Erinnerung per App
: So erzählt Hechingen 500 Jahre jüdisches Leben digital ganz neu

500 Jahre jüdisches Leben, dann die Vernichtung durch die Nazis: Ein neuer digitaler Stadtrundgang macht bewegende Geschichten aus Hechingen jetzt direkt vor Ort erlebbar.
Von
Hardy Kromer
Hechingen
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Die Macher des digitalen Stadtrundgangs "Jüdisches Leben in Hechingen" mit Bürgermeister Philipp Hahn (hinten links) vor der Alten Synagoge. Von links: Martia Frey, Ulrike Stoll-Dyma, Michael Linne, Leobert Fäßler, Nadine Oswald und Boris Kotchoubey.

Die Macher des digitalen Stadtrundgangs „Jüdisches Leben in Hechingen“ mit Bürgermeister Philipp Hahn (hinten Mitte) vor der Alten Synagoge. Vorne von links: Martina Frey, Ulrike Stoll-Dyma, Michael Linne, Leobert Fäßler, Nadine Oswald und Boris Kotchoubey.

Hardy Kromer
  • Neuer digitaler Stadtrundgang in Hechingen zeigt 500 Jahre jüdisches Leben – via zeigmal-App.
  • 18 Stationen mit Audio, Texten, historischen Fotos und AR blenden Geschichte ins Stadtbild ein.
  • Bewegende Schicksale wie Marie Levi sowie Rettungsgeschichten um Ernst Rosenfeld werden erzählt.
  • Projektgruppe um das städtische Kulturbüro entwickelte das Angebot ohne Registrierung und kostenlos.
  • Ziel ist ein Zeichen gegen Antisemitismus, eingebettet in das Programm zur Landesausstellung 2027.

Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.

Jüdisches Leben gab es in Hechingen mehr als 500 Jahre lang, bevor ihm die Nationalsozialisten den Garaus machten. Die Geschichten, die es hervorbrachte, sind so spannend, so vielfältig und so emotional, dass Stadtführer Boris Kotchoubey sich wundert, „dass noch niemand einen Film darüber gedreht oder einen Roman darüber geschrieben hat“.

Marie Levis Abschiedsbrief

Tieftraurige Geschichten wie die von Marie Levi (1869-1941), die von Baisingen nach Hechingen gezogen war und in der Herrenackerstraße 29 lebte. 1941, als sie Witwe und 72 Jahre alt war, erhielt sie zusammen mit zehn weiteren Hechinger Juden den Deportationsbefehl nach Riga ins KZ Jungfernhof. Drei Tage vor dem Abtransport drehte sie in der Küche ihrer Mietwohnung den Gashahn auf. Man fand sie, nur mit einem Nachthemd bekleidet, tot an ihrem Küchentisch sitzend. In ihrem Abschiedsbrief stand: „Ich nehme mir das Leben, weil ich nicht ins KZ möchte.“ Wie viele andere Juden sah auch Marie Levi den Freitod als letzten Ausweg vor der Ermordung durch die Nazis. Von den 30 Jüdinnen und Juden, die 1941 und 1942 aus Hechingen deportiert wurden, hat kein einziger überlebt.

Im Keller überlebt

Und doch gibt es auch Geschichten, die ein gutes Ende nahmen. Zum Beispiel jene vom Amtsrichter Dr. Ernst Rosenfeld, der nach 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft seine Stelle verlor. Er emigrierte zunächst nach Italien, wurde aber auch dort verfolgt und in Frankreich in einem Arbeitslager interniert, bevor ihm 1943 die Flucht gelang. Rosenfeld kehrte nach Hechingen zurück, wo im Haus Schloßstraße 1 bereits seine Frau und seine Tochter bei seiner Schwägerin lebten. 18 Monate lang lebte er versteckt in einem Lagerraum im Keller des Hauses, ohne dass seine Tochter davon wissen durfte. Nach der Befreiung durch die Franzosen erhielt er 1946 eine Anstellung als Amtsgerichtsrat in Freudenstadt und trug zum Wiederaufbau der Justiz in einem demokratischen Deutschland bei. 1995 starb er und wurde – seinem letzten Wunsch folgend – auf dem jüdischen Friedhof in Hechingen begraben.

Rundgang mit 18 Stationen

Für diese und viele andere Geschichten gibt es jetzt eine neue Plattform: den digitalen Stadtrundgang „Jüdisches Leben in Hechingen“. An 18 Stationen macht er jüdische Persönlichkeiten und ihre Schicksale erlebbar – mit Audiobeiträgen, informativen Texten  zum Nachlesen und historischen Bildern. Mithilfe von Augmented Reality (AR) lassen sich historische Aufnahmen über die Smartphone-Kamera in das heutige Stadtbild einblenden. So begegnen sich Vergangenheit und Gegenwart unmittelbar. Greifbar ist der Rundgang über eine App namens „zeigmal“, die sich als digitaler Reiseführer für Baden-Württemberg versteht und bereits Angebote aus 80 Städten und Gemeinden umfasst. Hechingen ist neu dabei.

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Projektleiterin Nadine Oswald stellte die zeigmal-App vor, in die der virtuelle Stadtrundgang integriert ist.

Projektleiterin Nadine Oswald stellte die zeigmal-App vor, in die der virtuelle Stadtrundgang integriert ist.

Hardy Kromer

Erarbeitet hat den virtuellen Stadtrundgang in knapp einjähriger Arbeit eine sechsköpfige Projektgruppe unter der Leitung von Nadine Oswald vom städtischen Kulturbüro. Mit dabei waren Martina Frey und Ulrike Stoll-Dyma von der Initiative Hechinger Synagoge und die Stadtführer Boris Kotchoubey, Leobert Fäßler und Michael Linne.

Zeichen gegen Antisemitismus

Ihr gemeinsames Ansinnen ist es, nicht allein Geschichte zu vermitteln, sondern auch ein  „Zeichen gegen Antisemitismus, Gewalt und Völkermord“ zu setzen – in einer Zeit, in der Judenfeindlichkeit offensichtlich wieder zunimmt. Ihr zeitliches Ziel war es, den Rundgang rechtzeitig zum 40-jährigen Jubiläum der Wiedereröffnung der Alten Synagoge fertigzustellen. Das haben sie geschafft: Das Jubiläum wird am 19. November gefeiert, mit der App auf dem Smartphone ist das jüdische Hechingen ab sofort erlebbar, ohne Registrierung und kostenlos. Überregionale Aufmerksamkeit ist dem Angebot gewiss, denn es ist zusätzlich eingebettet in das Rahmenprogramm der großen Landesausstellung „Mittendrin. Jüdisches Leben im Südwesten“, die ab 19. Februar 2027 im Haus der Geschichte in Stuttgart zu sehen ist.

Bürgermeister Philipp Hahn würdigte die Arbeit der Projektgruppe. Mit dem virtuellen Rundgang bekämen das Erinnern und das Gedenken an die jüdische Geschichte auch in der Zukunft einen Platz – wie es sich gehöre für eine Stadt, in der einst (Mitte des 19. Jahrhunderts) 25 Prozent der Einwohnerschaft jüdischen Glaubens waren.

Prominenz mit Hechinger Bezug: Albert Einstein und seine zweite Frau Elsa, die aus dem Zollernstädtchen stammte.

Prominenz mit Hechinger Bezug: Albert Einstein und seine zweite Frau Elsa, die aus dem Zollernstädtchen stammte.

Screenshot zeigmal-App

Wer den 18 Stationen durch die Oberstadt folgt, erlebt schnell, dass jüdisches Leben in Hechingen weit mehr umfasst als Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung in der Shoah. Da begegnet man Unternehmerfamilien wie Löwengard, Baruch oder Hofheimer, die mit ihren Fabrikgründungen im 19. Jahrhundert Industrialisierung und Wohlstand in das Zollernstädtchen brachten. Da tauchen echte Promis auf, wie der Physik-Nobelpreisträger Albert Einstein, dessen zweite Frau Elsa aus Hechingen stammte, wie der Naturheilkundler und Schriftsteller Friedrich Wolf, der am Obertorplatz seine Arztpraxis betrieb, wie Paul Levi, der die Deutsche Kommunistische Partei gründete, und wie der Schriftsteller Berthold Auerbach, der in Hechingen die Talmudschule besuchte.

Der jüdische Amtsrichter Ernst Rosenfeld versteckte sich anderthalb Jahre lang in einem Hechinger Keller vor den Nazis, bis er von den Franzosen befreit wurde.

Der jüdische Amtsrichter Ernst Rosenfeld versteckte sich anderthalb Jahre lang in einem Hechinger Keller vor den Nazis, bis er von den Franzosen befreit wurde.

Screenshot zeigmal-App

Und man begegnet Menschen, die das gesellschaftliche, religiöse und kulturelle Leben Hechingens prägten, wie der Rabbiner Leon Schmalzbach, der den ersten Narrenmarsch der Hechinger Narrhalla komponierte, Albhöhlen erforschte und Musikvereine gründete. Oder der Rabbiner Samuel Mayer, der sich für ein gutes Miteinander der Religionen einsetzte. Von ihm handelt die Lieblingsanekdote des Stadtführers Leobert Fäßler, die es ebenfalls in die App geschafft hat: Trifft der Rabbi Mayer den katholischen Stadtpfarrer beim Mittagessen im „Museum“. Sagt der Pfarrer neckisch: „Herr Rabbiner, wann esset Sie mal eine Metzelsupp?“, wohlwissend, dass kein toratreuer Jude je Schweinefleisch essen würde. Antwortet der Rabbiner schlagfertig: „An Ihrer Hochzeit, Herr Pfarrer, an Ihrer Hochzeit!“