin nicht so sprachbegabt. Es war schon schwierig.“ Imad pflichtet bei: „Klare Antwort: die Sprache. Sonst nichts.“ Inzwischen sprechen beide sehr gut Deutsch.
Feuerwehr als Integrationshelferin
Heute sind die Wartelisten für Sprach- und Integrationskurse im Zollernalbkreis lang. „Damals“, erinnert sich Mohamad an sein Ankunftsjahr 2015, „war das kein so großes Problem. Es gab genügend Sprachkurse.“ Schwierigkeiten mit der deutschen Bürokratie hatte er freilich dennoch: „Die Mittlere Reife aus Syrien wollte keiner akzeptieren, obwohl mein Zeugnis beglaubigt war. Deshalb musste ich die zehnte Klasse hier nachmachen.“ Imad nennt außer Spracherwerb und Lernwille noch ein weiteres Rezept für seine erfolgreiche Integration: „Ich bin in Scheinfeld auch in die Feuerwehr gegangen. Ich habe die modulare Truppmann-Ausbildung gemacht und war aktiver Feuerwehrmann.“ Erfahrungen mit den Kameraden? „Das war sehr entspannt. Die haben sich sehr gefreut, dass ein Zuwanderer bei ihnen mitmacht.“
Mit einem klaren Ziel kann man es schaffen
Auch in Hechingen, so sein Plan, will Imad bei der Feuerwehr anheuern. Und auch bei der Integration anderer Geflüchteter hat er schon ehrenamtlich geholfen. Ihnen will der 27-Jährige, der inzwischen die letzte Hürde zur Einbürgerung genommen hat, vermitteln, was er selbst erfahren hat: „Wenn man ein Ziel klar vor Augen hat, kann man es in Deutschland auf jeden Fall schaffen.“
Der Traum von 16 Hebebühnen
Am Ende ihres Weges sehen sich die beiden Cousins noch lange nicht. Mohamads beruflicher Traum: „Dass ich hier drin 16 Mitarbeiter an 16 Hebebühnen sehe“, sagt er und lässt den Blick durch die Werkstatthalle schweifen. Momentan sieht er dort nur zwei Hebebühnen. Die dritte soll im Januar kommen. „Dann können wir den Tüv mit eigenen Geräten abnehmen.“ Imads erklärtes Ziel ist es, ein anerkannter Ausbildungsbetrieb zu werden.
Wohnungssuche bleibt ein Problem
Privat sind indes auch noch nicht alle Wünsche in Erfüllung gegangen. Stichwort Wohnungssuche. „Eine Wohnung für meine Frau und mich zu finden ist immer noch ein Problem“, sagt Imad, der immer noch bei seinem Cousin in Reutlingen wohnt. Irgendwann, so der Traum des Neu-Deutschen, würde er für seine Familie gerne ein Haus kaufen.
Keinen Cent für Diktator Assad
Mohamad wird derweil sehr sentimental, wenn man ihn nach Wünschen fragt. „Meine Mutter und meine Schwester sind noch immer in Syrien“, erzählt er. Sein Traum wäre ein Wiedersehen in Deutschland, irgendwann. Ein Besuch in Syrien kommt für ihn nicht in Frage. Ein Reisepass würde ihn 800 Euro kosten, erzählt er. Doch dem Diktator Assad, der seinen Vater seit 2012 aus politischen Gründen im Gefängnis halte, werde er keinen Cent zahlen, ist Mohamad fest entschlossen.

