Forschungsarbeit zum Holocaust: Zwischen Verzweiflung und Hoffnung

Papst Pius XII. war vom 2. März 1939 bis zu seinem Tod am 9. Oktober 1958 Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Viele Juden wandten sich in Zeiten der Shoah mit Bittschriften an ihn.
picture alliance / dpa- Szenische Lesung in der Alten Synagoge Hechingen: Forschung zu jüdischen Bittschreiben an den Papst.
- Grundlage sind seit 2020 zugängliche Akten zu Papst Pius XII und tausende Gesuche an den Vatikan.
- Wolf erläuterte den Instanzenweg: Der Papst sah wohl nur etwa zehn Prozent der Schreiben.
- Beispiele zeigten Hilfe und Scheitern: von Visa- und Geldbitten bis zu geretteten und ermordeten Familien.
- Bürokratie der Kurie wirkte oft hinderlich – teils Unterstützung mit Geld oder Schiffspassagen belegt.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Heiliger Vater, retten Sie uns“ – so lautet die Kernbotschaft von tausenden Bittgesuchen, an den Heiligen Stuhl. Jahrzehntelang blieben diese Schreiben unter Verschluss, verborgen in den geheimen Archiven des Vatikans. Erst mit der Öffnung der vatikanischen Bestände zu Papst Pius’ XII im Jahr 2020 wurde der Blick frei für Dr. Hubert Wolf, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Münster auf ein bisher unbekanntes Kapitel der Geschichte – bislang festgehalten in einer ungeheuren Anzahl von Schachteln mit bis zu 1000 Blatt.
Durch die vatikanischen Instanzen
Nach der Begrüßung von Prof. Dr. Oliver Dyma und einleitender Musik, vorgetragen von Irmtraud Fuchs, Klavier und Uwe Renz, Klarinette, erläuterte Hubert Wolf die wissenschaftliche Vorgehensweise seiner Fachgruppe und zeichnete anhand von Beispielen den Weg der Gesuche durch die vatikanischen Instanzen nach. Die Dokumente zeigen, dass der Vatikan die jüdischen Bittsteller keinesfalls ignorierte – natürlich versuchte man zu helfen – doch welche Bittschreiben wurden dem Papst vorgelegt und welche nicht? Vermutlich sah Pius XII nur zehn Prozent der Bittschreiben persönlich. Das heißt in der Umkehr, dass 90 Prozent der Fälle von Ebenen weiter unten entschieden wurde – weg vom Papst hin zur Kurie.
Viele Schicksale besiegelt
Die Akten machen auch deutlich, wie sich bürokratische Pedanterie und Nachlässigkeit der Kurie häufig als Hemmschuhe erwiesen. Wenn ein Mitarbeiter ein Schreiben abschlägig beschied, dann war das Schicksal der Betroffenen oft besiegelt. Darüber hinaus ging das Forschungsteam den Lebensumständen der Bittsteller nach: Worum baten die Verfolgten? Wie wurde Hilfe gewährt? Die Briefe an den Heiligen Stuhl stammen von Frauen und Männern, von Kindern und Jugendlichen, ihre Verfasser – manche getauft, andere nicht – gehören den unterschiedlichen Denominationen und Generationen an.
Jeder einzelne Brief auf Deutsch, Französisch, Jiddisch, in allen europäischen Sprachen geschrieben erzählt aus der Ich-Perspektive die Geschichte eines verzweifelten Menschen in auswegloser Lage; und oft sind es die letzten Texte, die die Menschen vor ihrer Ermordung geschrieben haben. Sie bitten zum Beispiel um einen Pass, ein Visum, Geld oder Informationen über vermisste Familienangehörige.
Brief von Elisabeth Einstein
In einer szenischen Lesung legte Hubert Wolf die bisher ermittelten Forschungsergebnisse dar. Ergänzend dazu zitierte seine Mitarbeiterin Dr. Barbara Schlüter aus den erforschten Dokumenten und aus den Briefen der Bittsteller. Da schreibt Elisabeth Einstein aus Stuttgart an das Päpstliche Staatssekretariat und bittet den Papst um finanzielle Hilfe: 209 US-Dollar für ihr Ticket, das sie mit dem Schiff in Sicherheit bringen soll. Dazu schreibt der Stuttgarter Stadtpfarrer Vogt: „Wir müssen ihr unbedingt helfen, auch wenn ihr Mann und ihre Kinder nicht konvertiert sind“.
Auch der Bischof von Rottenburg, Johannes Baptista Sproll, ein erklärter Nazigegner, der 1938 seiner Diözese verwiesen worden war, setzt sich nachdrücklich für Familie Einstein ein. Als die vatikanischen Behörden das Geld für ihre rettende Schiffspassage endlich überwies, konnten sie es nicht mehr abfordern, weil das amerikanische Konsulat inzwischen geschlossen war.
Elisabeth Einstein, ihr Mann und ihre drei Kinder wurden in die Vernichtungslager der Nazis deportiert und bis auf einen Sohn ermordet. Dieser schaffte es nach Amerika. „Mit knapper Mühe und mithilfe des Allmächtigen dem Schlimmsten entronnen“, bittet Martin Wachskerz, Student der jüdischen Theologie, den Papst um Hilfe, da sein Asylgesuch von der Schweizer Fremdenpolizei bisher ohne Antwort geblieben war. Besonders anrührend das Los von Ida und Joseph Gabler: Die Mutter wurde von ihrem Kleinkind getrennt, sein Verbleib drohte im staatlichen Behördendschungel zu versinken. Ida bat in dieser verzweifelten Lage um Vermittlung. Es gelingt Mutter und Sohn zusammenzuführen, die mittels finanzieller Unterstützung in die USA ausreisen konnten.
„Nichts zu machen“
Traurig auch die Geschichte von Alex Weissberger. Seine Aufenthaltsgenehmigung für Rumänien lief ab und er hatte die Aussicht auf ein Visum nach Australien – doch es mangelte am Geld. In den Unterlagen fand sich der Vermerk „Ndf“ (niente da fare – nichts zu machen).
Hubert Wolf wies darauf hin, dass der Heilige Stuhl oft mit Geld oder einer Schiffspassage geholfen habe und er habe teils Aufschlüsse über das weitere Schicksal der Überlebenden. Eine besonders eindrückliche Erfahrung war für ihn die Begegnung mit dem Enkel von Elisabeth Einstein in Stuttgart, der mahnende Worte an ihn richtete. Nach einem weiteren Musikbeitrag endete die nachdenklich stimmende Veranstaltung.
